Ein 30 Quadratmeter großes, detailgetreues Modell des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wird am 25. März 2026 erstmals in Wien der Öffentlichkeit präsentiert. Das innovative...
Ein 30 Quadratmeter großes, detailgetreues Modell des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau wird am 25. März 2026 erstmals in Wien der Öffentlichkeit präsentiert. Das innovative Bildungswerkzeug steht im Mittelpunkt einer internationalen Konferenz zur Holocaust-Education, die neue Ansätze für die Vermittlung der Shoah-Geschichte in einer Zeit ohne Zeitzeugen entwickeln will.
Die Konferenz "Holocaust Education in the Post Witness Era: Innovation, Responsibility and Memory Work" findet ab 14:00 Uhr im Haus der Ingenieure in der Wiener Eschenbachgasse statt. Organisiert wird die Veranstaltung vom Verein MoRaH – Austria, der sich auf moderne Formen der Erinnerungsarbeit spezialisiert hat.
Das präsentierte 3D-Modell von Auschwitz-Birkenau entstand im Rahmen des EU-geförderten Ex-His Projekts und gilt als wegweisendes Instrument in der Holocaust-Education. Anders als traditionelle Vermittlungsformen ermöglicht das physische Modell eine dreidimensionale Auseinandersetzung mit der Topografie des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers.
Auschwitz-Birkenau war das größte Konzentrations- und Vernichtungslager des nationalsozialistischen Deutschlands. Zwischen 1940 und 1945 wurden dort über eine Million Menschen, hauptsächlich Juden, aber auch Polen, Roma und andere Opfergruppen, systematisch ermordet. Das Lager erstreckte sich über eine Fläche von 425 Hektar und bestand aus drei Hauptteilen: Auschwitz I (das Stammlager), Auschwitz II-Birkenau (das Vernichtungslager) und Auschwitz III-Monowitz (das Arbeitslager).
Die schiere Größe und Komplexität der Anlage macht es für Besucher oft schwer, die räumlichen Dimensionen und logistischen Abläufe des Massenmordes zu erfassen. Hier setzt das 30-Quadratmeter-Modell an: Es bildet die gesamte Lageranlage maßstabsgetreu nach und ermöglicht es Betrachtern, die Systematik der Vernichtung räumlich zu verstehen.
An der Wiener Konferenz nehmen Experten aus ganz Europa teil. Zu den beteiligten Partnerorganisationen zählen Post Bellum aus Tschechien, CEDIN, Laude-Reut, European March of the Living, Az Élet Menete und Hashomer aus Ungarn sowie Muzeon. Diese Organisationen repräsentieren unterschiedliche Ansätze der Holocaust-Education in ihren jeweiligen Ländern.
Post Bellum beispielsweise sammelt seit 2001 Zeitzeugenberichte und macht Geschichte durch persönliche Erzählungen erlebbar. Die Organisation hat bereits über 10.000 Interviews mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts geführt. Der European March of the Living organisiert seit Jahrzehnten Bildungsreisen für Jugendliche nach Polen, bei denen jährlich Tausende von Teilnehmern die ehemaligen Konzentrationslager besuchen.
Aus Österreich sind zahlreiche renommierte Institutionen vertreten: Likrat Austria, eine Organisation, die jüdische Jugendliche als Botschafter in Schulen entsendet, die Gesellschaft für Förderung kirchlicher und christlicher Bildungsarbeit (GFKBÖ), sowie Vertreter der Geschichtsdidaktik der Universität Wien. Besonders hervorzuheben ist das Projekt "Baustelle Antisemitismus", das sich mit aktuellen Formen des Judenhasses auseinandersetzt.
Der Gedenkort Schloss Hartheim, vertreten durch Arjun Pfaffstaller, bringt Erfahrungen aus der Aufarbeitung der NS-Euthanasie-Verbrechen ein. Schloss Hartheim war zwischen 1940 und 1944 eine der sechs Tötungsanstalten der "Aktion T4", bei der über 18.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden.
Die Konferenz widmet sich einer der drängendsten Fragen der modernen Erinnerungskultur: Wie kann Holocaust-Education funktionieren, wenn die letzten Überlebenden sterben? Diese "Post Witness Era" stellt Pädagogen, Historiker und Erinnerungsinitiativen vor grundlegend neue Herausforderungen.
Noch in den 1990er und 2000er Jahren war es selbstverständlich, dass Zeitzeugen in Schulen sprachen und ihre persönlichen Erfahrungen teilten. Heute ist das Durchschnittsalter der Holocaust-Überlebenden über 90 Jahre. Studien zeigen, dass direkte Begegnungen mit Zeitzeugen den nachhaltigsten Bildungseffekt haben – diese Möglichkeit fällt jedoch zunehmend weg.
