Wenn ein Tennisstar seine Schläger gegen Angelruten tauscht, um urzeitliche Giganten zu retten, dann zeigt das: Der Artenschutz hat in Österreich neue, prominente Verbündete gefunden. Dominic Thiem...
Wenn ein Tennisstar seine Schläger gegen Angelruten tauscht, um urzeitliche Giganten zu retten, dann zeigt das: Der Artenschutz hat in Österreich neue, prominente Verbündete gefunden. Dominic Thiem, einst Weltranglistendritter und French-Open-Sieger, engagiert sich mit einer großzügigen Spende für die am stärksten bedrohte Tiergruppe der Welt – die Störe. Seine Unterstützung kommt zur richtigen Zeit, denn die Lage der urzeitlichen Fische in der Donau ist dramatisch.
Störe sind lebende Fossilien, die seit über 200 Millionen Jahren die Gewässer unseres Planeten durchziehen. Diese beeindruckenden Fische können bis zu 100 Jahre alt und mehrere Meter lang werden. Der Hausen, die größte Störart, erreicht sogar eine Länge von über fünf Metern und kann mehr als eine Tonne wiegen. Doch was einst die Flüsse Europas in großer Zahl bevölkerte, ist heute vom Aussterben bedroht.
In der Donau, Europas zweitlängstem Fluss, leben noch vier Störarten: der Waxdick (Acipenser gueldenstaedtii), der Sternhausen (Acipenser stellatus), der Hausen (Huso huso) und der kleinere Sterlet (Acipenser ruthenus). Diese Arten haben eine besondere Bedeutung für das Ökosystem der Donau, da sie als Wanderfische zwischen Süß- und Salzwasser pendeln und dabei wichtige ökologische Funktionen erfüllen. Sie durchmischen die Sedimente am Gewässergrund und transportieren Nährstoffe zwischen verschiedenen Lebensräumen.
Störe sind zudem für ihren kostbaren Kaviar bekannt – die unbefruchteten Eier der Weibchen gelten als Delikatesse und erzielen auf dem Schwarzmarkt Preise von mehreren tausend Euro pro Kilogramm. Besonders der Beluga-Kaviar vom Hausen ist begehrt und kann bis zu 5.000 Euro pro Kilogramm kosten.
Dominic Thiem, der 2020 die US Open gewann und jahrelang zu den besten Tennisspielern der Welt gehörte, beendete im Oktober 2024 seine Profikarriere. Doch statt sich zur Ruhe zu setzen, widmet sich der 31-jährige Niederösterreicher verstärkt dem Naturschutz. "Artenschutz liegt mir schon seit Jahren am Herzen. Als ich von der Situation der Störe erfahren habe, war für mich sofort klar, dass ich mich aktiv dafür einsetzen möchte", erklärt Thiem sein Engagement.
Der ehemalige Tennisprofi besuchte kürzlich das Projekt "LIFE-Boat4Sturgeon" der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und konnte sich vor Ort ein Bild von der aufwendigen Zuchtarbeit machen. Auf einem eigens umgebauten Forschungsschiff werden die seltenen Jungstöre aufgezogen und auf ihre spätere Auswilderung in der Donau vorbereitet. "Vor Ort zu erleben, mit wie viel Know-how und Engagement die Jungstöre aufgezogen und auf ihre Auswilderung vorbereitet werden, war beeindruckend", so Thiem.
Um sein Engagement zu unterstreichen, hat Dominic Thiem eine Störpatenschaft für eines der Elterntiere übernommen. Diese Patenschaften sind ein wichtiger Baustein der Finanzierung von Schutzprojekten und ermöglichen eine langfristige Betreuung der Tiere. Mit seiner Spende unterstützt der Tennisstar nicht nur die unmittelbare Zuchtarbeit, sondern auch die wissenschaftliche Forschung und die Entwicklung neuer Schutzstrategien.
Die Situation der Störe in der Donau ist alarmierend. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch regelmäßig große Exemplare gefangen wurden, sind die Bestände heute auf einen Bruchteil geschrumpft. Der Internationale Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) zufolge sind alle 27 Störarten weltweit vom Aussterben bedroht – eine traurige Bilanz, die diese Fischgruppe zur am stärksten gefährdeten der Welt macht.
Die Hauptbedrohungen sind vielfältig und komplex: Der massive Ausbau der Donau mit Wasserkraftwerken und Schleusen hat die natürlichen Wanderrouten der Störe unterbrochen. Diese Fische sind auf freie Fließstrecken angewiesen, um zwischen ihren Laich- und Futtergebieten zu wechseln. Ein ausgewachsener Stör kann während seines Lebens mehrere tausend Kilometer zurücklegen – eine Wanderung, die heute durch über 60 Querbauwerke allein an der österreichischen Donau massiv behindert wird.
