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46 Millionen unbezahlte Überstunden kosten Österreich 2,5 Mrd. Euro

12. März 2026 um 11:32
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Ein alarmierender Trend zeigt sich in Österreichs Arbeitswelt: 46 Millionen unbezahlte Überstunden werden 2025 voraussichtlich geleistet – und das bedeutet nicht nur für die Beschäftigten einen mas...

Ein alarmierender Trend zeigt sich in Österreichs Arbeitswelt: 46 Millionen unbezahlte Überstunden werden 2025 voraussichtlich geleistet – und das bedeutet nicht nur für die Beschäftigten einen massiven finanziellen Verlust von 2,5 Milliarden Euro, sondern auch für den Staat entgehen dadurch 1,23 Milliarden Euro an Steuern und Sozialbeiträgen. Diese alarmierenden Zahlen präsentierte der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) basierend auf aktuellen Daten der Statistik Austria.

Dramatischer Anstieg unbezahlter Mehrarbeit in Österreich

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während 2024 noch etwa 42,3 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet wurden, steigt diese Zahl für 2025 auf geschätzte 45,9 Millionen Stunden an. Das entspricht einer Steigerung von rund 8,5 Prozent binnen eines Jahres. ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth bringt die Problematik auf den Punkt: "Ein enormer Teil der geleisteten Arbeit bleibt unbezahlt und Menschen, die Überstunden leisten und nichts dafür bekommen, werden systematisch um ihren Lohn gebracht."

Um das Ausmaß dieser Zahlen zu verdeutlichen: 46 Millionen Überstunden entsprechen etwa 22.100 Vollzeitarbeitsplätzen, die theoretisch geschaffen werden könnten, wenn diese Mehrarbeit ordnungsgemäß entlohnt und durch zusätzliche Beschäftigte abgedeckt würde. Diese Berechnung basiert auf der durchschnittlichen Jahresarbeitszeit von etwa 2.080 Stunden pro Vollzeitbeschäftigtem in Österreich.

Massive Steuerausfälle belasten öffentliche Haushalte

Besonders brisant wird die Situation durch die entgangenen Steuereinnahmen für den Staat. Von den 1,23 Milliarden Euro, die dem öffentlichen Haushalt durch unbezahlte Überstunden verloren gehen, entfallen 875 Millionen Euro auf Lohnsteuer und 355 Millionen Euro auf Sozialbeiträge. Im Vergleich zum Vorjahr (845 Millionen Euro Lohnsteuer und 325 Millionen Euro Sozialbeiträge) zeigt sich auch hier ein deutlicher Anstieg.

Diese Summen sind umso bedeutsamer, als Österreich derzeit mit einer angespannten Budgetsituation kämpft. Das Budgetdefizit für 2024 wird auf etwa 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt, womit Österreich die EU-Defizitgrenze von drei Prozent überschreitet. In diesem Kontext würden die 1,23 Milliarden Euro an entgangenen Steuereinnahmen eine erhebliche Entlastung für den Staatshaushalt bedeuten.

Vergleich mit anderen EU-Ländern

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass Österreich beim Thema unbezahlte Überstunden nicht allein dasteht, aber überdurchschnittlich betroffen ist. Während in Deutschland ähnliche Probleme existieren – dort wurden 2023 etwa 1,6 Milliarden unbezahlte Überstunden geleistet –, haben Länder wie Frankreich oder die Niederlande strengere Regelungen zur Überstundenvergütung implementiert. In Frankreich beispielsweise müssen Überstunden grundsätzlich mit einem Zuschlag von mindestens 25 Prozent vergütet werden, was das Problem unbezahlter Mehrarbeit deutlich reduziert hat.

Rechtliche Grundlagen und Verfallsfristen bei Überstunden

Das österreichische Arbeitsrecht sieht grundsätzlich vor, dass Überstunden entweder finanziell abgegolten oder durch Zeitausgleich kompensiert werden müssen. Das Arbeitszeitgesetz (AZG) definiert Überstunden als jene Arbeitszeit, die über die normale Arbeitszeit hinausgeht, wobei für Vollzeitbeschäftigte in der Regel die 40-Stunden-Woche als Normalarbeitszeit gilt.

Ein kritischer Punkt sind die Verfallsfristen für Überstundenansprüche. Viele Arbeitsverträge oder Kollektivverträge enthalten sehr kurze Verfallsfristen – oft verfallen nicht ausbezahlte Überstunden bereits nach drei Monaten, wenn sie nicht rechtzeitig geltend gemacht werden. Diese kurzen Fristen stehen im Kontrast zu anderen Ansprüchen aus dem Arbeitsverhältnis, die oft drei Jahre lang geltend gemacht werden können.

Beschäftigte haben grundsätzlich das Recht, ihre Überstunden schriftlich zu dokumentieren und die Bezahlung oder den Zeitausgleich einzufordern. In der Praxis scheitert dies jedoch oft an dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie an der Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen.

