Während die Baubranche noch immer auf konventionelle Materialien setzt, liegen die Lösungen für klimaschonendes Bauen buchstäblich vor unseren Füßen. Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltig...
Während die Baubranche noch immer auf konventionelle Materialien setzt, liegen die Lösungen für klimaschonendes Bauen buchstäblich vor unseren Füßen. Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) hat ein neues Positionspapier veröffentlicht, das aufzeigt: Stroh, Lehm, Hanf und Holz könnten die Bauindustrie revolutionieren – wenn endlich die richtigen Weichen gestellt werden. Denn die Branche verursacht 40 Prozent aller globalen CO₂-Emissionen, während nachhaltige Alternativen ein Schattendasein fristen.
Das am 20. Dezember 2024 veröffentlichte Positionspapier "Nachhaltige Baustoffe – Die vergessenen Baustoffe der Zukunft" bringt eine unbequeme Wahrheit ans Licht: Die Lösungen für klimaneutrales Bauen existieren bereits. "Es ist möglich, CO₂-frei zu bauen, und in vielen Fällen brauchen wir gar nichts Neues erfinden. Viele Lösungen liegen bereits vor uns – in Schafställen, Lehmgruben und auf unseren Feldern", erklärt Peter Engert, Geschäftsführer der ÖGNI.
Diese Aussage ist revolutionär, denn sie stellt die gesamte Bauindustrie in Frage. Während Milliarden in die Entwicklung neuer Technologien fließen, warten traditionelle Baustoffe auf ihre Renaissance. Stroh beispielsweise ist nicht nur ein Abfallprodukt der Landwirtschaft, sondern auch ein hervorragender Dämmstoff mit ausgezeichneten bauphysikalischen Eigenschaften.
Stroh als Baustoff hat eine jahrhundertealte Tradition und erlebt heute eine wissenschaftlich fundierte Wiederentdeckung. Die Halme enthalten Hohlräume, die für eine natürliche Dämmwirkung sorgen. Mit einem Lambda-Wert von 0,045 bis 0,055 W/mK erreicht Stroh vergleichbare Dämmwerte wie konventionelle Materialien. Gleichzeitig bindet es während des Wachstums CO₂ aus der Atmosphäre und macht Gebäude zu Kohlenstoffspeichern statt zu Emissionsquellen.
Lehm, einer der ältesten Baustoffe der Menschheit, reguliert auf natürliche Weise die Luftfeuchtigkeit und schafft ein gesundes Raumklima. Der Baustoff kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben, ohne seine strukturellen Eigenschaften zu verlieren. In Österreich stehen ausreichende Lehmvorkommen zur Verfügung, die praktisch ohne Transportwege genutzt werden können.
Die Zahlen sind alarmierend: 40 Prozent der globalen CO₂-Emissionen entstehen durch Bau, Betrieb und Nutzung von Gebäuden. In Österreich macht der Gebäudesektor etwa 28 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen aus. Dabei entfallen rund 60 Prozent auf den Betrieb der Gebäude, während 40 Prozent bereits bei der Herstellung der Baustoffe und dem Bau selbst anfallen – die sogenannten grauen Emissionen.
Diese grauen Emissionen werden in der öffentlichen Debatte oft übersehen, obwohl sie bei energieeffizienten Neubauten mittlerweile den größeren Anteil am gesamten CO₂-Fußabdruck ausmachen können. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus in Österreich verursacht allein durch die verwendeten Baustoffe zwischen 80 und 120 Tonnen CO₂ – das entspricht dem jährlichen Ausstoß von etwa 15 bis 20 Autos.
Während Österreich noch zögerlich agiert, preschen die Nachbarländer vor. Deutschland hat bereits 2021 eine Novelle der Bundesförderung für effiziente Gebäude eingeführt, die erstmals auch die grauen Emissionen berücksichtigt. Die Schweiz geht noch weiter: Dort sind Lebenszyklusanalysen für größere Bauprojekte bereits verpflichtend. In beiden Ländern entstehen vermehrt Pilotprojekte mit nachhaltigen Baustoffen, die zeigen, dass Stroh-, Lehm- und Holzbau wirtschaftlich konkurrenzfähig sind.
