Citizen Science Projekt erforscht Straßentod von Igeln - Auftakt im Museum Niederösterreich
Die BOKU University startet eine neue Schwerpunkt-Studie zu überfahrenen Igeln. Bürger können per App mitforschen und Daten sammeln.
Österreichs Straßen sind für viele Wildtiere zu tödlichen Fallen geworden. Während für jagdbare Arten bereits offizielle Statistiken existieren, fehlen bei anderen Tieren wie Igeln, Kröten oder Vögeln wichtige Daten. Die BOKU University will diese Wissenslücke nun mit einem besonderen Citizen Science Projekt schließen.
Die beiden heimischen Igelarten - Braunbrustigel und Nördlicher Weißbrustigel - sind besonders stark vom Straßentod betroffen. Über 4.100 überfahrene Igel wurden bereits im Projekt "Roadkill" der BOKU University gemeldet, fast 2.000 Meldungen stammen allein aus Niederösterreich. Diese alarmierenden Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Bedrohung für die stacheligen Säugetiere.
Während der Nördliche Weißbrustigel laut Roter Liste der IUCN noch als "nicht gefährdet" eingestuft wird, musste der Braunbrustigel 2023 auf "potenziell gefährdet" herabgestuft werden. Neben dem Siedlungswachstum und der landwirtschaftlichen Intensivierung stellt der Straßenverkehr eine zentrale Bedrohung für die Tiere dar.
Mit der neuen Schwerpunkt-Studie "Achtung Igel!" richtet die BOKU University den Fokus gezielt auf diese gefährdeten Tiere. Die offizielle Auftaktveranstaltung findet am Donnerstag, 12. März, um 17 Uhr im Museum Niederösterreich in St. Pölten statt. Das "Haus für Natur" fungiert dabei als wichtiger Kooperationspartner.
Das Besondere an diesem Forschungsprojekt: Jeder kann mitforschen. Über die speziell entwickelte Roadkill-App für iOS und Android können Bürgerinnen und Bürger ihre Wege per GPS aufzeichnen und melden, wo sie überfahrene Igel entdecken. Jede Streckenaufzeichnung - ob beim Spaziergang, beim Radfahren oder auf dem Arbeitsweg - trägt zur wissenschaftlichen Datensammlung bei.
Das übergeordnete Projekt "Roadkill" der BOKU University erfasst systematisch, wo und welche Tiere im Straßenverkehr ums Leben kommen. Bislang wurden knapp 150 der rund 460 in Österreich vorkommenden Wirbeltierarten gemeldet. Diese Datensammlung ist essentiell, um Ursachen besser zu verstehen und wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Für viele Tierarten existieren keine offiziellen Statistiken über Verkehrstote. Während bei jagdbaren Wildtieren durch Meldepflichten Zahlen vorliegen, herrscht bei anderen Arten wie Igeln, Amphibien, Reptilien oder Vögeln weitgehend Unwissen über das tatsächliche Ausmaß der Verluste.
Die Teilnahme an der Studie ist denkbar einfach: Nach dem Download der kostenlosen Roadkill-App können Nutzer ihre Routen aufzeichnen. Entdecken sie unterwegs einen überfahrenen Igel, können sie dies direkt in der App melden. Die GPS-Daten ermöglichen eine präzise Verortung der Fundstelle.
Alle gesammelten Daten werden anschließend von Expertinnen und Experten im Projekt Roadkill ausgewertet. Die Ergebnisse dienen als wissenschaftliche Grundlage für weitere Forschung, Bewusstseinsbildung und die Entwicklung konkreter Schutzmaßnahmen.
Mit fast 2.000 gemeldeten überfahrenen Igeln ist Niederösterreich besonders stark betroffen. Dies liegt zum einen an der hohen Verkehrsdichte, zum anderen aber auch an der noch relativ intakten Igelopopulation in ländlichen Gebieten. Die Tiere sind vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv, wenn sie auf Nahrungssuche gehen.
Igel sind aufgrund ihrer Verhaltensweise besonders gefährdet: Bei Gefahr rollen sie sich zusammen, anstatt zu fliehen. Diese Strategie, die gegen natürliche Feinde funktioniert, wird ihnen auf der Straße zum Verhängnis. Zudem überqueren sie Straßen oft langsam und sind aufgrund ihrer geringen Körpergröße für Autofahrer schwer zu erkennen.
Die Studie "Achtung Igel!" hat weitreichende Bedeutung für den Naturschutz in Österreich. Igel spielen als Insektenfresser eine wichtige Rolle im Ökosystem und gelten als Indikatorart für intakte Lebensräume. Ihr Rückgang würde nicht nur den Verlust einer charakteristischen heimischen Art bedeuten, sondern auch Auswirkungen auf andere Tierarten haben.
Die systematische Datensammlung ermöglicht es, Gefahrenstellen im Straßennetz zu identifizieren und gezielte Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Dazu können Wildtierkorridore, Geschwindigkeitsbeschränkungen oder spezielle Durchlässe gehören.
Die Auftaktveranstaltung im Museum Niederösterreich entspricht den Kriterien des österreichischen Umweltzeichens für Green Meetings. Die Organisatoren empfehlen eine klimafreundliche Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Museum ist vom Hauptbahnhof St. Pölten gut erreichbar.
Bei der Veranstaltung werden Experten über die Biologie der Igel informieren und erklären, wie Bürger zur Forschung beitragen können. Auch die Funktionsweise der App wird detailliert vorgestellt.
Das Projekt "Achtung Igel!" ist zunächst auf mehrere Jahre angelegt. Die Forscher erhoffen sich aussagekräftige Daten, die Rückschlüsse auf Wanderrouten, Populationsdichte und besonders gefährdete Gebiete zulassen. Langfristig sollen die Erkenntnisse in konkrete Schutzmaßnahmen münden.
Bereits jetzt zeigen die vorhandenen Daten aus dem Roadkill-Projekt deutliche Hotspots auf. Mit der gezielten Igel-Studie sollen diese Erkenntnisse vertieft und erweitert werden. Je mehr Menschen mitmachen, desto aussagekräftiger werden die Ergebnisse.
Die Citizen Science Studie "Achtung Igel!" zeigt beispielhaft, wie moderne Forschung und Bürgerbeteiligung zusammenwirken können. Jeder Spaziergang und jede Radtour kann zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beitragen und letztendlich zum Schutz einer bedrohten Tierart.