Internationale Forschung zur Holocaust-Education zeigt, dass das Wissen über die Shoah bei Jugendlichen abnimmt. Eine 2020 durchgeführte Studie der Claims Conference ergab, dass 63% der amerikanischen Millennials und der Generation Z nicht wissen, dass sechs Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden. 36% dachten, die Zahl läge bei unter zwei Millionen.
Das erste Podium "Innovation in Holocaust Education" konzentriert sich auf praktische Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Diskutiert werden neue didaktische Konzepte, digitale Tools und Peer-to-Peer-Formate. Besonders interessant sind dabei die Erfahrungen mit Virtual Reality, Augmented Reality und interaktiven Ausstellungen.
Studien zeigen, dass immersive Technologien das Empathievermögen und Verständnis für historische Ereignisse fördern können. Gleichzeitig warnen Experten vor einer Trivialisierung oder Gamification der Holocaust-Geschichte. Das physische Modell von Auschwitz-Birkenau stellt hier einen Mittelweg dar: Es nutzt moderne Präsentationstechniken, bleibt aber der faktischen Darstellung verpflichtet.
Das zweite Podium "Future of Memory: Integrating Gender into the Shoah's legacy and remembrance" thematisiert bislang unterrepräsentierte Perspektiven in der Holocaust-Forschung. Lange Zeit dominierten männliche Erfahrungen und Sichtweisen die Geschichtsschreibung der Shoah.
Erst in den letzten Jahrzehnten rückte die Geschlechterforschung spezifische Erfahrungen von Frauen während des Holocaust in den Fokus. Frauen waren anderen Formen der Verfolgung, Demütigung und Gewalt ausgesetzt. Sie entwickelten andere Überlebensstrategien und hatten nach der Befreiung mit spezifischen Problemen zu kämpfen.
Dr. Ljiljana Radonić von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht seit Jahren zu Erinnerungspolitik und Geschlecht. Ihre Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich männliche und weibliche Überlebende ihre Erfahrungen verarbeiteten und weitergaben. Diese Erkenntnisse haben direkte Auswirkungen auf moderne Bildungsarbeit.
Österreich trägt als Teil des ehemaligen Deutschen Reichs besondere Verantwortung für die Aufarbeitung der Shoah. Nach dem "Anschluss" 1938 lebten etwa 206.000 Juden in Österreich, hauptsächlich in Wien. Bis 1945 wurden etwa 65.000 österreichische Juden in Konzentrationslagern ermordet, rund 130.000 konnten emigrieren oder flüchten.
Die österreichische Holocaust-Education hat sich seit den 1980er Jahren erheblich weiterentwickelt. Waren die ersten Jahrzehnte nach 1945 von Verdrängung und der "Opferthese" geprägt, setzte ab den 1980er Jahren eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein. Heute ist Holocaust-Education fester Bestandteil der Lehrpläne.
Dennoch zeigen aktuelle Studien Handlungsbedarf: Eine 2023 durchgeführte Umfrage ergab, dass 42% der österreichischen Jugendlichen den Holocaust für "übertrieben dargestellt" halten. Gleichzeitig nehmen antisemitische Vorfälle zu – 2023 registrierte die Israelitische Kultusgemeinde Wien 1.147 antisemitische Vorfälle, ein Anstieg um 300% gegenüber 2022.
Das 30-Quadratmeter-Modell von Auschwitz-Birkenau repräsentiert den Versuch, modernste Technik für die Erinnerungsarbeit zu nutzen. Das Modell entstand auf Basis historischer Luftaufnahmen, Baupläne und Zeitzeugenaussagen. Jedes Detail wurde sorgfältig recherchiert und von Historikern überprüft.
Die Entwicklung dauerte drei Jahre und kostete rund 500.000 Euro EU-Fördermittel. Beteiligt waren Historiker, 3D-Designer, Pädagogen und Holocaust-Überlebende. Das Modell zeigt nicht nur die baulichen Strukturen, sondern auch die Transportwege, Selektionsrampen und Vernichtungsanlagen.
Bildungsforscher betonen die besondere Wirkung dreidimensionaler Modelle auf das Lernen. Anders als zweidimensionale Karten oder Fotos ermöglichen physische Modelle ein räumliches Verständnis komplexer Zusammenhänge. Besucher können verschiedene Perspektiven einnehmen und die Systematik der Vernichtung buchstäblich "begreifen".
Studien zeigen, dass haptische Lernexperience nachhaltiger wirkt als rein visuelle oder auditive Informationsvermittlung. Das Auschwitz-Modell nutzt diese Erkenntnis: Besucher können die Dimensionen des Lagers erfassen, ohne die emotionale Belastung eines Gedenkstättenbesuchs zu erleben.