In den Niederlanden hat die Stadt Amsterdam bereits 2020 beschlossen, bis 2030 zu 50 Prozent kreislauforientiert zu bauen. Dänemark plant, bis 2025 CO₂-Grenzwerte für alle Neubauten einzuführen. Diese Entwicklungen setzen Österreich unter Zugzwang – wer zu spät handelt, verliert den Anschluss an zukunftsfähige Baustandards.
Trotz der offensichtlichen Vorteile nachhaltiger Baustoffe identifiziert das ÖGNI-Positionspapier massive Hemmnisse. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Branchenexperten hat die zentralen Blockaden analysiert: fehlende CO₂-Rahmenbedingungen, unzureichende Datenverfügbarkeit, regulatorische Unsicherheiten sowie Defizite in Ausbildung und bei Marktanreizen.
Das größte Problem liegt in den fehlenden rechtlichen Vorgaben. Während die EU-Taxonomie bereits Nachhaltigkeit als Bewertungskriterium etabliert hat, fehlen in Österreich verbindliche CO₂-Grenzwerte für Gebäude. Bauherren haben keinen Anreiz, auf nachhaltige Materialien zu setzen, solange konventionelle Baustoffe billiger erscheinen – eine Rechnung, die allerdings die Folgekosten ausblendet.
"Nachhaltige Baustoffe sind keine Frage der technischen Machbarkeit mehr, sondern der konsequenten Umsetzung in Planung und Baupraxis", betont Florian Wehrberger, Leiter der ÖGNI Arbeitsgruppe. "Dafür braucht es klare Rahmenbedingungen, aber vor allem Kompetenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette."
Tatsächlich fehlt es in der Ausbildung von Architekten, Ingenieuren und Handwerkern an fundierten Kenntnissen über nachhaltige Baustoffe. Viele Planer scheuen sich vor unbekannten Materialien, weil sie die Haftungsrisiken fürchten. Gleichzeitig haben Bauunternehmen oft keine Erfahrung mit der Verarbeitung alternativer Baustoffe, was zu höheren Kosten führt – ein Teufelskreis, der nur durch systematische Weiterbildung durchbrochen werden kann.
Für die österreichischen Verbraucher bedeutet die schleppende Einführung nachhaltiger Baustoffe verpasste Chancen in mehrfacher Hinsicht. Erstens entstehen durch die Verwendung konventioneller Materialien höhere Lebenszykluskosten. Zwar sind nachhaltige Baustoffe in der Anschaffung oft teurer, über die gesamte Nutzungsdauer von 50 bis 80 Jahren rechnen sie sich jedoch durch geringere Betriebskosten und höhere Wertstabilität.
Zweitens verschlafen österreichische Unternehmen den Anschluss an einen Zukunftsmarkt. Die EU plant verschärfte Klimaziele, die früher oder später auch verbindliche Standards für Baustoffe zur Folge haben werden. Wer heute nicht in nachhaltiges Know-how investiert, wird morgen teure Nachrüstungen oder Strafzahlungen in Kauf nehmen müssen.
Ein konkretes Beispiel: Familie Müller aus Linz plant den Bau eines Eigenheims. Mit konventionellen Baustoffen entstehen Kosten von 400.000 Euro, mit nachhaltigen Alternativen wären es 420.000 Euro. Über 30 Jahre gerechnet spart die nachhaltige Variante jedoch 15.000 Euro Energiekosten und erhält einen um 50.000 Euro höheren Wiederverkaufswert – ein klarer finanzieller Vorteil.
Nachhaltige Baustoffe bieten auch gesundheitliche Vorteile, die in der Kostenkalkulation selten berücksichtigt werden. Lehm und Holz regulieren die Luftfeuchtigkeit natürlich und reduzieren das Risiko von Schimmelbildung. Stroh und Hanf sind frei von chemischen Zusätzen und verbessern das Raumklima erheblich. Studien zeigen, dass Menschen in Gebäuden mit natürlichen Baustoffen seltener unter Allergien und Atemwegsproblemen leiden.
Das ÖGNI-Positionspapier zeigt konkrete Wege aus der Blockade auf. An erster Stelle stehen verbindliche CO₂-Grenzwerte für Gebäude, die nicht nur den Betrieb, sondern auch die grauen Emissionen der Baustoffe erfassen. Diese könnten stufenweise eingeführt werden, um der Branche Planungssicherheit zu geben.
