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Adipositas-Epidemie in Österreich: Warum der BMI versagt

9. April 2026 um 09:33
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Österreichs Gesundheitssystem steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Binnen zwei Jahrzehnten ist der Anteil erwachsener Menschen mit Adipositas in den OECD-Ländern von 13 auf 19 Prozent angest

Österreichs Gesundheitssystem steht vor einer gewaltigen Herausforderung: In einem Großteil der 38 OECD-Länder stieg der Anteil der erwachsenen Bevölkerung mit Adipositas zwischen 2003 und 2023 laut aktueller WHO-Definition im Durchschnitt von 13 auf 19 %. Gleichzeitig verdeutlichen neue wissenschaftliche Ansätze, dass pauschale Diagnosen auf Basis des Körpergewichts und daraus abgeleitete Therapieansätze wenig Erfolg versprechen. Vielmehr bedarf es einer differenzierten Betrachtung der individuellen gesundheitlichen Situation.

Der BMI: Grenzen der einfachen Einordnung

Lange Zeit galt der Body-Mass-Index (BMI) als zentrales Instrument zur Einordnung von Übergewicht und Adipositas. Nun wird jedoch zunehmend deutlich, dass er die individuelle gesundheitliche Situation nur unzureichend abbildet, da Körperzusammensetzung, Fettverteilung oder Organfunktion nicht berücksichtigt werden.

Moderne Ansätze beziehen zusätzliche Parameter wie Taillenumfang oder direkte Messungen der Körperzusammensetzung ein, um ein differenzierteres Bild der Gesundheit zu erhalten.

Präzisierung von Diagnose und Therapie

Internationale Fachgremien unterscheiden zwischen präklinischer und klinischer Adipositas. Erstere kann einen erhöhten Körperfettanteil ohne erkennbare gesundheitliche Einschränkungen beschreiben, während letztere mit funktionellen oder metabolischen Beeinträchtigungen einhergeht. Diese Differenzierung verschiebt den Fokus von rein gewichtsbasierten Bewertungen hin zu einer ganzheitlicheren Einschätzung der Gesundheit.

Mit einer präziseren Einordnung gehen auch differenzierte Therapieansätze einher. Liegen keine Beschwerden oder funktionellen Einschränkungen vor, stehen präventive Maßnahmen wie ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung sowie ein bewusster Umgang mit Schlaf und Stress im Vordergrund. Bei vorliegenden funktionellen oder metabolischen Beeinträchtigungen sind multimodale Therapieansätze erforderlich; der Lebensstil bleibt dabei eine zentrale Basis, ist jedoch häufig nicht als alleinige Lösung ausreichend.

Prävention: Maßnahmen im Zusammenspiel

Parallel zur Weiterentwicklung der Diagnostik wird auch die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen differenzierter betrachtet. Demnach ist ein Zusammenspiel verschiedener Ansätze notwendig, die sowohl individuelles Verhalten als auch strukturelle Rahmenbedingungen adressieren. Verhältnisprävention setzt bei den Lebensbedingungen an und schafft gesundheitsförderliche Umgebungen, während Verhaltensprävention beim Individuum ansetzt und Wissen, Kompetenzen und Routinen stärkt.

Besonders wirksam sind laut aktueller Betrachtungen Maßnahmen mit hoher Reichweite, die ohne aktives Zutun breite Bevölkerungsteile erreichen, etwa durch Anpassung von Portionsgrößen oder schrittweise Reformulierung von Lebensmitteln. Demgegenüber zeigen Maßnahmen wie Steuern oder Nährwertkennzeichnungen punktuelle Effekte, bleiben jedoch in ihrer Gesamtwirkung begrenzt. Auch der Einfluss von Werbebeschränkungen ist bislang nicht eindeutig belegt.

Die Rolle des sozialen Umfelds

Eine zentrale Rolle kommt zudem dem sozialen Umfeld zu. Familie, Bildungseinrichtungen und Alltagsstrukturen prägen Essverhalten, Bewegungsgewohnheiten und Gesundheitskompetenz von Beginn an. Früh ansetzende Ernährungsbildung und regelmäßige Bewegung können langfristig zur Etablierung eines gesunden Lebensstils beitragen.

Volkswirtschaftliche Relevanz und politische Priorität

Adipositas betrifft einen wachsenden Anteil der Bevölkerung und stellt Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen. In OECD-Ländern entfallen durchschnittlich rund 8,4 % der Gesundheitsausgaben auf die Behandlung Adipositas-bedingter Erkrankungen. Für Österreich werden jährliche Kosten von über 2,4 Milliarden Euro geschätzt.

Im Programm der österreichischen Bundesregierung 2025–2029 ist gesundheitliche Prävention als ein zentraler Schwerpunkt verankert und mit Maßnahmen hinterlegt. Gerade beim Thema Adipositas ist es von hoher gesundheitspolitischer und volkswirtschaftlicher Relevanz, diese Vorhaben umzusetzen, um die Prävalenz zu senken.

Weitere Themen der aktuellen Ausgabe des Magazins beschäftigen sich mit Lebensmitteltechnologie, Warenkunde und Sensorik sowie ernährungspolitischen Kommentaren.

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