Gesundheitliche und soziale Folgen von Überstunden

Die Auswirkungen unbezahlter Überstunden gehen weit über die finanziellen Verluste hinaus. Wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig, dass regelmäßige Mehrarbeit erhebliche gesundheitliche Risiken birgt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor den Folgen von Arbeitszeiten über 55 Stunden pro Woche, die das Risiko für Schlaganfälle um 35 Prozent und für Herzerkrankungen um 17 Prozent erhöhen können.

Erschöpfung und Burnout-Syndrome nehmen bei Beschäftigten mit regelmäßigen Überstunden deutlich zu. Eine Studie der Arbeiterkammer Wien aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 40 Prozent der Beschäftigten, die regelmäßig unbezahlte Überstunden leisten, unter chronischer Müdigkeit leiden. Zudem verschlechtert sich die Work-Life-Balance dramatisch, was sich negativ auf Familienleben und soziale Beziehungen auswirkt.

Auch für die Unternehmen selbst sind unbezahlte Überstunden langfristig kontraproduktiv. Studien zeigen, dass übermüdete Beschäftigte eine höhere Fehlerquote aufweisen und die Produktivität nach einer gewissen Zeit abnimmt. Die Motivation und Loyalität der Mitarbeiter leiden erheblich, was zu einer höheren Fluktuation und damit verbundenen Kosten für die Neurekrutierung und Einarbeitung führt.

Ursachen für die hohe Zahl an unbezahlten Überstunden

Ein zentraler Grund für die dramatisch hohe Zahl unbezahlter Überstunden ist der seit Jahren anhaltende Personalmangel in vielen Branchen. Laut Wirtschaftskammer Österreich sind derzeit über 200.000 Stellen unbesetzt, besonders betroffen sind der Gesundheits- und Pflegebereich, die Gastronomie, das Handwerk und die IT-Branche. Diese Situation führt dazu, dass immer weniger Beschäftigte immer mehr Aufgaben bewältigen müssen.

Viele Arbeitnehmer berichten, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen, länger zu arbeiten – aus Rücksicht auf Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte. Dieser psychologische Druck wird oft durch die Unternehmenskultur verstärkt, in der Mehrarbeit als Zeichen von Engagement und Loyalität interpretiert wird. Besonders in kleineren Betrieben herrscht oft die Mentalität vor, dass "alle an einem Strang ziehen müssen", was faktisch zur systematischen Ausbeutung der Beschäftigten führt.

Branchen mit besonders hoher Überstundenbelastung

Besonders betroffen von unbezahlten Überstunden sind traditionell die Bereiche Handel, Gastronomie, Gesundheitswesen und IT. Im Handel führen verlängerte Öffnungszeiten und Personaleinsparungen zu regelmäßiger Mehrarbeit. In der Gastronomie ist es oft üblich, dass Beschäftigte "freiwillig" länger bleiben, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Gesundheitswesen führen Personalengpässe dazu, dass Pflegekräfte und Ärzte weit über ihre reguläre Arbeitszeit hinaus tätig sind, oft ohne entsprechende Vergütung.

Regierungsversprechen und politische Forderungen

Im aktuellen Regierungsprogramm ist ausdrücklich festgehalten, dass alle Mehr- und Überstunden ordnungsgemäß abgegolten werden sollen. Dieses Versprechen wurde jedoch bisher nicht in konkrete gesetzliche Maßnahmen umgesetzt. Der ÖGB fordert daher die Regierung auf, endlich tätig zu werden und entsprechende Regelungen zu schaffen.

Helene Schuberth schlägt konkrete Sanktionen vor: "Wird Überstundenarbeit nicht bezahlt, muss für diese Stunden ein doppelter Zuschlag gelten. Auch der Mehrarbeitszuschlag muss auf das Doppelte angehoben werden, damit unbezahlte Überstunden bei Teilzeitbeschäftigten für Unternehmen nicht länger attraktiv bleiben." Diese Forderung zielt darauf ab, faire Bezahlung zu belohnen und Ausbeutung wirtschaftlich unattraktiv zu machen.

Ein Blick auf internationale Best Practices zeigt mögliche Lösungsansätze: In Frankreich wurde 2019 ein "Recht auf Nichterreichbarkeit" eingeführt, das Beschäftigte vor ständiger Verfügbarkeit schützt. In Belgien müssen Überstunden grundsätzlich mit einem Zuschlag von 50 Prozent vergütet werden, was unbezahlte Mehrarbeit praktisch eliminiert hat.

Auswirkungen auf die österreichische Volkswirtschaft

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen unbezahlter Überstunden sind vielschichtig und weitreichend. Neben den direkten Steuerausfällen führt die systematische Unterbezahlung zu einer Verzerrung des Arbeitsmarktes. Unternehmen, die ihre Beschäftigten ordnungsgemäß entlohnen, geraten gegenüber jenen, die auf unbezahlte Mehrarbeit setzen, in einen unfairen Wettbewerbsnachteil.

