Eine Insel, die es ohne die großen Hochwasser der Vergangenheit niemals gegeben hätte, wird jetzt zur Hauptdarstellerin im Wien Museum: Die Donauinsel, Wiens längster Freiraum und einer der beliebt...
Eine Insel, die es ohne die großen Hochwasser der Vergangenheit niemals gegeben hätte, wird jetzt zur Hauptdarstellerin im Wien Museum: Die Donauinsel, Wiens längster Freiraum und einer der beliebtesten Erholungsgebiete der Stadt, erhält ab morgen ihre erste umfassende Ausstellung. Was 1972 als reines Hochwasserschutzprojekt begann, entwickelte sich über 16 Jahre Bauzeit zu einem der wichtigsten urbanen Freiräume Europas – und das gegen erheblichen politischen Widerstand.
Als die Wiener Stadtregierung 1969 den politischen Startschuss für das Donauinsel-Projekt gab, stand ausschließlich der Hochwasserschutz im Vordergrund. Die verheerenden Überschwemmungen der Vergangenheit hatten gezeigt, dass Wien einen wirksameren Schutz vor den Wassermassen der Donau benötigte. Niemand hätte damals vorhersagen können, dass auf der geplanten, mehr als 21 Kilometer langen und bis zu 250 Meter breiten künstlichen Insel an warmen Sommertagen einmal über 200.000 Menschen täglich unterwegs sein würden.
Die Bauzeit von 1972 bis 1988 war geprägt von kontroversen Diskussionen über die Nutzung der Insel. Ursprünglich waren völlig andere Konzepte im Gespräch: Hochhäuser sollten auf der Insel entstehen, ein Truppenübungsplatz war geplant, sogar ein Zentralbahnhof stand zur Diskussion. Andere Pläne sahen vor, die Insel als rein wasserbautechnischen Damm ohne jeglichen Zugang zur Neuen Donau zu gestalten. Dass all diese Ideen verworfen wurden, verdankt Wien nicht zuletzt der erstarkenden Umweltbewegung der 1970er Jahre, deren Vertreter sich vehement für eine naturnahe Gestaltung einsetzten.
Um die Bedeutung der Donauinsel zu verstehen, muss man die Hochwassergeschichte Wiens kennen. Jahrhundertelang war die österreichische Hauptstadt immer wieder von verheerenden Überschwemmungen betroffen. Besonders dramatisch waren die Hochwasser von 1954 und 1965, die große Teile der Stadt unter Wasser setzten und enorme Schäden verursachten. Die traditionellen Hochwasserschutzmaßnahmen – hauptsächlich Dämme und Regulierungen – erwiesen sich als unzureichend.
Das Konzept der Donauinsel war revolutionär: Durch die Schaffung eines zweiten Donauarms, der Neuen Donau, sollte die Wassermenge bei Hochwasser auf zwei Flussbetten verteilt werden. Die dazwischen liegende künstliche Insel würde nicht nur als Puffer fungieren, sondern auch die notwendige Stabilität für das gesamte System bieten. Dieses Prinzip der "grünen Infrastruktur" war seiner Zeit voraus und gilt heute als Paradebeispiel für resiliente Stadtplanung.
Wie wichtig diese Funktion nach wie vor ist, zeigte das Hochwasserereignis im Herbst 2024 eindrucksvoll. Während andere Regionen Österreichs und Europas unter den Wassermassen litten, bewährte sich das Donauinsel-System erneut und schützte tausende Wiener Haushalte vor Überschwemmungen.
Die Errichtung der Donauinsel war eine technische Meisterleistung ohnegleichen. Insgesamt wurden etwa 35 Millionen Kubikmeter Erde und Schotter bewegt – eine Menge, die einem Berg von beachtlicher Größe entspricht. Die Insel wurde nicht einfach aufgeschüttet, sondern nach präzisen landschaftsarchitektonischen Plänen geformt. Jeder Meter Gelände, jede Pflanzung und die gesamte Ufergestaltung wurden so aufeinander abgestimmt, dass Hochwasserschutz, Natur und Freizeitnutzung im Gleichgewicht bleiben.
