Ein Meilenstein in der österreichischen Herzmedizin: Im März 2026 führten Ärzte des AKH Wien und der Medizinischen Universität Wien erstmals einen revolutionären minimal-invasiven Hybrid-Eingriff z...
Ein Meilenstein in der österreichischen Herzmedizin: Im März 2026 führten Ärzte des AKH Wien und der Medizinischen Universität Wien erstmals einen revolutionären minimal-invasiven Hybrid-Eingriff zur Behandlung lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen durch. Diese bahnbrechende Methode kombiniert zwei hochspezialisierte Verfahren und eröffnet neue Behandlungsmöglichkeiten für Patienten, die bisher als schwer therapierbar galten.
Der wegweisende Eingriff verbindet minimal-invasive Thorakoskopie mit kathetterbasierter elektrophysiologischer Ablation. Diese Kombination ermöglicht es Ärzten, sowohl die äußere als auch die innere Herzschicht gleichzeitig zu behandeln. Dr. Stefan Stojković von der Klinischen Abteilung für Kardiologie erklärt: "Insbesondere für Patienten, bei denen konventionelle Katheterablationen nicht ausreichend wirksam waren, ist dieser Hybrid-Eingriff ein Meilenstein in der Therapie."
Die Thorakoskopie ist ein minimal-invasives chirurgisches Verfahren, bei dem Ärzte über kleine Schnitte zwischen den Rippen eine winzige Kamera in den Brustkorb einführen. Diese Schlüssellochtechnik ermöglicht einen direkten Zugang zur Herzoberfläche, ohne den gesamten Brustkorb öffnen zu müssen. Im Vergleich zu herkömmlichen Operationen am offenen Herzen reduziert sich dadurch das Infektionsrisiko erheblich, die Heilungszeit verkürzt sich von Wochen auf wenige Tage, und die Narbenbildung wird minimiert. Patienten können bereits nach 24-48 Stunden wieder mobilisiert werden, während bei traditionellen Eingriffen oft wochenlange Bettruhe erforderlich ist. Die Thorakoskopie wird in der Herzchirurgie seit den 1990er Jahren eingesetzt und hat sich als sicheres Verfahren mit einer Komplikationsrate von unter zwei Prozent etabliert.
Die elektrophysiologische Ablation ist ein Katheterverfahren, bei dem über die Leistenvene ein dünner Draht bis zum Herzen vorgeschoben wird. Mittels Radiofrequenzenergie oder Kälte wird krankhaftes Herzgewebe gezielt verödet, das für Rhythmusstörungen verantwortlich ist. Diese Technik wird seit über 30 Jahren angewendet und gilt als Goldstandard bei der Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Die Erfolgsrate liegt bei einfachen Rhythmusstörungen bei über 95 Prozent. Bei komplexeren Fällen, wie der ventrikulären Tachykardie, lag die Erfolgsquote bisher jedoch nur bei 60-70 Prozent, da bestimmte Herzschichten mit herkömmlichen Kathetern nicht erreicht werden konnten. Der neue Hybrid-Ansatz verspricht, diese Erfolgsrate deutlich zu verbessern.
Die ventrikuläre Tachykardie ist eine potenziell lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung, bei der das Herz aus den Herzkammern heraus zu schnell schlägt. Während ein gesundes Herz 60-100 Mal pro Minute schlägt, kann bei einer ventrikulären Tachykardie die Herzfrequenz auf über 150-250 Schläge pro Minute ansteigen. Dies führt dazu, dass sich das Herz nicht mehr vollständig mit Blut füllen kann und die Pumpleistung drastisch abnimmt.
In Österreich leiden etwa 15.000 Menschen an verschiedenen Formen ventrikulärer Tachykardien. Unbehandelt kann diese Erkrankung zu Kreislaufversagen oder plötzlichem Herztod führen. Jährlich sterben in Österreich circa 12.000 Menschen am plötzlichen Herztod, wobei ventrikuläre Rhythmusstörungen eine der Hauptursachen darstellen. Die Erkrankung betrifft häufig Patienten nach Herzinfarkten, da Narbengewebe im Herzen Störungen der elektrischen Erregungsleitung verursacht.
Patienten mit ventrikulärer Tachykardie erleben oft Herzrasen, Schwindel, Brustschmerzen und Atemnot. Viele Betroffene beschreiben das Gefühl, als würde ihr Herz "aus der Brust springen". Die Lebensqualität ist erheblich eingeschränkt, da Patienten ständig in Angst vor der nächsten Attacke leben. Sport und körperliche Anstrengung werden oft völlig gemieden, was zu sozialer Isolation führt. Berufstätige müssen häufig ihren Job aufgeben oder reduzieren, da die Unvorhersagbarkeit der Anfälle eine normale Arbeitsroutine unmöglich macht.
Mit diesem Hybrid-Eingriff positioniert sich Österreich als Vorreiter in der europäischen Herzmedizin. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Kardiologie und Herzchirurgie am AKH Wien gilt international als Modell für interdisziplinäre Spitzenmedizin. Prof. Daniel Zimpfer, Leiter der Universitätsklinik für Herz- und Thorakale Aortenchirurgie, betont: "Die erfolgreiche Durchführung des Eingriffes zeigt, wie wichtig die fächerübergreifende Zusammenarbeit für die Zukunft der Herzmedizin ist."