Die Wiener Konferenz ermöglicht den Austausch über unterschiedliche nationale Ansätze der Holocaust-Education. In Deutschland ist die Auseinandersetzung mit der Shoah seit Jahrzehnten fester Bestandteil der politischen Bildung. Die Bundeszentrale für politische Bildung investiert jährlich Millionen in entsprechende Programme.
In Polen, dem Land mit den meisten ehemaligen Konzentrationslagern, konzentriert sich die Bildungsarbeit stark auf die historischen Orte selbst. Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau empfängt jährlich über zwei Millionen Besucher, darunter Hunderttausende Schüler und Studenten.
Frankreich hat nach den antisemitischen Anschlägen der letzten Jahre seine Holocaust-Education intensiviert. Präsident Emmanuel Macron kündigte 2019 verpflichtende Besuche von Gedenkstätten für alle Schüler an. In Italien entstehen derzeit neue digitale Archive mit Zeitzeugeninterviews.
Die Schweiz, die während des Zweiten Weltkriegs neutral blieb, aber dennoch Verantwortung für den Umgang mit jüdischen Flüchtlingen trägt, hat eigene Ansätze entwickelt. Die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus organisiert schweizweit Bildungsprogramme und arbeitet eng mit Schulen zusammen.
Besonders interessant ist der schweizerische Ansatz der "multiperspektivischen Geschichtsvermittlung": Schüler lernen nicht nur über die Verfolgung von Juden, sondern auch über die Rolle der Schweiz als Fluchtland und die Problematik der Flüchtlingspolitik. Dieser Ansatz könnte auch für Österreich relevant sein.
Die Wiener Konferenz will konkrete Handlungsempfehlungen für die Zukunft der Holocaust-Education entwickeln. Experten sehen mehrere zentrale Herausforderungen: die Digitalisierung der Bildungsarbeit, die Integration neuer Zielgruppen und die Bekämpfung von Holocaust-Leugnung und -Verzerrung in sozialen Medien.
Studien zeigen, dass Holocaust-Leugnung und Antisemitismus besonders in Online-Räumen zunehmen. Plattformen wie TikTok und Instagram werden zunehmend für die Verbreitung von Verschwörungstheorien und geschichtsrevisionistischen Inhalten genutzt. Moderne Holocaust-Education muss diese Entwicklungen berücksichtigen und digitale Medienkompetenz fördern.
Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten: Virtual Reality ermöglicht virtuelle Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern, Künstliche Intelligenz kann personalisierte Lernpfade erstellen, und soziale Medien können für positive Bildungsarbeit genutzt werden.
Ein zentrales Ziel der Konferenz ist die bessere Integration der Holocaust-Education in reguläre Bildungsprogramme. Oft bleibt die Vermittlung der Shoah-Geschichte auf spezielle Gedenktage oder Projektwochen beschränkt. Experten fordern eine kontinuierliche Auseinandersetzung, die Holocaust-Geschichte als Teil der europäischen Geschichte begreift.
Das bedeutet auch, Verbindungen zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen zu ziehen: Wie entstehen Vorurteile? Welche Mechanismen führen zu Ausgrenzung und Verfolgung? Wie können Demokratie und Menschenrechte geschützt werden? Diese Fragen machen Holocaust-Education zu einem aktuellen und relevanten Thema für alle Schüler.
Die Konferenz findet hybrid statt und wird per Livestream übertragen, um eine größtmögliche Reichweite zu erzielen. Medienvertreter sind explizit eingeladen, über die Präsentation des Auschwitz-Modells und die Diskussionen zu berichten. Diese Öffentlichkeitsarbeit ist entscheidend für die Wirkung der Konferenz.
Studien zeigen, dass mediale Berichterstattung über Holocaust-Education das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung der Erinnerungsarbeit schärft. Gleichzeitig können Medien dazu beitragen, neue Zielgruppen zu erreichen, die normalerweise nicht mit Holocaust-Education in Berührung kommen.
Die Organisatoren hoffen, dass die Berichterstattung über die Wiener Konferenz andere europäische Länder inspiriert, ähnliche Initiativen zu starten. Das EU-geförderte Ex-His Projekt soll in den kommenden Jahren auf weitere Länder ausgedehnt werden.
Mit der Wiener Konferenz setzt Österreich ein wichtiges Zeichen für innovative Holocaust-Education in Europa. Das 30-Quadratmeter-Modell von Auschwitz-Birkenau könnte zum Symbol für eine neue Generation der Erinnerungsarbeit werden – eine Arbeit, die ohne Zeitzeugen auskommen muss, aber dennoch die Erinnerung an die Shoah lebendig hält. Die Diskussionen am 25. März 2026 werden zeigen, welche Wege die europäische Holocaust-Education in Zukunft einschlagen wird.