Tierschutzverein unterstützt Angeklagte und warnt vor Klimakatastrophe
Der VGT solidarisiert sich mit 42 angeklagten Klimaaktivisten und organisiert Kundgebung vor dem Wiener Landesgericht.
Ab heute Freitag müssen sich 42 Klimaaktivisten vor dem Wiener Landesgericht verantworten, weil sie sich für Maßnahmen gegen den Klimawandel eingesetzt haben. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) zeigt sich solidarisch mit den Angeklagten und organisiert eine Unterstützungskundgebung.
Die Angeklagten repräsentieren einen Querschnitt der Gesellschaft: Menschen zwischen 22 und 76 Jahren aus ganz Österreich und dem benachbarten Ausland. Sie alle eint das Anliegen, die Gesellschaft und die Politik zum Handeln gegen den Klimawandel zu bewegen. Laut VGT wurden bei den gewaltfreien Aktionen keine Personen bedroht oder verletzt.
"Menschen, die sich auf gewaltfreie Weise offen für Klimamaßnahmen engagieren, verdienen unsere Bewunderung und Unterstützung", betont der VGT in seiner Stellungnahme. Der Verein sieht in den Aktionen der Klimaaktivisten einen notwendigen Weckruf an eine Gesellschaft, die angesichts der wissenschaftlich belegten Klimabedrohung zu wenig unternimmt.
Als Zeichen der Solidarität findet heute Freitag um 8:30 Uhr vor dem Eingang zum Landesgericht in der Wiener Wickenburggasse eine Kundgebung statt. Der VGT schließt sich dieser Demonstration an und ruft zur Unterstützung der Angeklagten auf.
Die Kundgebung soll ein deutliches Signal setzen, dass die Klimabewegung nicht alleine steht. Verschiedene Organisationen und Einzelpersonen wollen ihre Unterstützung für die friedlichen Klimaproteste zum Ausdruck bringen.
VGT-Obperson DDr. Martin Balluch kann die Situation der Angeklagten aus eigener Erfahrung einschätzen. Er saß selbst 14 Monate wegen seines Tierschutz-Aktivismus auf der Anklagebank, wurde aber schließlich von sämtlichen Vorwürfen freigesprochen. Diese Erfahrung prägt seine Sicht auf den aktuellen Prozess.
"Ich habe zwei kleine Kinder, um deren Zukunft ich mir ernsthaft Sorgen mache", erklärt Balluch seine persönliche Motivation. Neben geopolitischen Bedrohungen sieht er den Klimawandel als größte Gefahr für die kommenden Generationen.
Balluch argumentiert aus der Perspektive eines besorgten Vaters: "Wenn uns die Wissenschaft sagt, dass sich die Erde, wenn wir weitermachen wie bisher, so erhitzen wird, dass sich die Menschheit nicht mehr ernähren kann und Milliarden zur Flucht gezwungen werden, muss ich als Vater etwas unternehmen, das über die einmalige Stimmabgabe bei einer Nationalratswahl alle paar Jahre hinausgeht."
Der VGT-Obmann betont dabei auch die kollektive Verantwortung: Individuelles umweltbewusstes Verhalten reiche nicht aus. Als Teil der Gesellschaft trage jeder Mitverantwortung für deren Rolle im Klimawandel.
Die Klimaforschung ist sich einig: Ohne drastische Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen steuert die Menschheit auf eine Katastrophe zu. Die Erderwärmung bedroht nicht nur Ökosysteme, sondern auch die Nahrungsmittelproduktion und wird Millionenbevölkerungen zur Flucht zwingen.
"Niemand kann heute sagen, er oder sie hätte es ja nicht besser gewusst. Wir wissen es besser – und tun nichts", kritisiert Balluch die gesellschaftliche Untätigkeit. Er warnt eindringlich: "Unsere Nachkommen werden unsere Ignoranz und Lethargie angesichts der kommenden Katastrophe ausbaden müssen."
Der VGT argumentiert, dass bei einer derart drastischen Bedrohung auch drastische Aktionen gerechtfertigt seien. Es wäre ein Verbrechen, "sehenden Auges die eigenen Kinder in den Untergang zu schicken", wie es in der Stellungnahme heißt.
Diese Position reflektiert eine wachsende Debatte über die Verhältnismäßigkeit von Klimaprotesten. Während Kritiker die Störung des öffentlichen Lebens bemängeln, sehen Befürworter in den Aktionen einen notwendigen Ausdruck demokratischen Protests angesichts politischer Untätigkeit.
Die Klimabewegung folgt dabei der Tradition des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, wie sie von Mahatma Gandhi und Martin Luther King Jr. geprägt wurde. Durch bewusste Regelverletzungen wollen die Aktivisten auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und Veränderungen anstoßen.
Der VGT betont ausdrücklich den gewaltfreien Charakter der Aktionen. Keine der Protestmaßnahmen habe Menschen gefährdet oder verletzt. Dies unterscheide die Klimaproteste klar von extremistischen Bewegungen.
Der Prozess gegen die 42 Klimaaktivisten wirft grundlegende Fragen über das Verhältnis von demokratischem Protest und staatlicher Autorität auf. Während die Angeklagten ihr Handeln als moralische Verpflichtung betrachten, sieht die Justiz darin Rechtsverletzungen, die geahndet werden müssen.
Diese Spannung spiegelt ein größeres gesellschaftliches Dilemma wider: Wie soll eine Demokratie mit Protesten umgehen, die sich auf eine existenzielle Bedrohung berufen? Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Zukunft der Klimabewegung, sondern auch die Entwicklung demokratischer Protestkultur prägen.
Die Unterstützung des VGT für die Klimaaktivisten zeigt, wie sich verschiedene Bewegungen für sozialen Wandel gegenseitig stärken. Tierschutz und Klimaschutz werden zunehmend als verwandte Anliegen verstanden, die gemeinsame Wurzeln in der Sorge um ökologische Nachhaltigkeit haben.
Diese Solidarität zwischen verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen könnte ein wichtiger Faktor für die weitere Entwicklung der Klimabewegung werden. Sie zeigt, dass Klimaschutz nicht nur eine Angelegenheit spezialisierter Umweltgruppen ist, sondern breite gesellschaftliche Unterstützung findet.
Der heutige Prozessauftakt wird zeigen, wie die österreichische Justiz mit diesem neuen Phänomen des Klimaaktivismus umgeht. Das Urteil könnte Präzedenzcharakter für zukünftige Klimaproteste haben und die Debatte über angemessene Formen des demokratischen Protests neu beleben.