Wiener Spital bietet innovative Behandlung für schwer betroffene Patienten
Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien setzt bei schwerer Stuhlinkontinenz auf den Darmschrittmacher – mit einer Erfolgsrate von rund 80 Prozent.
Stuhlinkontinenz ist ein Tabuthema, über das nur ungern gesprochen wird. Dabei sind mehr Menschen davon betroffen, als man vermuten würde. Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien erweitert nun sein Behandlungsspektrum um eine innovative Therapiemethode: den Darmschrittmacher. Diese moderne Behandlung verspricht Hoffnung für Patienten, bei denen herkömmliche Therapien nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.
"Gründe für Stuhlverlust können unter anderem Nervenerkrankungen, Schließmuskelverletzungen oder auch Entzündungen im Enddarmbereich sein. Frauen und Männer sind gleichermaßen davon betroffen", erklärt Priv.-Doz. Dr. Stefan Riss, FRCS, Vorstand der Abteilung für Chirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien.
Die Ursachen für Stuhlinkontinenz sind vielfältig und können sowohl angeboren als auch erworben sein. Neben den vom Experten genannten Faktoren können auch Geburtsschäden, neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Diabetes, sowie altersbedingter Muskelschwund zu diesem belastenden Leiden führen. Schätzungen zufolge sind in Österreich mehrere hunderttausend Menschen von unterschiedlichen Formen der Stuhlinkontinenz betroffen.
"Betroffene schämen sich für den Stuhlverlust und gehen teils erst spät oder gar nicht zum Arzt. Dabei gibt es unterschiedliche Therapiemöglichkeiten, die helfen können", betont Dr. Riss. Diese Scham ist verständlich, aber problematisch: Je früher eine Behandlung eingeleitet wird, desto besser sind häufig die Erfolgsaussichten.
Viele Patienten ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, meiden öffentliche Veranstaltungen und leiden unter einem enormen psychischen Druck. Die Lebensqualität wird erheblich eingeschränkt, was wiederum zu Depressionen und weiteren gesundheitlichen Problemen führen kann. Dabei stehen heute verschiedene Behandlungsoptionen zur Verfügung, die von konservativen Maßnahmen bis hin zu chirurgischen Eingriffen reichen.
"Neu bei uns im Behandlungsspektrum ist der Darmschrittmacher, der bei schwerer Stuhlinkontinenz zum Einsatz kommt", ergänzt der Wiener Chirurg. Diese Therapieform, auch als Sakrale Neuromodulation bekannt, stellt einen wichtigen Fortschritt in der Behandlung schwerer Fälle dar.
Der Darmschrittmacher stimuliert mit elektrischen Impulsen die Nerven im Bereich des Kreuzbeins. Diese Nerven steuern die Funktion von Beckenboden, Darm und Blase. Durch kontinuierliche Signale wird die Kommunikation zwischen den Nerven und dem Gehirn verbessert, wodurch es zu einer Stärkung der Beckenbodenmuskulatur sowie zu einer besseren Kontrolle der Ausscheidungen kommt.
Der Darmschrittmacher wird eingesetzt, wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind. Zu den herkömmlichen Behandlungsmethoden gehören:
Erst wenn diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen, kommt der Darmschrittmacher als Option in Betracht. Die Erfolgsrate dieser Methode liegt bei rund 80 Prozent, was sie zu einer sehr vielversprechenden Behandlungsoption macht.
Das Gerät ist etwa so groß wie eine 2-Euro-Münze und wird in eine der beiden Gesäß-Backen, unterhalb des Fettgewebes, in zwei Schritten implantiert. Dieses zweistufige Verfahren erhöht die Sicherheit und Erfolgsrate der Behandlung erheblich.
Unter Vollnarkose wird in einer ersten Operation eine dünne Elektrode nahe dem Nerv im unteren Rückenbereich eingesetzt. Diese Elektrode wird in einer rund zweiwöchigen Testphase durch einen externen Schrittmacher gesteuert. Während dieser Zeit können Patient und Arzt gemeinsam beurteilen, ob die Methode anschlägt und eine Verbesserung der Symptome eintritt.
Die Testphase ist entscheidend: Nur wenn sich während dieser Zeit eine deutliche Verbesserung der Symptomatik zeigt, wird der nächste Schritt eingeleitet. Dies verhindert unnötige Eingriffe bei Patienten, die von der Methode nicht profitieren würden.
Zeigt sich während der Testphase eine deutliche Verbesserung der Symptomatik, wird in einem zweiten Schritt der Schrittmacher selbst implantiert. Dieser Eingriff erfolgt in Lokalanästhesie und ist deutlich weniger belastend als die erste Operation.
Sobald der Darmschrittmacher implantiert ist, kommen Patienten nur mehr zur Kontrolle beziehungsweise zum Batterietausch. Die Batterie des Geräts hält in der Regel mehrere Jahre, je nach Intensität der Stimulation.
Für die meisten Patienten bedeutet der Darmschrittmacher eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Das kleine Gerät ist nach der Heilung praktisch nicht spürbar und schränkt die normalen Aktivitäten nicht ein. Patienten können wieder am sozialen Leben teilnehmen, Sport treiben und ihre Freizeit unbeschwert genießen.
Die Programmierung des Schrittmachers kann individuell angepasst werden, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Bei regelmäßigen Kontrollterminen wird die Funktion überprüft und gegebenenfalls nachjustiert.
"Ich implantiere den Darmschrittmacher erfolgreich seit mehr als zehn Jahren und freue mich, dass wir diese Therapiemöglichkeit erstmals nun auch hier im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien anbieten", erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Riss. Diese langjährige Erfahrung ist ein wichtiger Faktor für den Behandlungserfolg.
"Als Mediziner ist es mir ein Anliegen, diese Methode zum Wohl der Patientinnen und Patienten bekannter zu machen", betont der Experte. Tatsächlich ist die Sakrale Neuromodulation in Österreich noch nicht so weit verbreitet, wie sie es aufgrund ihrer Erfolgsrate sein könnte.
Die Einführung des Darmschrittmachers im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien erweitert das Behandlungsspektrum für Patienten mit schwerer Stuhlinkontinenz erheblich. Für viele Betroffene, die bisher keine zufriedenstellende Therapie finden konnten, eröffnet sich damit eine neue Perspektive.
Wichtig ist jedoch, dass Patienten frühzeitig ärztliche Hilfe suchen und nicht aus Scham auf eine Behandlung verzichten. Je früher eine fachgerechte Diagnose gestellt wird, desto größer sind die Chancen auf eine erfolgreiche Therapie – sei es mit konservativen Methoden oder, wenn nötig, mit innovativen Lösungen wie dem Darmschrittmacher.
Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien steht Patienten mit entsprechenden Beschwerden für Beratung und Behandlung zur Verfügung. Interessierte können sich direkt an die Abteilung für Chirurgie wenden, um mehr über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten zu erfahren.