Österreichische Experten fordern differenzierte Betrachtung statt pauschaler BMI-Bewertung
Moderne Medizin rückt von reiner Gewichtsmessung ab und setzt auf ganzheitliche Gesundheitsbewertung bei Adipositas-Behandlung.
Die Diskussion um Adipositas erlebt einen grundlegenden Wandel. Während früher der Body-Mass-Index (BMI) als entscheidendes Kriterium für Übergewicht und Adipositas galt, setzen Mediziner heute auf differenziertere Ansätze. Die neue Ausgabe des Magazins "ernährung heute" des forum. ernährung heute (f.eh) zeigt auf, warum pauschale Diagnosen und Therapien bei Adipositas wenig erfolgversprechend sind.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In der Mehrzahl der 38 OECD-Länder stieg der Anteil der erwachsenen Bevölkerung mit Adipositas zwischen 2003 und 2023 von durchschnittlich 13 auf 19 Prozent. Dieser alarmierende Trend stellt Gesundheitssysteme weltweit vor enorme Herausforderungen und macht deutlich, dass neue Lösungsansätze dringend erforderlich sind.
"Um adäquate Lösungen zu finden, müssen die komplexen biopsychosozialen Zusammenhänge anerkannt werden", erklärt Marlies Gruber, Geschäftsführerin des f.eh. "Nachhaltige Lösungen entstehen durch das Zusammenspiel von Wissen und Kompetenzen, evidenzbasierter Prävention, optimalen strukturellen Voraussetzungen, individueller Unterstützung und gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen."
Für Österreich sind die wirtschaftlichen Auswirkungen besonders gravierend. Die jährlichen Kosten für die Behandlung Adipositas-bedingter Erkrankungen werden auf über 2,4 Milliarden Euro geschätzt. Im OECD-Durchschnitt entfallen etwa 8,4 Prozent der Gesundheitsausgaben auf diese Behandlungen.
Die österreichische Bundesregierung hat in ihrem Programm 2025-2029 gesundheitliche Prävention als zentralen Schwerpunkt verankert. Gerade bei Adipositas ist die Umsetzung dieser Vorhaben von höchster gesundheitspolitischer und volkswirtschaftlicher Relevanz, um die Prävalenz nachhaltig zu senken.
Der traditionell verwendete Body-Mass-Index gerät zunehmend in die Kritik. Experten bemängeln, dass er die individuelle gesundheitliche Situation nur unzureichend abbildet. Wichtige Faktoren wie Körperzusammensetzung, Fettverteilung oder Organfunktion bleiben dabei völlig unberücksichtigt.
Moderne Diagnoseverfahren beziehen daher zusätzliche Parameter ein:
Ein wesentlicher Fortschritt in der medizinischen Betrachtung ist die Unterscheidung zwischen präklinischer und klinischer Adipositas. Dr. Bianca-Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositasgesellschaft, erklärt diese wichtige Differenzierung:
Präklinische Adipositas beschreibt einen erhöhten Körperfettanteil ohne gesundheitliche Einschränkungen. Bei der klinischen Adipositas hingegen liegt eine echte Erkrankung mit funktionellen oder metabolischen Beeinträchtigungen vor.
Diese Unterscheidung hat weitreichende Konsequenzen für die Therapie: Nicht jede Person mit erhöhtem Körpergewicht ist automatisch behandlungsbedürftig. Umgekehrt können auch bei normalem BMI gesundheitliche Risiken bestehen.
Der Paradigmenwechsel führt weg von einer rein gewichtsbasierten Bewertung hin zu einer ganzheitlichen Einschätzung der Gesundheit. Im Vordergrund steht nicht mehr das Gewicht an sich, sondern die funktionelle Beeinträchtigung und das individuelle Krankheitsbild.
Mit der präziseren Diagnose geht auch ein veränderter Therapieansatz einher. Die Behandlung orientiert sich zunehmend am individuellen Krankheitsbild und dessen spezifischer Ausprägung.