Zudem reduziert sich durch die fehlenden Lohnzahlungen die Kaufkraft der Beschäftigten, was sich negativ auf den privaten Konsum und damit auf die Binnennachfrage auswirkt. Die 2,5 Milliarden Euro, die den Arbeitnehmern durch unbezahlte Überstunden entgehen, fehlen als Nachfrage in der österreichischen Wirtschaft. Dieser Kaufkraftverlust hat einen Multiplikatoreffekt und reduziert das Bruttoinlandsprodukt.

Langfristige demografische Herausforderungen

Angesichts der demografischen Entwicklung und des prognostizierten Arbeitskräftemangels wird das Problem unbezahlter Überstunden in Zukunft noch brisanter. Bis 2030 werden in Österreich etwa 300.000 Arbeitskräfte fehlen, hauptsächlich aufgrund der Pensionierungswelle der geburtenstarken Jahrgänge. In diesem Kontext ist es volkswirtschaftlich kontraproduktiv, vorhandene Arbeitskraft durch systematische Mehrarbeit ohne entsprechende Entlohnung auszubeuten, anstatt zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Handlungsmöglichkeiten für Beschäftigte

Trotz der schwierigen Situation haben Beschäftigte durchaus Handlungsmöglichkeiten, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Zunächst ist eine genaue Dokumentation aller geleisteten Arbeitsstunden essentiell. Dabei sollten Beginn und Ende der Arbeitszeit, die Art der Tätigkeit und eventuelle Anweisungen für Mehrarbeit schriftlich festgehalten werden.

Die Gewerkschaften bieten kostenlose Rechtsberatung für ihre Mitglieder an und können bei der Durchsetzung von Ansprüchen unterstützen. Auch die Arbeiterkammern in den Bundesländern stehen allen Beschäftigten für Beratungen zur Verfügung. Bei systematischen Verstößen können Beschäftigte sich auch an das Arbeitsinspektorat wenden, das Kontrollen in Betrieben durchführen kann.

Wichtig ist auch, dass Beschäftigte ihre Rechte kennen und diese rechtzeitig geltend machen. Aufgrund der oft kurzen Verfallsfristen sollten Ansprüche auf Überstundenvergütung möglichst zeitnah schriftlich gegenüber dem Arbeitgeber geltend gemacht werden.

Zukunftsperspektiven und notwendige Reformen

Um das Problem unbezahlter Überstunden nachhaltig zu lösen, sind strukturelle Reformen notwendig. Dazu gehört zunächst eine Verschärfung der gesetzlichen Bestimmungen zur Überstundenvergütung. Die vom ÖGB vorgeschlagenen doppelten Zuschläge für unbezahlte Überstunden würden einen starken Anreiz für ordnungsgemäße Entlohnung schaffen.

Darüber hinaus sollten die Kontrollen durch das Arbeitsinspektorat intensiviert werden. Derzeit sind die Kontrollressourcen begrenzt, wodurch viele Verstöße unentdeckt bleiben. Eine Aufstockung des Personals beim Arbeitsinspektorat und häufigere, auch unangemeldete Kontrollen könnten die Durchsetzung des Arbeitsrechts erheblich verbessern.

Langfristig ist auch eine Bewusstseinsänderung in der Unternehmenskultur notwendig. Unternehmen, die auf faire Arbeitsbedingungen und ordnungsgemäße Entlohnung setzen, sollten öffentlich anerkannt und unterstützt werden. Gleichzeitig müssen Betriebe, die systematisch auf unbezahlte Mehrarbeit setzen, mit spürbaren Sanktionen rechnen.

Die Digitalisierung bietet auch neue Möglichkeiten für die Arbeitszeiterfassung und -kontrolle. Moderne Zeiterfassungssysteme können dabei helfen, Überstunden automatisch zu dokumentieren und die Einhaltung der arbeitsrechtlichen Bestimmungen zu überwachen. Die EU-weite Verpflichtung zur systematischen Arbeitszeiterfassung, die auch in Österreich umgesetzt werden muss, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Angesichts der enormen finanziellen Verluste für Beschäftigte und Staat sowie der gesundheitlichen Risiken ist es höchste Zeit, dass Politik und Sozialpartner gemeinsam konkrete Maßnahmen gegen die Epidemie unbezahlter Überstunden ergreifen. Die 2,5 Milliarden Euro, die den Arbeitnehmern jährlich vorenthalten werden, und die 1,23 Milliarden Euro an entgangenen Steuern zeigen deutlich, dass hier nicht nur ein soziales, sondern auch ein massives volkswirtschaftliches Problem vorliegt, das dringender Lösung bedarf.

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