Hinzu kommt die illegale Fischerei, die vor allem in den unteren Donauländern wie Bulgarien, Rumänien und der Ukraine ein großes Problem darstellt. Die hohen Preise für Störfleisch und Kaviar machen die Tiere zu begehrten Zielen für Wilderer. Moderne Unterwassernetze und Langleinen bedrohen die ohnehin geschwächten Populationen zusätzlich.
Auch die Verschmutzung der Donau durch Industrieabwässer, Landwirtschaft und städtische Abwässer setzt den Stören zu. Diese Fische reagieren besonders empfindlich auf Schadstoffe, da sie als langlebige Arten über Jahrzehnte Umweltgifte in ihrem Gewebe anreichern können. Mikroplastik, Schwermetalle und Pestizide beeinträchtigen ihre Fortpflanzungsfähigkeit und schwächen ihr Immunsystem.
Österreich nimmt eine Schlüsselposition im Schutz der Donau-Störe ein. Als Oberliegerstaat der Donau trägt das Land besondere Verantwortung für die Erhaltung der Wanderkorridore. Das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz unterstützt aktiv das LIFE-Boat4Sturgeon-Projekt, das von der EU mit mehreren Millionen Euro gefördert wird.
Im Vergleich zu anderen Donauländern verfügt Österreich über fortschrittliche Technologien und wissenschaftliche Expertise im Bereich der Fischzucht und des Gewässerschutzes. Die Universität für Bodenkultur Wien gilt als führende Institution in der Störforschung und arbeitet eng mit internationalen Partnern zusammen. Das mobile Forschungsschiff ermöglicht es, die Zuchtarbeit direkt am Gewässer durchzuführen und die Jungfische optimal auf ihre Auswilderung vorzubereiten.
"Die Donau ist der internationalste Fluss der Welt und durchfließt zehn Länder", erklärt WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides. "Störschutz kann nur durch die Zusammenarbeit vieler Akteure über Grenzen hinweg gelingen." Diese Kooperation umfasst nicht nur wissenschaftliche Institutionen, sondern auch lokale Fischer, Behörden und Naturschutzorganisationen in allen Donauländern.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Arbeit mit Fischern in den unteren Donauländern. Der WWF unterstützt dabei den Aufbau alternativer Einnahmequellen, um den wirtschaftlichen Druck auf die bedrohten Störe zu reduzieren. Gleichzeitig werden die Fischer zu Schutzpartnern ausgebildet, die bei der Überwachung der Bestände und der Bekämpfung illegaler Fischerei helfen.
Der Einsatz moderner Technologie spielt eine entscheidende Rolle im Störschutz. Der WWF nutzt Unterwassersonar-Geräte, um illegale Hakenleinen aufzuspüren, die eine große Gefahr für die Störe darstellen. Diese nahezu unsichtbaren Fallen können kilometerlang sein und werden oft in den Hauptwanderrouten der Fische ausgelegt.
Satellitenüberwachung hilft dabei, verdächtige Fischereiaktivitäten in Schutzgebieten zu identifizieren. Darüber hinaus werden moderne Markierungstechnologien eingesetzt, um die Wanderungen der ausgewilderten Störe zu verfolgen und mehr über ihr Verhalten zu erfahren. Diese Daten sind entscheidend für die Entwicklung effektiverer Schutzstrategien.
Das von der EU finanzierte Projekt LIFE-Boat4Sturgeon läuft von 2020 bis 2026 und hat ein Budget von über sechs Millionen Euro. Ziel ist es, nachhaltige Zuchtprogramme für alle vier Donau-Störarten zu etablieren und langfristig selbsterhaltende Populationen in der Donau zu schaffen.
Das Herzstück des Projekts ist ein umgebautes Forschungsschiff, auf dem unter kontrollierten Bedingungen Störe gezüchtet werden. Die Elterntiere werden sorgfältig ausgewählt und genetisch überwacht, um eine möglichst große genetische Vielfalt der Nachkommen zu gewährleisten. Die Jungfische werden in verschiedenen Entwicklungsstadien in die Donau ausgewildert, um ihre Überlebenschancen zu maximieren.
Die Zucht von Stören ist wissenschaftlich anspruchsvoll, da diese Fische sehr spezielle Ansprüche an ihre Umgebung haben. Die Forscher müssen Wassertemperatur, Sauerstoffgehalt und Strömungsgeschwindigkeit genau kontrollieren. Besonders die Geschlechtsreife der Tiere ist ein kritischer Faktor – weibliche Störe werden erst nach 10-15 Jahren fortpflanzungsfähig, was die Zuchtprogramme zu langfristigen Investitionen macht.
