Die Diskussion um die CO2-Bepreisung auf Treibstoffe spaltet Österreich – doch die Mehrheit ist sich einig: 69 Prozent der Befragten sprechen sich für ein vorübergehendes Aussetzen der umstrittenen...
Die Diskussion um die CO2-Bepreisung auf Treibstoffe spaltet Österreich – doch die Mehrheit ist sich einig: 69 Prozent der Befragten sprechen sich für ein vorübergehendes Aussetzen der umstrittenen Steuer aus. Das zeigt eine aktuelle Meinungsumfrage des renommierten Meinungsforschungsinstituts Peter Hajek Public Opinion Strategies, die am 12. März 2026 durchgeführt wurde. Angesichts steigender Spritpreise durch den Iran-Krieg stehen Autofahrer vor einer doppelten Belastung – doch die politischen Lager sind in dieser Frage tief gespalten.
Die CO2-Bepreisung, auch als CO2-Steuer oder Kohlenstoffdioxid-Abgabe bekannt, ist ein marktwirtschaftliches Instrument des Klimaschutzes. Seit ihrer Einführung in Österreich wird für jeden Ausstoß einer Tonne CO2 durch fossile Brennstoffe wie Benzin, Diesel oder Heizöl eine Abgabe fällig. Diese Steuer soll Verbraucher dazu motivieren, klimafreundlichere Alternativen zu wählen und gleichzeitig Einnahmen für den Staat generieren, die theoretisch in Klimaschutzmaßnahmen fließen könnten.
Das System funktioniert nach dem Verursacherprinzip: Wer mehr CO2 ausstößt, zahlt mehr. Bei Treibstoffen bedeutet das konkret, dass jeder Liter Benzin oder Diesel mit einer zusätzlichen Abgabe belastet wird. Diese wird direkt an den Zapfsäulen auf den Spritpreis aufgeschlagen und ist für Verbraucher unmittelbar spürbar. Experten schätzen, dass die CO2-Bepreisung derzeit etwa 10 bis 15 Cent pro Liter Treibstoff ausmacht – bei steigenden Grundpreisen eine zusätzliche Belastung für Millionen von Autofahrern.
Österreich führte die CO2-Bepreisung nicht über Nacht ein. Der Weg zu diesem Instrument war geprägt von jahrelangen politischen Debatten und internationalen Verpflichtungen. Bereits in den 1990er Jahren diskutierten Umweltökonomen über die Notwendigkeit, den wahren Preis des CO2-Ausstoßes zu internalisieren. Das bedeutet, dass die gesellschaftlichen Kosten des Klimawandels – wie Umweltschäden, Gesundheitskosten oder wirtschaftliche Verluste durch extreme Wetterereignisse – in den Marktpreis fossiler Brennstoffe eingerechnet werden sollten.
Die Europäische Union forcierte ab den 2000er Jahren verstärkt klimapolitische Maßnahmen. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 setzte weitere Impulse für nationale CO2-Bepreisungssysteme. In Österreich wurde das Thema besonders nach der Regierungsbeteiligung der Grünen ab 2020 vorangetrieben. Die Einführung erfolgte stufenweise, mit anfangs niedrigen Preisen, die schrittweise angehoben werden sollten. Diese Strategie sollte Wirtschaft und Verbrauchern Zeit zur Anpassung geben, führte aber auch zu anhaltenden politischen Kontroversen.
Die repräsentative Online-Befragung von 500 wahlberechtigten Österreicherinnen und Österreichern, durchgeführt zwischen dem 9. und 12. März 2026, zeichnet ein eindeutiges Bild der öffentlichen Meinung. 47 Prozent der Befragten sind "sehr dafür", die CO2-Bepreisung auf Treibstoffe auszusetzen, weitere 22 Prozent sind "eher dafür". Nur 22 Prozent lehnen ein Aussetzen ab, wobei sich jeweils 11 Prozent "eher dagegen" und "sehr dagegen" positionieren. Bemerkenswert ist, dass 9 Prozent der Befragten angeben, keine feste Meinung zu diesem komplexen Thema zu haben.
Die Umfrage wurde vor dem Hintergrund des eskalierenden Iran-Krieges durchgeführt, der zu erheblichen Verwerfungen auf den internationalen Energiemärkten geführt hat. Rohölpreise stiegen auf über 120 Dollar pro Barrel, was sich unmittelbar in höheren Spritpreisen an österreichischen Tankstellen niederschlug. In dieser Situation wirkt die zusätzliche CO2-Bepreisung für viele Verbraucher wie eine doppelte Belastung – steigende Grundpreise plus staatliche Klimasteuer.
Die Umfrageergebnisse offenbaren eine tiefe parteipolitische Spaltung in der österreichischen Gesellschaft. FPÖ-Wähler zeigen mit 77 Prozent Zustimmung (62% "sehr dafür", 15% "eher dafür") die höchste Unterstützung für ein Aussetzen der CO2-Steuer. ÖVP-Anhänger folgen mit 80 Prozent Zustimmung (57% "sehr dafür", 23% "eher dafür"). Diese hohen Zustimmungswerte spiegeln die traditionell wirtschaftsliberale bzw. bürgerliche Haltung dieser Wählergruppen wider, die staatliche Eingriffe in Marktmechanismen skeptisch betrachten.