Was die Donauinsel besonders macht, ist ihre Funktion als demokratischer Freiraum. Während in vielen anderen Ländern Europas Zugänge zu Gewässern zunehmend privatisiert werden, bleiben die 42 Kilometer Ufer der Donauinsel vollständig öffentlich zugänglich. Diese Entscheidung war politisch bewusst getroffen und macht die Insel zu einem außergewöhnlichen öffentlichen Gut.
Die soziale Durchmischung auf der Donauinsel ist einzigartig: Familien aus allen Wiener Bezirken treffen hier aufeinander, Menschen unterschiedlichster Herkunft und jeden Alters nutzen den Raum für vielfältigste Aktivitäten. Von kleinen Familienpicknicks bis hin zum Donauinselfest, Europas größtem mehrtägigen Open-Air-Festival, das jährlich über drei Millionen Besucher anzieht, reicht die Bandbreite der Nutzungen.
Diese Vielfalt war von Anfang an nicht geplant, sondern entwickelte sich organisch. Bereits während der Bauphase begannen die Wiener, das Areal "wild" zu nutzen – eine Vorwegnahme der späteren offiziellen Verwendung. Diese spontane Aneignung durch die Bevölkerung beeinflusste maßgeblich die endgültige Gestaltung der Insel.
Mit dem Klimawandel und der zunehmenden Verdichtung der Stadt gewinnt die ökologische Funktion der Donauinsel stetig an Bedeutung. Die Insel wirkt als natürliche Klimaanlage für Wien: An heißen Sommertagen sorgt die Verdunstung des Wassers und die große Grünfläche für eine spürbare Abkühlung. Studien zeigen, dass die Temperatur auf der Donauinsel an Hitzetagen bis zu fünf Grad niedriger sein kann als in der dicht bebauten Innenstadt.
Die Insel beherbergt heute über 100 verschiedene Vogelarten und bietet Lebensraum für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung der Aulandschaften, die sich trotz der künstlichen Entstehung der Insel zu naturnahen Biotopen entwickelt haben. Diese ökologische Vielfalt entstand durch die bewusste Entscheidung, bei der Gestaltung auf natürliche Materialien und heimische Pflanzen zu setzen.
Die Donauinsel hat weit über Österreichs Grenzen hinaus Beachtung gefunden und gilt als internationales Vorzeigeprojekt für resiliente Stadtplanung. Delegationen aus aller Welt reisen nach Wien, um sich das Konzept anzusehen und Lehren für ihre eigenen Städte zu ziehen. Besonders Metropolen, die ebenfalls mit Hochwasserrisiken konfrontiert sind, interessieren sich für die Wiener Lösung.
Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten nimmt Wien mit der Donauinsel eine Sonderstellung ein. Während London mit der Thames Barrier auf rein technische Lösungen setzt und Hamburg mit der HafenCity auf kostspielige Aufschüttungen, vereint die Donauinsel Hochwasserschutz mit Lebensqualität und Naturschutz. Paris plant mit dem Projekt "Grand Paris" ähnliche Grünzüge, kann aber nicht auf eine so große zusammenhängende Fläche zurückgreifen.
Auch im deutschsprachigen Raum ist die Donauinsel einzigartig. Der Englische Garten in München ist zwar größer, aber nicht multifunktional für Hochwasserschutz konzipiert. Der Rhein bei Basel oder Köln bietet zwar Wasserzugang, aber nicht die geschützten Badezonen und die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten wie die Neue Donau.
Die Baukosten der Donauinsel beliefen sich auf etwa 6,8 Milliarden Schilling (in heutiger Kaufkraft etwa 1,5 Milliarden Euro). Diese Investition hat sich mehrfach amortisiert: Allein die vermiedenen Hochwasserschäden der letzten Jahrzehnte übertreffen die Baukosten bei weitem. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien aus dem Jahr 2020 beziffert den jährlichen wirtschaftlichen Nutzen der Donauinsel auf über 500 Millionen Euro – durch Tourismus, vermiedene Hochwasserschäden, Gesundheitseffekte durch Sport und Erholung sowie Wertsteigerungen der angrenzenden Immobilien.
