Behindertenrat warnt vor Finanzkrise des Ausgleichstaxfonds
Dreifach höhere Arbeitslosigkeit und Budgetdruck beim Ausgleichstaxfonds bedrohen Unterstützung für Menschen mit Behinderungen in Österreich.
Die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderungen in Österreich spitzt sich dramatisch zu. Nach aktuellen Daten ist die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe im Jänner 2026 mehr als dreimal so stark gestiegen wie bei Menschen ohne Behinderungen. Gleichzeitig gerät der Ausgleichstaxfonds (ATF), ein zentrales Finanzierungsinstrument für berufliche Teilhabe, unter enormen Budgetdruck.
Die jüngsten Arbeitsmarktdaten zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Menschen mit Behinderungen sind nicht nur häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, sondern auch länger arbeitslos als Menschen ohne Behinderungen. Diese Entwicklung verstärkt sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten überproportional und führt zu einer weiteren Marginalisierung dieser Bevölkerungsgruppe am Arbeitsmarkt.
"Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass Menschen mit Behinderungen in Krisenzeiten als erste ihre Jobs verlieren und als letzte wieder eingestellt werden", erklärt ein Experte für Arbeitsmarktpolitik. Diese Entwicklung hat nicht nur individuelle Folgen für die Betroffenen, sondern auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen.
Besonders problematisch ist die gleichzeitige Finanzkrise des Ausgleichstaxfonds. Dieser Fonds, der durch die Ausgleichstaxe finanziert wird, die Unternehmen zahlen müssen, wenn sie die vorgeschriebene Quote an Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen nicht erfüllen, ist ein wesentliches Instrument zur Förderung der beruflichen Integration.
Der finanzielle Bedarf des Fonds übersteigt mittlerweile deutlich die Einnahmen. Für 2026 waren zusätzliche Mittel aus dem Bundesbudget notwendig, doch diese sollen ab 2027 schrittweise reduziert werden. Diese Entwicklung stellt die Nachhaltigkeit des gesamten Systems in Frage.
Die Ursachen für die Finanzierungslücke sind vielfältig. Einerseits führt die steigende Arbeitslosigkeit zu höheren Ausgaben für Unterstützungsmaßnahmen. Andererseits sinken die Einnahmen, da weniger Menschen mit Behinderungen beschäftigt sind und somit auch weniger Ausgleichstaxe von Unternehmen eingehoben wird.
Experten warnen vor einem Teufelskreis: Weniger verfügbare Mittel bedeuten weniger Unterstützungsangebote, was wiederum zu einer noch schlechteren Arbeitsmarktsituation für Menschen with Behinderungen führen könnte.
Am 2. März 2026 lädt der Österreichische Behindertenrat zu einer Pressekonferenz, um auf diese prekäre Situation aufmerksam zu machen und Lösungsansätze zu diskutieren. Die Veranstaltung findet um 10:00 Uhr im Presseclub Concordia in Wien statt.
Am Podium werden hochkarätige Experten sprechen: Klaus Widl, Präsident des Österreichischen Behindertenrats, Christine Steger, die Bundesbehindertenanwältin, sowie Patrick Berger, Leiter des "Chancen nutzen"-Büros beim Österreichischen Gewerkschaftsbund.
Die Zusammensetzung des Podiums zeigt, dass das Problem ernst genommen wird und verschiedene Interessensgruppen gemeinsam nach Lösungen suchen. Die Gewerkschaften, die Behindertenvertretung und die staatliche Behindertenanwaltschaft ziehen an einem Strang.
"Wir brauchen eine nachhaltige Sicherung des Ausgleichstaxfonds", betont der Österreichische Behindertenrat in seiner Aussendung. Ohne ausreichende finanzielle Absicherung drohe eine weitere Verschärfung der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen.
Die aktuelle Entwicklung hat weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen. Menschen with Behinderungen, die bereits häufig von sozialer Ausgrenzung betroffen sind, verlieren durch Arbeitslosigkeit nicht nur ihre Einkommensquelle, sondern auch wichtige soziale Kontakte und Teilhabemöglichkeiten.
Studien zeigen, dass Arbeit für Menschen mit Behinderungen oft eine besonders wichtige Rolle für Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Integration spielt. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann daher besonders schwerwiegende psychosoziale Folgen haben.
Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist die Entwicklung problematisch. Menschen mit Behinderungen, die arbeitslos werden, belasten nicht nur das Sozialsystem stärker, sondern fallen auch als Konsumenten und Steuerzahler aus. Gleichzeitig gehen der Wirtschaft wertvolle Arbeitskräfte und deren spezifische Kompetenzen verloren.
Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen, berichten häufig von deren hoher Motivation, Loyalität und besonderen Fähigkeiten. Der Verlust dieser Arbeitskräfte bedeutet daher auch einen Verlust an Humankapital.
Österreich hat sich durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, Menschen mit Behinderungen gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Die aktuelle Entwicklung steht in deutlichem Widerspruch zu diesen internationalen Verpflichtungen.
Die UN-Konvention fordert ausdrücklich, dass Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit haben sollen, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die sie frei wählen oder annehmen können. Dazu gehört auch die Bereitstellung angemessener Unterstützungsmaßnahmen.
Experten diskutieren verschiedene Ansätze zur Lösung der Finanzierungskrise des Ausgleichstaxfonds. Eine Möglichkeit wäre die Erhöhung der Ausgleichstaxe, um die Einnahmen zu steigern. Kritiker befürchten jedoch, dass dies Unternehmen noch stärker davon abhalten könnte, Menschen mit Behinderungen einzustellen.
Alternative Ansätze umfassen eine stärkere Förderung der Beschäftigung through positive Anreize für Unternehmen, eine bessere Vernetzung von Unterstützungsangeboten oder auch strukturelle Reformen des gesamten Systems.
Langfristig könnte auch eine stärkere Fokussierung auf Prävention von Arbeitslosigkeit helfen. Dazu gehören bessere Qualifizierungsmaßnahmen, Job-Coaching und die Unterstützung von Unternehmen bei der Schaffung inklusiver Arbeitsplätze.
Die Pressekonferenz am 2. März wird zeigen, welche konkreten Schritte die verschiedenen Akteure vorschlagen, um die Situation zu verbessern. Medienvertreter können sich unter [email protected] anmelden oder online via Zoom teilnehmen.
Die Diskussion um den Ausgleichstaxfonds und die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderungen verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig eine kohärente und nachhaltige Politik für Inklusion und Teilhabe ist. Nur durch gemeinsame Anstrengungen aller Beteiligten kann verhindert werden, dass eine vulnerable Gruppe noch weiter marginalisiert wird.