Ein brisanter Besuch sorgt für Aufregung in der österreichischen Energiepolitik: EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné warb während seines Wien-Aufenthalts für den Ausbau der Atomenergie in Europ...
Ein brisanter Besuch sorgt für Aufregung in der österreichischen Energiepolitik: EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné warb während seines Wien-Aufenthalts für den Ausbau der Atomenergie in Europa – und stößt dabei auf massiven Widerstand von Umweltorganisationen und der österreichischen Regierung. Der französische Vizepräsident der Europäischen Kommission steht im Zentrum einer Kontroverse, die grundsätzliche Fragen zur europäischen Energiestrategie aufwirft.
Herbert Stoiber, Geschäftsführer der Organisation atomstopp_atomkraftfrei leben!, übt harsche Kritik an Séjournés Auftreten: "Obwohl er als EU-Kommissar die Interessen der gesamten Europäischen Union vertreten sollte, tritt Stéphane Séjourné wie ein französischer Atomlobbyist auf." Die Vorwürfe wiegen schwer, denn sie betreffen die Neutralität eines hochrangigen EU-Vertreters.
Die Kritik entzündet sich an Séjournés zentralem Argument der "Energieunabhängigkeit" durch Atomkraft. Diese Begründung wird von österreichischen Experten als irreführend bezeichnet, da die europäische Atomindustrie nach wie vor stark von russischen Lieferungen abhängig ist. Besonders brisant: Der staatliche russische Konzern Rosatom, der sowohl Atomwaffen als auch zivile Atomenergie produziert, unterliegt bis heute keinen EU-Sanktionen – trotz des Ukraine-Krieges.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Das Durchschnittsalter der europäischen Atomreaktoren überschreitet 2025 die kritische 40-Jahre-Marke. Diese Altersgrenze gilt in der Fachwelt als Sicherheitsstandard, nach dem Reaktoren normalerweise stillgelegt werden sollten. Die mathematische Konsequenz ist dramatisch – rein rechnerisch dürfte Ende 2025 kein einziger Reaktor in der EU mehr am Netz sein.
Atomkraftwerke haben eine geplante Betriebsdauer von typischerweise 30 bis 40 Jahren. Nach dieser Zeit steigen die Wartungskosten exponentiell an, während gleichzeitig das Risiko technischer Probleme zunimmt. Materialermüdung, Korrosion und veraltete Sicherheitssysteme machen einen wirtschaftlich sinnvollen Weiterbetrieb zunehmend unmöglich.
In Deutschland wurden bereits alle Atomkraftwerke stillgelegt, Belgien plant den Atomausstieg bis 2025. Selbst atomfreundliche Länder wie Schweden kämpfen mit der Rentabilität ihrer alternden Reaktoren. Die Schweiz hat ein Neubauverbot für Atomkraftwerke verhängt und setzt auf den schrittweisen Ausstieg.
Séjournés Heimatland Frankreich liefert das beste Beispiel für die Probleme der modernen Atomkraft. In den vergangenen 26 Jahren wurde dort genau ein einziges Atomkraftwerk fertiggestellt – und das war ein beispielloses Debakel. Der Reaktor Flamanville 3 sollte ursprünglich 2012 ans Netz gehen und 3,3 Milliarden Euro kosten.
Die Realität sah anders aus: Der Baubeginn erfolgte 2007, die Inbetriebnahme erst Ende 2024 – nach 17 Jahren reiner Bauzeit. Die Kosten explodierten auf 23,7 Milliarden Euro, mehr als das Siebenfache der ursprünglichen Kalkulation. Dieses Beispiel zeigt exemplarisch die Probleme moderner Atomkraftwerke: extreme Kostensteigerungen, jahrzehntelange Verzögerungen und unkalkulierbare Risiken.
Ähnliche Probleme zeigen sich weltweit: In Finnland dauerte der Bau des Reaktors Olkiluoto 3 von 2005 bis 2023, also 18 Jahre. In Großbritannien verzögert sich der Bau von Hinkley Point C um Jahre, während die Kosten von 18 auf über 35 Milliarden Pfund gestiegen sind. Diese Beispiele verdeutlichen, warum private Investoren sich zunehmend von Atomprojekten zurückziehen.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer stellte während Séjournés Besuch eine Gegenposition dar, die auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzt. Seine Botschaft ist klar: Jeder Einzelne könne durch bewusstes Verhalten zum Klimaschutz beitragen – etwa durch Verzicht auf unnötige Autofahrten oder gezieltes Stromsparen.
Diese Haltung spiegelt Österreichs langjährige Tradition als Atomkraft-Gegner wider. Bereits 1978 entschied eine Volksbefragung gegen die Inbetriebnahme des fertiggestellten Atomkraftwerks Zwentendorf. Seither ist die Ablehnung der Atomkraft Konsens aller österreichischen Parteien und in der Verfassung verankert.
Österreich setzt stattdessen konsequent auf erneuerbare Energien. Der Anteil von Wasserkraft, Wind- und Solarenergie am Strommix liegt bereits bei über 80 Prozent – einer der höchsten Werte in Europa. Bis 2030 soll die Stromversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen erfolgen.