Die neue Ausstellung "Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum" im Wien Museum ist die erste umfassende Darstellung der Geschichte und Gegenwart dieses einzigartigen Landschaftsraums. Kuratiert wird sie von Martina Nußbaumer vom Wien Museum und Ulrike Krippner von der Universität für Bodenkultur Wien, die sich seit Jahren wissenschaftlich mit der Donauinsel beschäftigt.
Besonders wertvoll sind die Interviews mit Zeitzeugen, die am Planungs- und Bauprozess beteiligt waren: Bruno Domany, Ulrike Goldschmid, Gottfried Hansjakob, Stefan Hübner und Walter Redl kommen direkt zu Wort und schildern ihre Erfahrungen aus erster Hand. Diese Zeitzeugengespräche dokumentieren nicht nur die technischen Herausforderungen, sondern auch die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen, die das Projekt begleiteten.
Die Wiener Gewässer (MA 45), die bis heute für die Pflege und Erhaltung der Donauinsel zuständig sind, unterstützten die Ausstellung mit Fachwissen und Leihgaben. Gerald Loew und Thomas Kozuh-Schneeberger, beide langjährige Experten der Stadtverwaltung, erklären im 432-seitigen Begleitbuch, wie sich die Anforderungen an die Donauinsel seit ihren Anfängen verändert haben.
Die Donauinsel ist keineswegs ein abgeschlossenes Projekt, sondern befindet sich in stetigem Wandel. Zahlreiche Attraktivierungsprojekte der letzten Jahre haben sie zukunftsfit gemacht: Neue Top-Badeoasen wie das Pier 22, CopaBeach oder der Arena Beach bieten direkten Wasserzugang zur Neuen Donau und moderne Infrastruktur für Besucher.
Für die Zukunft sind weitere Verbesserungen geplant: Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsanbindung, neue Gastronomiebetriebe und erweiterte Sportmöglichkeiten stehen auf der Agenda. Besonders im Fokus steht die Anpassung an den Klimawandel: Mehr schattenspendende Bäume, zusätzliche Trinkbrunnen und klimaresistente Bepflanzung sollen die Insel auch bei steigenden Temperaturen attraktiv halten.
Die Geschichte der Donauinsel spiegelt wie kaum ein anderes Projekt die Entwicklung Wiens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Von den anfänglichen technokratischen Plänen bis hin zum heutigen Bürgerparadies zeigt sie, wie sich eine Stadt wandeln und auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner eingehen kann.
"Die Donauinsel gehört zur DNA unserer Stadt", betonte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler bei der Ausstellungseröffnung. Diese Aussage trifft den Kern: Die Donauinsel ist mehr als nur ein Stück Land im Wasser – sie ist ein Symbol für die Innovationskraft und Zukunftsorientierung Wiens geworden. Sie zeigt, dass Stadtentwicklung Sicherheit, Lebensqualität und kulturelle Vielfalt miteinander verbinden kann.
Heute, fast 40 Jahre nach der Fertigstellung, ist die Donauinsel aus dem Wiener Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Sie hat bewiesen, dass visionäre Stadtplanung auch gegen politischen Widerstand durchgesetzt werden kann, wenn sie langfristig dem Gemeinwohl dient. Als internationales Vorzeigeprojekt für resiliente Stadtplanung inspiriert sie weiterhin Planer und Politiker weltweit.
Die Ausstellung "Die Donauinsel. 21 Kilometer Freiraum" läuft vom 26. März bis 30. August 2026 im Wien Museum und bietet die einzigartige Gelegenheit, dieses besondere Natur- und Freizeitareal im Rahmen einer Reise durch seine faszinierende Geschichte neu zu entdecken. Begleitend zur Ausstellung erscheint im Falter Verlag ein umfassendes Buch zum Preis von 38 Euro, das die Geschichte der Donauinsel detailliert dokumentiert und für jeden Wiener und Wien-Interessierten eine Bereicherung darstellt.