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Don-Bosco-Heim Amstetten: 60 Jahre Jugendarbeit vor dem Aus

16. April 2026 um 12:02
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Nach sechs Jahrzehnten erfolgreicher Jugend- und Integrationsarbeit steht das traditionsreiche Don-Bosco-Heim in Amstetten vor dem Aus. Der Grund: FPÖ-Landesrat Martin Antauer hat die Landesförderm...

Nach sechs Jahrzehnten erfolgreicher Jugend- und Integrationsarbeit steht das traditionsreiche Don-Bosco-Heim in Amstetten vor dem Aus. Der Grund: FPÖ-Landesrat Martin Antauer hat die Landesfördermittel in Höhe von 50.000 Euro gestrichen. Die Entscheidung sorgt für heftige politische Kontroversen und könnte weitreichende Folgen für die soziale Infrastruktur in Niederösterreich haben. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen, die in der Einrichtung Halt und Perspektiven gefunden haben.

Grüne fordern sofortige Rücknahme der Förderkürzung

Der Grüne Landtagsabgeordnete Dominic Hörlezeder reagiert mit scharfer Kritik auf die Entscheidung aus dem Ressort von Landesrat Antauer. "Was hier passiert, ist ein Anschlag auf die soziale Infrastruktur unserer Region. Sechs Jahrzehnte Jugendarbeit, Integration und Chancengerechtigkeit werden blindlings geopfert – das ist nicht nur kurzsichtig, sondern zutiefst unsozial", so der Amstettener Gemeinderat. Die Kritik richtet sich direkt an die Verantwortung des FPÖ-Landesrats, der nach Angaben Hörlezeders die politische Entscheidung für diese Kürzung getroffen hat.

Politische Verantwortung liegt bei Landesrat Antauer

Die Förderkürzung erfolgte nicht über Nacht. Bereits im Februar erhielt die Einrichtung einen Brief aus der Abteilung Integration, der die drohende Streichung der Fördermittel ankündigte. Seither arbeitet das Don-Bosco-Heim im Krisenmodus und musste sein Angebot auf nur drei Tage pro Woche reduzieren. Diese Vorgehensweise kritisiert Hörlezeder als "rücksichtslos" und macht deutlich: "LR Antauer entscheidet, wo in seinem Ressort gespart wird – er trägt damit die politische Verantwortung für die Schließung des Don-Bosco-Heims in Amstetten – und damit für jedes betroffene Kind, das um eine Zukunftschance beraubt wird."

60 Jahre Erfolgsgeschichte in der Jugendarbeit

Das Don-Bosco-Heim in Amstetten blickt auf eine bemerkenswerte Geschichte zurück. Seit sechs Jahrzehnten fungiert die Einrichtung als wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in der Region. Der Name geht auf den italienischen Priester und Pädagogen Johannes Bosco (1815-1888) zurück, der sich besonders der Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen widmete und dessen pädagogische Ansätze bis heute in sozialen Einrichtungen weltweit Anwendung finden.

Mehr als nur ein Jugendhort

Die Einrichtung in Amstetten hat sich über die Jahrzehnte zu weit mehr als einem klassischen Jugendhort entwickelt. Sie bietet einen offenen Raum für Kinder und Jugendliche aus finanziell benachteiligten Verhältnissen sowie für junge Menschen mit Migrationshintergrund. Das Angebotsspektrum umfasst niederschwellige Freizeitangebote, professionelle Einzelfallberatung, spezielle Mädchenarbeit und Workshops zu Themen wie Fairness und Verantwortung. Diese vielschichtige Betreuung ermöglicht es der Einrichtung, individuelle Bedürfnisse zu erkennen und entsprechende Unterstützung anzubieten.

Soziale Infrastruktur unter Spardruck

Die Schließung des Don-Bosco-Heims ist symptomatisch für einen größeren Trend in der österreichischen Sozialpolitik. Angesichts angespannter öffentlicher Haushalte geraten soziale Einrichtungen zunehmend unter Druck. Experten warnen jedoch vor den langfristigen Folgen solcher Einsparungen. "Solche Einrichtungen übernehmen gesellschaftliche Aufgaben, die wir als Gemeinschaft schulden. Sie fangen auf, was in Familien, Schulen und Behörden nicht aufgefangen werden kann", erklärt Hörlezeder die gesellschaftliche Bedeutung derartiger Angebote.