Séjournés Argument der "Energieunabhängigkeit" durch Atomkraft erweist sich bei genauerer Betrachtung als Trugschluss. Die europäische Nuklearindustrie ist in mehreren kritischen Bereichen nach wie vor von Russland abhängig. Der staatliche Konzern Rosatom kontrolliert etwa 40 Prozent der weltweiten Urananreicherung und ist bei der Brennelementproduktion für viele europäische Reaktoren unverzichtbar.
Besonders problematisch: Rosatom ist nicht nur ein Energieunternehmen, sondern gleichzeitig für Russlands Atomwaffenprogramm verantwortlich. Dennoch blieb der Konzern von den EU-Sanktionen gegen Russland verschont – ein Zugeständnis an die nuklearen Abhängigkeiten europäischer Länder.
Uran, der Grundstoff für Atomkraftwerke, stammt zu großen Teilen aus politisch instabilen Regionen. Kasachstan, Niger und Russland sind die größten Produzenten weltweit. Diese Abhängigkeit macht die Atomkraft anfällig für geopolitische Verwerfungen und steht im Widerspruch zu Séjournés Versprechen der Energiesicherheit.
Ein zentraler Kritikpunkt der österreichischen Atomkraft-Gegner betrifft die Rolle der Nuklearenergie beim Klimaschutz. Herbert Stoiber argumentiert, dass Atomkraft "keinen Beitrag zur Abbremsung der Erdüberhitzung leisten kann", weil der Neubau von Reaktoren viel zu lange dauere.
Diese Einschätzung stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse: Um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen bis 2030 drastisch reduziert werden. Neue Atomkraftwerke benötigen jedoch 15 bis 20 Jahre von der Planung bis zur Inbetriebnahme – viel zu spät für die akuten Klimaschutzziele.
Hinzu kommt das Problem der Inflexibilität: Atomkraftwerke können ihre Leistung nur schlecht an schwankende Nachfrage anpassen. Sie laufen idealerweise kontinuierlich mit maximaler Leistung. Das macht sie unkompatibel mit erneuerbaren Energien wie Wind und Solar, deren Einspeisung naturgemäß schwankt und flexibles Lastmanagement erfordert.
Während Séjourné auf die Atomkraft setzt, entwickelt sich Europa in eine andere Richtung. Der European Green Deal der EU-Kommission sieht vor, bis 2050 klimaneutral zu werden. Erneuerbare Energien spielen dabei die Hauptrolle, unterstützt von Speichertechnologien und intelligenten Stromnetzen.
Die Kostenentwicklung spricht deutlich für die Erneuerbaren: Die Preise für Solarstrom sind in den vergangenen zehn Jahren um 90 Prozent gefallen, Windkraft wurde um 70 Prozent billiger. Gleichzeitig steigen die Kosten für Atomkraft kontinuierlich an. Neue Photovoltaik-Anlagen produzieren Strom heute für 3 bis 5 Cent pro Kilowattstunde – neue Atomkraftwerke kommen auf 15 bis 20 Cent.
Experten prognostizieren, dass erneuerbare Energien bis 2030 in Europa die dominante Stromquelle werden. Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee, Solarparks im Süden und Wasserkraft in den Alpenländern können den europäischen Strombedarf vollständig decken – ohne die Risiken und Kosten der Atomkraft.
Ein oft übersehener Aspekt der Atomkraft-Debatte ist das ungelöste Problem der radioaktiven Abfälle. Herbert Stoiber warnt vor der "verantwortungslosen" Hinterlassenschaft von gefährlichem Atommüll für "tausende folgenden Generationen".
Hochradioaktive Abfälle bleiben für bis zu einer Million Jahre gefährlich. Kein Land der Welt verfügt bisher über ein endgültiges Lager für diese Substanzen. In Deutschland kostet die Suche nach einem Endlager bereits über 20 Milliarden Euro, ohne dass eine Lösung in Sicht wäre. In Frankreich türmen sich die radioaktiven Abfälle in Zwischenlagern, für die es keine langfristige Strategie gibt.
Die Kosten für die Entsorgung werden auf mehrere hundert Milliarden Euro europaweit geschätzt. Diese Folgekosten werden meist nicht in die Wirtschaftlichkeitsrechnungen für Atomkraft einbezogen, obwohl sie die Gesellschaft noch jahrhundertelang belasten werden.
Die Debatte um Séjournés Österreich-Besuch zeigt exemplarisch die unterschiedlichen Visionen für Europas Energiezukunft. Während Frankreich verzweifelt versucht, seine überdimensionierte Atomindustrie zu retten, gehen andere Länder pragmatische Wege.
Österreich wird seine Vorreiterrolle bei den erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Geplant sind massive Investitionen in Photovoltaik, Windkraft und Wasserstofftechnologie. Das Land könnte bis 2030 nicht nur energieautark werden, sondern sogar grünen Strom exportieren.
Deutschland zeigt trotz aller Herausforderungen, dass eine Industrienation ohne Atomkraft funktionieren kann. Der Atomausstieg wurde vollzogen, ohne dass das Stromnetz zusammengebrochen wäre. Stattdessen beschleunigt sich der Ausbau der Erneuerbaren.
Die Botschaft aus Wien ist klar: Atomkraft ist ein Auslaufmodell, das Europa nicht braucht. Jeder Euro, der in veraltete Nukleartechnologie fließt, fehlt beim Ausbau zukunftsfähiger, sauberer Energien. Séjournés Mission wird daher wohl erfolglos bleiben – zumindest in Österreich.