Am 17. März 2026 wurde im Wien Museum ein besonderer Preis verliehen: Der Marie Neurath Preis der Arbeiterkammer Wien zeichnet innovative Datenvisualisierungen aus, die komplexe gesellschaftliche u
Am 17. März 2026 wurde im Wien Museum ein besonderer Preis verliehen: Der Marie Neurath Preis der Arbeiterkammer Wien zeichnet innovative Datenvisualisierungen aus, die komplexe gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge für alle verständlich machen. Aus über 70 Einreichungen wurden drei herausragende Arbeiten ausgewählt, die sich mit den drängendsten Problemen unserer Zeit beschäftigen – von der Klimakrise über Vermögensungleichheit bis hin zur Fast Fashion Problematik.
Die Vielfalt der ausgezeichneten Projekte spiegelt die Bandbreite aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen wider. Maria Strieder aus Kärnten, eine erfahrene Grafikerin, widmete ihre Masterarbeit „Der Ast, auf dem wir sitzen" einem der wichtigsten Umweltthemen unserer Zeit: dem Earth Overshoot Day. Dieser Tag markiert den Zeitpunkt im Jahr, an dem die Menschheit bereits mehr natürliche Ressourcen verbraucht hat, als die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren kann. 2024 fiel dieser Tag bereits auf den 1. August – ein alarmierendes Signal dafür, wie stark unser Lebensstil die planetaren Grenzen überschreitet.
Der Earth Overshoot Day ist ein Konzept, das vom Global Footprint Network entwickelt wurde und den ökologischen Fußabdruck der Menschheit im Verhältnis zur biologischen Kapazität der Erde misst. Die biologische Kapazität bezeichnet die Fähigkeit der Ökosysteme, Ressourcen zu produzieren und Abfälle zu absorbieren. Wenn dieser Tag immer früher im Jahr eintritt, bedeutet das, dass wir die natürlichen Ressourcen schneller verbrauchen, als sie sich regenerieren können. Strieders Visualisierung macht diese abstrakten Zahlen greifbar und zeigt die dramatischen Auswirkungen unseres Konsumverhaltens auf.
Ansgar Wolfing, ein spezialisierter Datenanalyst, konzentrierte sich auf ein Thema, das in Österreich besonders brisant ist: die Vermögensverteilung. Seine digitale Scrollytelling-Visualisierung führt Nutzer Schritt für Schritt durch komplexe Daten und macht dabei deutlich, wie ungleich Vermögen in Österreich verteilt ist. Scrollytelling ist eine moderne Erzähltechnik, die Scrollen mit storytelling verbindet – dabei werden Informationen interaktiv präsentiert, während der Nutzer durch die Seite scrollt. Diese Methode macht komplexe Daten besonders zugänglich und nachvollziehbar.
Die Vermögensungleichheit in Österreich ist ein oft diskutiertes, aber selten visualisiertes Thema. Laut Statistik Austria besitzen die reichsten zehn Prozent der österreichischen Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Die ärmste Hälfte der Bevölkerung verfügt hingegen nur über etwa vier Prozent des Gesamtvermögens. Wolfings Arbeit macht diese Zahlen nicht nur sichtbar, sondern zeigt auch die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Ungleichheit auf.
Besonders erfreulich ist die Auszeichnung von Eliott Ertl, einer Schülerin der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Ihre im Unterricht entstandene Arbeit beschäftigt sich mit einem Problem, das vor allem junge Menschen betrifft: der enormen Menge an Textilabfällen durch Fast Fashion. Fast Fashion bezeichnet ein Geschäftsmodell der Bekleidungsindustrie, bei dem Kleidung in immer kürzeren Zyklen und zu niedrigen Preisen produziert wird. Die Folgen sind verheerend: Weltweit werden jährlich etwa 92 Millionen Tonnen Textilabfälle produziert, und die Textilindustrie ist für etwa zehn Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Ertls Visualisierung macht diese abstrakten Zahlen für ihre Generation greifbar und zeigt alternative Handlungsoptionen auf.
Der Marie Neurath Preis knüpft an eine über hundertjährige Tradition an, die ihren Ursprung im Wien der 1920er Jahre hat. Otto Neurath, ein österreichischer Philosoph und Soziologe, entwickelte gemeinsam mit Marie Reidemeister (später Neurath) und dem Grafiker Gerd Arntz die Wiener Methode der Bildstatistik, später bekannt als ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education).
Diese revolutionäre Methode entstand im Umfeld der Arbeiterkammer und des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums im Roten Wien der Zwischenkriegszeit. Das Ziel war es, komplexe gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge durch klare Symbole und Grafiken für eine breite Öffentlichkeit verständlich zu machen. Otto Neurath war überzeugt davon, dass Wissensvermittlung eine demokratische Praxis sein müsse – eine Überzeugung, die bis heute den Bildungsauftrag der Arbeiterkammer prägt.
Die ISOTYPE-Methode war ihrer Zeit weit voraus und beeinflusste die moderne Informationsdesign-Bewegung nachhaltig. Die verwendeten Piktogramme und Visualisierungstechniken finden sich heute in zahlreichen Bereichen wieder, von Verkehrsleitsystemen über Bedienungsanleitungen bis hin zu digitalen Interfaces. Marie Neurath, nach der der Preis benannt ist, spielte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung und Verbreitung dieser Methode und setzte das Werk auch nach Otto Neuraths Tod 1945 fort.
„Mit der Ausrufung des Preises wollen wir kraftvolle Datenvisualisierungen auszeichnen, die zentrale gesellschaftliche Fragen sichtbar machen – vom Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten, den Folgen unseres Konsums bis hin zur Vermögensverteilung in Österreich. Genau darum geht es: komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen und dadurch Handlungsoptionen aufzuzeigen