Folgekosten von Einsparungen

Die vermeintlichen Einsparungen durch die Streichung der 50.000 Euro Landesförderung könnten sich langfristig als kostspielig erweisen. Präventive Jugendarbeit gilt in der Fachwelt als deutlich kostengünstiger als nachträgliche Kriseninterventionen. Wenn Jugendliche keine niederschwelligen Unterstützungsangebote erhalten, steigt das Risiko für Schulabbrüche, Arbeitslosigkeit, Suchtprobleme oder Straffälligkeit. Die dadurch entstehenden gesellschaftlichen Folgekosten übersteigen oft um ein Vielfaches die ursprünglichen Investitionen in die Prävention.

Amstetten als wachsende Stadt mit besonderen Herausforderungen

Die Bezirkshauptstadt Amstetten hat sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt. Mit rund 25.000 Einwohnern ist sie eine der größeren Städte in Niederösterreich und fungiert als wichtiges Zentrum im Mostviertel. Die Bevölkerungsstruktur ist vielfältig geworden: Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen leben hier zusammen, was sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringt.

Integrationsbedarf in einer vielfältigen Gesellschaft

Gerade in einer wachsenden Stadt wie Amstetten, wo Jugendliche mit unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinandertreffen, sind niederschwellige Angebote von besonderer Bedeutung. Das Don-Bosco-Heim erfüllte genau diese Funktion: Es bot einen Ort der Begegnung und Unterstützung, ohne großes bürokratisches Geflecht. Kinder, Jugendliche und ihre Familien erhielten direkt dort Hilfe, wo Unterstützung notwendig war. Diese unmittelbare Verfügbarkeit von Hilfsangeboten ist in der Sozialarbeit von entscheidender Bedeutung, da Probleme oft schnelle und unkomplizierte Lösungsansätze erfordern.

Vergleich mit anderen Bundesländern

Ein Blick auf andere österreichische Bundesländer zeigt unterschiedliche Ansätze in der Jugendförderung. Wien beispielsweise investiert jährlich über 100 Millionen Euro in die Kinder- und Jugendarbeit, was etwa 50 Euro pro Einwohner entspricht. In der Steiermark wurden in den vergangenen Jahren ebenfalls verstärkt Mittel für präventive Jugendarbeit bereitgestellt. Oberösterreich hat ein dichtes Netz an Jugendzentren und mobiler Jugendarbeit aufgebaut.

Niederösterreichs Position im Bundesvergleich

Niederösterreich als flächenmäßig größtes Bundesland steht vor besonderen Herausforderungen bei der Bereitstellung sozialer Dienste. Die dezentrale Struktur mit vielen kleineren Gemeinden erschwert die Aufrechterhaltung eines flächendeckenden Angebots. Umso wichtiger sind etablierte Einrichtungen wie das Don-Bosco-Heim, die über Jahrzehnte hinweg Vertrauen in der Bevölkerung aufgebaut haben und als Anlaufstellen in der Region fungieren.

Auswirkungen auf betroffene Familien

Die Schließung der Einrichtung trifft besonders jene Familien hart, die auf kostengünstige oder kostenlose Betreuungsangebote angewiesen sind. Viele Eltern in Amstetten haben ihre Arbeitszeiten an die Öffnungszeiten des Don-Bosco-Heims angepasst. Alleinerziehende sind besonders betroffen, da sie oft auf verlässliche Nachmittagsbetreuung angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

Langfristige Folgen für die Jugendlichen

Für die direkt betroffenen Kinder und Jugendlichen bedeutet die Schließung den Verlust eines wichtigen sozialen Bezugspunkts. Viele haben in der Einrichtung nicht nur Betreuung, sondern auch Freundschaften und Orientierung gefunden. Der plötzliche Wegfall dieser Struktur kann zu Verunsicherung und sozialer Isolation führen. Besonders für Jugendliche mit Migrationshintergrund war das Don-Bosco-Heim oft eine Brücke zwischen verschiedenen kulturellen Welten.