Verpflichtende Lebenszyklusanalysen würden Transparenz schaffen und Bauherren die wahren Kosten ihrer Materialentscheidungen vor Augen führen. Transparente Materialdatenbanken, ähnlich den bestehenden Ökobilanz-Datenbanken in der Schweiz, könnten Planern die Auswahl nachhaltiger Alternativen erleichtern.
Gezielte Fördermaßnahmen sind ein weiterer Schlüssel zum Erfolg. Während die Photovoltaik durch jahrelange Subventionen zum Massenmarkt wurde, fehlen vergleichbare Anreize für nachhaltige Baustoffe. Eine steuerliche Begünstigung oder direkte Zuschüsse könnten den Preisunterschied zu konventionellen Materialien ausgleichen.
Der Aufbau von Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette wird als entscheidender Erfolgsfaktor hervorgehoben. Die ÖGNI selbst bietet über ihre Akademie bereits Weiterbildungen an, doch der Bedarf übersteigt das Angebot bei weitem. Universitäten und Fachhochschulen müssen nachhaltige Baustoffe stärker in ihre Lehrpläne integrieren, Handwerksbetriebe brauchen praxisnahe Schulungen.
Auch die öffentliche Hand ist gefordert. Kommunen und Länder könnten bei eigenen Bauvorhaben als Vorreiter fungieren und nachhaltige Standards setzen. Wien hat bereits angekündigt, bei städtischen Neubauten verstärkt auf Holz zu setzen – ein Signal, das Ausstrahlung haben könnte.
Parallel zu den traditionellen nachhaltigen Baustoffen entwickelt auch die konventionelle Baustoffindustrie klimafreundlichere Alternativen. CO₂-reduzierte oder künftig CO₂-frei gebrannte Ziegel zeigen das vorhandene Potenzial. Die Firma Wienerberger, Österreichs größter Ziegelhersteller, investiert bereits in wasserstoffbetriebene Brennöfen und plant bis 2030 eine CO₂-Reduktion um 40 Prozent.
In der Zementindustrie arbeiten Unternehmen an revolutionären Lösungen. Statt Kalkstein zu brennen und dabei unvermeidbar CO₂ freizusetzen, könnten alternative Bindemittel auf Basis von Industrieabfällen oder sogar CO₂-bindende Zemente die Branche transformieren. Diese Entwicklungen zeigen: Die Bauwende ist keine Utopie, sondern ein realisierbares Ziel.
Die ÖGNI betrachtet nachhaltige Baustoffe nicht nur als ökologischen Beitrag, sondern als strategischen Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Branche. Sie stärken die Wertbeständigkeit von Immobilien, reduzieren regulatorische Risiken und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele.
Immobilien mit nachhaltigen Baustoffen werden in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil haben. Die EU-Taxonomie macht bereits heute Nachhaltigkeit zu einem Bewertungskriterium für Investitionen. Gebäude, die diese Standards nicht erfüllen, könnten zu "stranded assets" werden – Immobilien, die an Wert verlieren, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind.
Die nächsten zehn Jahre werden entscheidend für die österreichische Baubranche. Bis 2030 müssen die CO₂-Emissionen um 48 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden – ein Ziel, das ohne nachhaltige Baustoffe nicht erreichbar ist. Gleichzeitig eröffnet sich ein riesiger Markt: Experten schätzen das globale Volumen für nachhaltige Baustoffe bis 2030 auf über 400 Milliarden Euro.
Österreich könnte sich als Vorreiter positionieren und zum Exporteur von Know-how und Technologie werden. Die Alpenrepublik verfügt über hervorragende Voraussetzungen: ausreichende Rohstoffe wie Holz und Lehm, eine innovative Forschungslandschaft und traditionelle Handwerkskompetenz. Was fehlt, ist der politische Wille zur konsequenten Umsetzung.
Mit dem Positionspapier setzt die ÖGNI ein klares Signal: Die Lösungen sind vorhanden – jetzt gilt es, sie in die breite Umsetzung zu bringen. Die Zeit des Zögerns ist vorbei. Österreich steht vor der Wahl: Vorreiter der Bauwende werden oder den Anschluss an die Zukunft verpassen. Die Baustoffe der Zukunft warten nicht länger darauf, entdeckt zu werden – sie liegen bereits vor unseren Füßen.