Überraschender ist die Haltung bei NEOS- und SPÖ-Wählern. NEOS-Anhänger, deren Partei sich normalerweise für marktwirtschaftliche Lösungen im Klimaschutz ausspricht, befürworten zu 69 Prozent ein Aussetzen der Steuer (31% "sehr dafür", 38% "eher dafür"). SPÖ-Wähler zeigen mit 63 Prozent Zustimmung (29% "sehr dafür", 34% "eher dafür") ebenfalls eine klare Präferenz für die Entlastung. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die sozialen Auswirkungen hoher Energiepreise parteiübergreifend als Problem wahrgenommen werden.
Einzig die Grün-Wählerschaft positioniert sich mehrheitlich gegen ein Aussetzen der CO2-Bepreisung. Rund zwei Drittel lehnen dies ab (42% "sehr dagegen", 22% "eher dagegen"). Diese Haltung entspricht der Grundphilosophie der Grünen, wonach Klimaschutzmaßnahmen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten konsequent beibehalten werden sollten. Für diese Wählergruppe steht der langfristige Klimaschutz über kurzfristigen wirtschaftlichen Entlastungen.
Österreich steht mit seiner CO2-Bepreisung nicht allein da. Viele europäische Nachbarländer haben ähnliche Systeme eingeführt, allerdings mit unterschiedlichen Ausgestaltungen und Preislevels. Deutschland implementierte seine CO2-Bepreisung für Verkehr und Wärme bereits 2021 mit einem Startpreis von 25 Euro pro Tonne CO2. Der Preis sollte bis 2025 auf 55 Euro steigen, wurde aber aufgrund der Energiekrise mehrfach angepasst. Die deutsche Erfahrung zeigt, dass politischer Druck bei steigenden Energiepreisen auch dort zu Diskussionen über temporäre Aussetzungen führt.
Die Schweiz verfolgt einen anderen Ansatz mit ihrer CO2-Lenkungsabgabe, die bereits seit 2008 erhoben wird. Der Schweizer Mechanismus sieht vor, dass die Einnahmen größtenteils an Bevölkerung und Unternehmen zurückverteilt werden – ein System, das in der Bevölkerung auf größere Akzeptanz stößt. Frankreich erlebte mit den "Gelbwesten"-Protesten 2018/2019 drastische gesellschaftliche Verwerfungen aufgrund geplanter Kraftstoffsteuererhöhungen, was international als Warnung vor zu schnellen klimapolitischen Maßnahmen ohne soziale Abfederung interpretiert wurde.
Skandinavische Länder wie Schweden und Norwegen haben langjährige Erfahrungen mit CO2-Steuern, allerdings verfügen diese Länder über umfangreiche Wohlfahrtssysteme und teilweise erhebliche Einnahmen aus Ölförderung, die soziale Abfederungsmaßnahmen ermöglichen. Diese strukturellen Unterschiede machen direkte Vergleiche schwierig, zeigen aber, dass der Erfolg von CO2-Bepreisungssystemen stark von der konkreten Ausgestaltung und den begleitenden sozialpolitischen Maßnahmen abhängt.
Die CO2-Bepreisung trifft österreichische Haushalte unterschiedlich stark. Pendler in ländlichen Gebieten, die auf das Auto angewiesen sind, spüren die Belastung überproportional. Eine vierköpfige Familie mit zwei berufstätigen Elternteilen, die täglich zusammen 100 Kilometer zur Arbeit pendeln, zahlt durch die CO2-Steuer zusätzlich etwa 200 bis 300 Euro pro Jahr. Bei steigenden Grundpreisen für Treibstoff kann sich diese Belastung auf über 500 Euro jährlich erhöhen – ein erheblicher Betrag für Durchschnittshaushalte.
Besonders betroffen sind Geringverdiener und Menschen in strukturschwachen Regionen, wo öffentliche Verkehrsmittel schlecht ausgebaut sind. Ein Montagearbeiter, der täglich 50 Kilometer zu verschiedenen Baustellen fahren muss, kann seine Mobilität nicht einfach auf klimafreundlichere Alternativen umstellen. Für solche Berufsgruppen wirkt die CO2-Steuer wie eine zusätzliche Einkommensteuer, ohne dass sie realistische Ausweichmöglichkeiten hätten.
Die Wirtschaft zeigt sich ebenfalls gespalten. Transportunternehmen, Spediteure und Handwerksbetriebe sehen in der CO2-Bepreisung eine Wettbewerbsverzerrung, besonders im Grenzgebiet zu Ländern mit niedrigeren Energiesteuern. Tankstellenbetreiber berichten von "Tanktourismus" – österreichische Kunden fahren gezielt ins benachbarte Ausland, um günstigeren Sprit zu tanken. Gleichzeitig profitieren Anbieter alternativer Antriebe und erneuerbarer Energien von der veränderten Preisstruktur, da ihre Technologien relativ günstiger werden.