Moderne genetische Analyseverfahren ermöglichen es, die Verwandtschaftsgrade der Zuchttiere zu bestimmen und Inzucht zu vermeiden. Dies ist entscheidend für die Gesundheit und Überlebensfähigkeit der ausgewilderten Populationen. Die Wissenschaftler arbeiten auch daran, optimale Futtermischungen zu entwickeln, die das natürliche Wachstum der Jungstöre fördern.
Seit Beginn des Projekts konnten bereits mehrere tausend Jungstöre in der österreichischen Donau ausgewildert werden. Erste Monitoringergebnisse zeigen, dass viele der Tiere erfolgreich in ihrem neuen Lebensraum zurechtkommen. Besonders ermutigend ist die Beobachtung, dass einige der ausgewilderten Störe bereits weite Wanderungen unternommen haben und verschiedene Abschnitte der Donau besiedeln.
Allerdings bleiben die Herausforderungen groß. Die natürliche Sterblichkeitsrate junger Störe ist hoch, und viele Faktoren beeinflussen den Erfolg der Wiederansiedlung. Klimawandel und extreme Wetterereignisse wie Hochwasser oder Dürreperioden können die empfindlichen Jungfische zusätzlich stressen.
Ein umfassendes Monitoring-Programm verfolgt das Schicksal der ausgewilderten Störe über viele Jahre. Mit Hilfe von Sendern und genetischen Analysen können die Forscher nachvollziehen, wie sich die Tiere entwickeln und ob sie sich erfolgreich fortpflanzen. Diese Daten fließen kontinuierlich in die Verbesserung der Zucht- und Auswilderungsmethoden ein.
Das Engagement von Dominic Thiem zeigt, wie wichtig prominente Unterstützung für den Naturschutz ist. "Wir freuen uns sehr über die prominente Unterstützung durch Dominic Thiem", betont WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides. Prominente können komplexe Umweltthemen einer breiten Öffentlichkeit näherbringen und für mehr Aufmerksamkeit sorgen.
In anderen Ländern haben ähnliche Kooperationen zwischen Sportlern und Naturschutzorganisationen bereits zu messbaren Erfolgen geführt. In Deutschland engagiert sich beispielsweise Fußballer Thomas Müller für den Schutz heimischer Wildtiere, während in der Schweiz Skifahrerin Lara Gut-Behrami Projekte zum Schutz der Alpenregion unterstützt.
Der Schutz der Störe hat auch wichtige wirtschaftliche Dimensionen. Eine nachhaltige Störpopulation könnte langfristig die Basis für eine legale, kontrollierte Kaviarproduktion in der Donauregion schaffen. Dies würde neue Arbeitsplätze in der Aquakultur und im Ökotourismus ermöglichen und gleichzeitig den Druck illegaler Fischerei reduzieren.
Studien zeigen, dass der Störtourismus erhebliches Potenzial hat. Bereits heute ziehen Störbeobachtungstouren an der unteren Donau Naturinteressierte aus ganz Europa an. Eine Wiederherstellung gesunder Störpopulationen könnte diese nachhaltige Tourismusform weiter stärken und lokalen Gemeinden neue Einnahmequellen erschließen.
Die Investitionen in den Störschutz sind beträchtlich, aber sie zahlen sich langfristig aus. Neben dem unschätzbaren ökologischen Wert tragen gesunde Fischpopulationen zur Stabilität aquatischer Ökosysteme bei und können die Kosten für Gewässerrenaturierung reduzieren. Störe als Spitzenprädatoren regulieren andere Fischbestände und tragen zur natürlichen Gewässerreinigung bei.
Die nächsten Jahre werden entscheidend für das Überleben der Donau-Störe sein. Das LIFE-Boat4Sturgeon-Projekt läuft noch bis 2026, und erste Erfolge sind bereits sichtbar. Langfristig hängt der Erfolg aber von der Fortsetzung der internationalen Zusammenarbeit und der kontinuierlichen Finanzierung ab.
Klimawandel und weitere Verbauung der Donau bleiben große Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass Projekte wie jenes von Dominic Thiem unterstützte Vorhaben Erfolg haben und als Vorbild für andere Artenschutzprogramme dienen können. Die Wissenschaftler sind optimistisch: Bei anhaltender Unterstützung könnten die ersten selbst reproduzierenden Störpopulationen bereits in den 2030er Jahren wieder in der Donau etabliert sein.
"Projekte wie dieses zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen und aktiv dazu beitragen können, ihnen eine Zukunft in ihrem natürlichen Lebensraum zu sichern", fasst Dominic Thiem seine Motivation zusammen. Mit seinem Engagement gibt er ein Signal, dass Artenschutz nicht nur Aufgabe von Regierungen und Wissenschaft ist, sondern jeden Einzelnen betrifft – auch ehemalige Tennisgrößen, die ihre Bekanntheit für einen guten Zweck einsetzen.