Rolle der offenen Jugendarbeit

Offene Jugendarbeit, wie sie im Don-Bosco-Heim praktiziert wurde, unterscheidet sich grundlegend von schulischen oder familiären Betreuungsformen. Sie basiert auf den Prinzipien der Freiwilligkeit, Niederschwelligkeit und Partizipation. Jugendliche können selbst entscheiden, welche Angebote sie nutzen möchten, und werden gleichzeitig ermutigt, eigene Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

Präventive Wirkung sozialer Arbeit

Studien belegen die präventive Wirkung offener Jugendarbeit. Eine Untersuchung des Österreichischen Instituts für Jugendforschung zeigt, dass Jugendliche, die regelmäßig Angebote der offenen Jugendarbeit nutzen, seltener von Schulabbrüchen, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität betroffen sind. Die Investition in solche Einrichtungen zahlt sich langfristig durch niedrigere Folgekosten in anderen Bereichen aus.

Politische Dimensionen der Entscheidung

Die Streichung der Fördermittel für das Don-Bosco-Heim wirft grundsätzliche Fragen zur Prioritätensetzung in der niederösterreichischen Landespolitik auf. Die FPÖ, die das Integrationsressort führt, hat in der Vergangenheit verstärkt auf die Eigenverantwortung von Familien und die Subsidiarität sozialer Dienste gesetzt. Kritiker sehen darin eine ideologische Wende, die zu Lasten der Schwächsten in der Gesellschaft geht.

Kommunale Handlungsmöglichkeiten

Während das Land Niederösterreich die Förderung streicht, könnte die Stadt Amstetten theoretisch einspringen. Allerdings sind die kommunalen Budgets oft noch stärker begrenzt als die Landesmittel. Zudem fehlt vielen Gemeinden die fachliche Expertise für die Führung sozialer Einrichtungen. Der Verlust bewährter Trägerorganisationen wie der Salesianer Don Boscos bedeutet oft auch den Verlust jahrzehntelanger Erfahrung und Netzwerke.

Zukunftsperspektiven für die Jugendarbeit in Amstetten

Die Schließung des Don-Bosco-Heims hinterlässt eine Lücke in der sozialen Infrastruktur von Amstetten, die nicht leicht zu schließen sein wird. Alternative Angebote müssten erst aufgebaut werden, was Zeit und Ressourcen erfordert, die derzeit nicht verfügbar scheinen. Private Anbieter orientieren sich oft an rentablen Zielgruppen und können die niederschwellige Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen nicht in gleichem Maße leisten.

Mögliche Alternativen und Lösungsansätze

Denkbare Alternativen könnten mobile Jugendarbeit oder die Integration der Angebote in bestehende Strukturen wie Schulen oder Gemeindezentren sein. Allerdings erreichen diese Ansätze oft nicht die gleiche Zielgruppe wie offene Jugendeinrichtungen. Eine andere Möglichkeit wäre die Suche nach privaten Sponsoren oder die Gründung eines Vereins zur Weiterführung der Arbeit. Solche Lösungen sind jedoch oft unsicher und können die Kontinuität der Arbeit nicht in gleichem Maße gewährleisten wie eine verlässliche öffentliche Förderung.

Forderung nach Umkehr der Entscheidung

Angesichts der weitreichenden Folgen fordert Dominic Hörlezeder eine sofortige Rücknahme der Entscheidung: "Ich fordere Landesrat Antauer auf, diese Entscheidung zurückzunehmen und die Fördermittel wieder bereitzustellen. 50.000 EUR Landesförderung stehen hier im Verhältnis zu 60 Jahren Aufbauarbeit und dem sozialen Wohl von Hunderten Jugendlichen in unserer Stadt." Diese Aussage unterstreicht das Missverhältnis zwischen der relativ geringen Einsparung und den weitreichenden gesellschaftlichen Folgen.

Die Debatte um das Don-Bosco-Heim in Amstetten steht stellvertretend für grundsätzliche Fragen zur Zukunft der sozialen Infrastruktur in Österreich. Während Politiker aller Parteien die Bedeutung der Jugendarbeit betonen, zeigen sich in konkreten Budgetentscheidungen oft andere Prioritäten. Die betroffenen Familien und Jugendlichen werden die Folgen dieser Entscheidung am deutlichsten spüren – unabhängig davon, wie die politische Diskussion ausgeht.

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