Die Akzeptanz der CO2-Bepreisung variiert erheblich zwischen den österreichischen Bundesländern. In Wien, wo das öffentliche Verkehrsnetz gut ausgebaut ist und viele Menschen auf das Auto verzichten können, zeigt sich tendenziell mehr Verständnis für klimapolitische Maßnahmen. Anders sieht es in den westlichen Bundesländern aus, wo Berufspendler oft weite Strecken über Alpenpässe zurücklegen müssen und auf den Pkw angewiesen sind.
Tirol und Vorarlberg, traditionell stark vom Tourismus geprägt, erleben die CO2-Bepreisung als zusätzliche Herausforderung. Hotels und Gastronomiebetriebe kalkulieren die höheren Transportkosten in ihre Preise ein, was die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Tourismusmarkt beeinträchtigen kann. Gleichzeitig sind diese Regionen besonders stark vom Klimawandel betroffen – schmelzende Gletscher und veränderte Schneeverhältnisse bedrohen die Grundlagen des Wintertourismus.
Meinungsforscher Peter Hajek, der die Umfrage durchgeführt hat, ordnet die Ergebnisse in einen größeren gesellschaftlichen Kontext ein: "Steuererleichterungen kommen immer gut an, ganz besonders beim Thema Treibstoff. Die Grüne Wählerschaft steht da auf verlorenem Posten, denn alle anderen Wählergruppen sprechen sich klar für ein Aussetzen der CO2-Bepreisung aus." Diese Einschätzung spiegelt ein grundsätzliches Dilemma der Klimapolitik wider: Langfristige Umweltziele kollidieren mit kurzfristigen wirtschaftlichen Belastungen der Bürger.
Hajeks Analyse zeigt auch die politische Sprengkraft des Themas auf. Während Umweltschutz in Meinungsumfragen regelmäßig als wichtiges Thema genannt wird, ändert sich die Prioritätensetzung dramatisch, wenn konkrete finanzielle Belastungen spürbar werden. Dieses Phänomen ist international zu beobachten und stellt Regierungen vor schwierige Abwägungsentscheidungen zwischen Klimaschutzzielen und sozialer Akzeptanz.
Die Umfrageergebnisse werden im beliebten ATV-Polit-Talk "Aktuell: Die Woche" ausführlich diskutiert. Die Sendung mit Moderator Meinrad Knapp, Politikberater Thomas Hofer und Meinungsforscher Peter Hajek hat sich als wichtige Plattform für politische Meinungsbildung in Österreich etabliert. Jeden Freitag um 22:20 Uhr bei ATV und im Stream auf JOYN analysiert das Expertenteam aktuelle politische Entwicklungen und ordnet Meinungsumfragen in den größeren politischen Kontext ein.
Die Sendung erreicht wöchentlich mehrere hunderttausend Zuseher und gilt als Seismograph für die politische Stimmung im Land. Besonders die Kombination aus aktueller Meinungsforschung und politischer Analyse macht "Aktuell: Die Woche" zu einer geschätzten Informationsquelle für politisch interessierte Österreicher. Die Diskussion über die CO2-Steuer dürfte dabei besonders kontrovers werden, da das Thema alle Parteien und Gesellschaftsschichten betrifft.
Die aktuellen Umfrageergebnisse setzen die österreichische Politik unter erheblichen Handlungsdruck. Mit einer so klaren Mehrheit gegen die CO2-Steuer werden alle Parteien ihre Positionen überdenken müssen. Für die Grünen, die als treibende Kraft hinter der CO2-Bepreisung gelten, bedeuten diese Zahlen eine schwere politische Hypothek. Sie müssen einen Weg finden, ihre Klimaschutzüberzeugungen mit der gesellschaftlichen Realität in Einklang zu bringen.
Denkbare Szenarien für die kommenden Monate reichen von einer kompletten Aussetzung der CO2-Steuer bis hin zu sozialen Abfederungsmaßnahmen. Eine Möglichkeit wäre die Einführung eines Klimabonus, der die CO2-Steuer für einkommensschwache Haushalte kompensiert. Andere europäische Länder experimentieren mit regionalen Differenzierungen oder zeitlich begrenzten Aussetzungen während Krisenzeiten.
Langfristig wird Österreich einen gesellschaftlichen Konsens über den Weg zu seinen Klimazielen finden müssen. Die EU-Vorgaben zur CO2-Reduktion bleiben bestehen, auch wenn nationale Implementierungen angepasst werden können. Alternative Instrumente wie verstärkte Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel, Elektromobilität oder Gebäudesanierung könnten die CO2-Bepreisung ergänzen oder teilweise ersetzen. Die politische Debatte wird sich in den kommenden Monaten intensivieren, besonders wenn sich die Energiepreise durch geopolitische Entwicklungen weiter verschärfen sollten.