Liegen keine Beschwerden oder funktionellen Einschränkungen vor, stehen präventive Ansätze im Vordergrund:
Bei klinischer Adipositas reichen allgemeine Lebensstilmaßnahmen häufig nicht aus. Hier sind multimodale Therapieansätze erforderlich, die je nach Bedarf verschiedene Optionen einschließen:
Wichtig ist dabei: Der Lebensstil bleibt eine zentrale Basis, ist jedoch nicht als alleinige Lösung zu verstehen.
Die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen wird heute differenzierter betrachtet. Experten setzen auf ein Zusammenspiel verschiedener Ansätze, die sowohl individuelles Verhalten als auch strukturelle Rahmenbedingungen adressieren.
Diese Maßnahmen setzen bei den Lebensbedingungen an und schaffen gesundheitsförderliche Umgebungen:
Diese Ansätze setzen beim Individuum an und stärken:
Besonders wirksam sind Maßnahmen mit hoher Reichweite, die ohne aktives Zutun greifen. Dazu gehören beispielsweise die schrittweise Reformulierung von Lebensmitteln oder die Anpassung von Portionsgrößen.
Demgegenüber zeigen andere Instrumente wie Steuern auf ungesunde Lebensmittel oder Nährwertkennzeichnungen zwar punktuelle Effekte, bleiben jedoch in ihrer Gesamtwirkung begrenzt. Auch der Einfluss von Werbebeschränkungen ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig belegt.
Eine zentrale Bedeutung kommt dem sozialen Umfeld zu. Familie, Bildungseinrichtungen und Alltagsstrukturen prägen Essverhalten, Bewegungsgewohnheiten und Gesundheitskompetenz von Beginn an.
Früh ansetzende Ernährungsbildung und regelmäßige Bewegung können langfristig zur Etablierung eines gesunden Lebensstils beitragen. Dabei ist es wichtig, dass Präventionsmaßnahmen bereits im Kindes- und Jugendalter ansetzen, wenn sich Gewohnheiten und Präferenzen noch formen.
Das Magazin "ernährung heute" startet mit der aktuellen Ausgabe auch zwei neue Serien, die das Verständnis für Ernährung und Lebensmittel vertiefen sollen:
Univ.-Prof. Henry Jäger von der BOKU University erklärt in einer neuen Serie verschiedene Verarbeitungsschritte der industriellen Lebensmittelherstellung. Die Serie zeigt auf, wie Produkte entstehen und was nötig ist, damit sie lange haltbar und für unseren Alltag kompatibel sind. Den Auftakt bilden die Themen Pasteurisation und Sterilisation.
Dr. Eva Derndorfer widmet sich in ihrer Serie der Warenkunde und Sensorik von Getränken. Sie erzählt deren Geschichten über Kultur, Handwerk, Innovation und Geschmack. Das erste Thema ist Kombucha, das fermentierte Getränk, das in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen hat.
Neu im Heft ist auch eine ernährungspolitische Kolumne von Dr. Michael Blass. Mit seiner jahrzehntelangen Branchenerfahrung und lebensmittelrechtlichen Perspektive kommentiert er aktuelle Entwicklungen in der Ernährungspolitik.
Die Herausforderung Adipositas erfordert einen Paradigmenwechsel in Diagnose und Therapie. Statt pauschaler Bewertungen auf Basis des Körpergewichts braucht es individuelle, ganzheitliche Ansätze, die die komplexen biopsychosozialen Zusammenhänge berücksichtigen.
Erfolgreiche Präventionsstrategien müssen verschiedene Ebenen ansprechen: vom individuellen Verhalten über soziale Strukturen bis hin zu politischen Rahmenbedingungen. Nur durch das koordinierte Zusammenwirken aller Akteure - von der Gesundheitspolitik über Bildungseinrichtungen bis hin zu Lebensmittelproduzenten - können nachhaltige Fortschritte im Kampf gegen die steigende Adipositas-Prävalenz erreicht werden.
Die österreichische Bundesregierung hat mit ihrem Präventionsschwerpunkt im Regierungsprogramm 2025-2029 wichtige Weichen gestellt. Jetzt kommt es auf die konsequente Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen an, um die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern und die enormen volkswirtschaftlichen Kosten zu reduzieren.