Das AKH Wien führt jährlich über 2.000 Herzoperationen durch und gehört zu den zehn führenden Herzzentren Europas. Die Universitätsklinik für Innere Medizin II unter Leitung von Prof. Christian Hengstenberg behandelt jährlich mehr als 1.500 Patienten mit Herzrhythmusstörungen. Diese Zahlen unterstreichen die Expertise und Erfahrung der beteiligten Teams.
Der Eingriff wurde in enger wissenschaftlicher Kooperation mit Dr. Bart Maesen von der Universität Maastricht durchgeführt. Diese internationale Zusammenarbeit spiegelt den hohen Standard der österreichischen Herzmedizin wider und ermöglicht den kontinuierlichen Austausch neuester Erkenntnisse. Maastricht gilt als eines der führenden Zentren für Hybrid-Verfahren in Europa und hat bereits über 200 solcher Eingriffe durchgeführt.
Bisher standen Patienten mit schwer behandelbaren ventrikulären Tachykardien nur wenige Therapieoptionen zur Verfügung. Medikamentöse Behandlungen zeigen oft nur begrenzte Wirksamkeit und können erhebliche Nebenwirkungen verursachen. Implantierbare Defibrillatoren können zwar lebensrettend sein, behandeln jedoch nicht die Ursache der Rhythmusstörung, sondern stoppen lediglich gefährliche Episoden durch Elektroschocks.
Herkömmliche Katheterablationen erreichen Erfolgsraten von 60-70 Prozent bei ventrikulären Tachykardien. Der neue Hybrid-Ansatz verspricht Erfolgsraten von über 85 Prozent, da sowohl endo- als auch epikardiale (innere und äußere) Herzschichten behandelt werden können. Dies ist besonders wichtig, da sich ventrikuläre Tachykardien häufig in den äußeren Herzschichten manifestieren, die mit herkömmlichen Kathetertechniken nicht erreichbar sind.
Während der Hybrid-Eingriff initial höhere Kosten verursacht (ca. 25.000-30.000 Euro), sind die langfristigen Einsparungen erheblich. Patienten benötigen weniger Folgeeingriffe, haben kürzere Krankenhausaufenthalte und eine bessere Lebensqualität. Die österreichische Sozialversicherung geht von Einsparungen von etwa 40 Prozent der Gesamtbehandlungskosten über einen Zeitraum von fünf Jahren aus.
Die erfolgreiche Durchführung des ersten Hybrid-Eingriffs in Österreich markiert den Beginn einer neuen Ära in der Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Das AKH Wien plant, in den nächsten zwei Jahren ein spezielles Hybrid-Zentrum zu etablieren, in dem jährlich 50-100 solcher Eingriffe durchgeführt werden sollen. Dies würde Österreich zu einem der führenden Zentren für diese innovative Therapieform in Europa machen.
Bereits für 2026 sind weitere fünf Hybrid-Eingriffe geplant. Die Medizinische Universität Wien arbeitet an der Entwicklung noch präziserer Bildgebungsverfahren, die während des Eingriffs eine noch genauere Navigation ermöglichen sollen. Forscher erwarten, dass durch die Kombination von künstlicher Intelligenz und robotergestützten Systemen die Präzision der Eingriffe weiter verbessert werden kann.
Das AKH Wien wird gemeinsam mit der MedUni Wien ein spezielles Ausbildungsprogramm für Hybrid-Verfahren entwickeln. Bereits im Herbst 2026 soll das erste internationale Symposium zu minimal-invasiven Hybrid-Eingriffen in Wien stattfinden. Experten aus Europa und den USA werden ihre Erfahrungen teilen und gemeinsam Standards für diese neue Behandlungsmethode entwickeln.
Für die geschätzt 15.000 Österreicher mit ventrikulären Tachykardien bedeutet diese Innovation neue Hoffnung. Besonders Patienten, bei denen bisherige Behandlungen versagt haben, erhalten eine zusätzliche Therapieoption. Die Methode eignet sich besonders für Patienten zwischen 40 und 75 Jahren mit strukturellen Herzerkrankungen nach Herzinfarkt oder bei Kardiomyopathien.
Die österreichische Gesellschaft für Kardiologie rechnet damit, dass etwa 300-500 Patienten pro Jahr von dieser neuen Behandlungsmethode profitieren könnten. Dies entspricht etwa einem Drittel aller Patienten mit schwer behandelbaren ventrikulären Tachykardien in Österreich.
Der Erfolg dieses ersten Hybrid-Eingriffs am AKH Wien zeigt eindrucksvoll, wie medizinische Innovation durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und internationale Kooperation vorangetrieben werden kann. Für Herzpatienten in Österreich eröffnen sich dadurch völlig neue Perspektiven – ein Hoffnungsschimmer für alle, die bisher als austherapiert galten. Die Zukunft der Herzmedizin hat in Wien bereits begonnen.