Trägerorganisation sieht Existenz bedroht
Die geplante Verlängerung des Gedenkdienstes auf 15 Monate stößt auf scharfe Kritik. Der Verein GEDENKDIENST warnt vor finanziellen Problemen.
Die Österreichische Wehrdienstkommission hat in ihrem aktuellen Bericht eine Verlängerung des Gedenkdienstes von derzeit zwölf auf 15 Monate empfohlen. Dieser Vorschlag stößt beim Verein GEDENKDIENST, der seit über drei Jahrzehnten zur kritischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beiträgt, auf entschiedenen Widerstand.
Was von der Wehrdienstkommission als "Belastungsausgleich" präsentiert wird, entpuppt sich nach Ansicht des Vereins als erhebliche Schwächung zivilgesellschaftlichen Engagements. Adrian Erhart, Obmann des Vereins GEDENKDIENST, sieht in dem Vorschlag eine existenzielle Bedrohung für seine Organisation: "Wer Erinnerungskultur ernst nimmt, darf sie nicht durch Laufzeitverlängerungen und finanzielle Hürden aushöhlen. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass ziviles Engagement zugunsten der Attraktivierung des Wehrdienstes sanktioniert werden soll."
Eine Verlängerung des Gedenkdienstes würde erhebliche finanzielle und organisatorische Mehrbelastungen mit sich bringen. Der Verein GEDENKDIENST argumentiert, dass diese zusätzlichen Kosten bei der ohnehin angespannten Fördersituation nicht umsetzbar seien. Die Organisation müsste die Gedenkdienstleistenden drei Monate länger finanzieren, ohne dass entsprechende zusätzliche Mittel zur Verfügung stehen.
Darüber hinaus orientieren sich die weltweiten Einsatzstellen des Vereins an einem zwölfmonatigen Rhythmus. Eine Anpassung auf 15 Monate würde komplexe Umstrukturierungen in den internationalen Partnerschaften erforderlich machen.
Besonders problematisch sieht der Verein die Auswirkungen auf die Gedenkdienstleistenden selbst. Viele junge Menschen planen nach ihrem Dienst im September den Beginn eines Studiums oder einer Ausbildung. Eine Verlängerung auf 15 Monate würde diesen Übergang erheblich erschweren und den Gedenkdienst für viele Interessierte unzugänglich machen.
"Es erscheint widersprüchlich, die kritische Reflexion der eigenen Geschichte als Staatsziel Österreichs hervorzuheben, gleichzeitig aber den Zugang zu jenen Institutionen zu erschweren, die diesen gesellschaftlichen Auftrag in der Praxis erfüllen", ergänzt Yuno Schwingshandl, stellvertretende Obperson des Vereins.
Der Gedenkdienst wurde als Alternative zum Wehrdienst etabliert und ermöglicht es jungen Österreichern, in Gedenkstätten, Museen und anderen Einrichtungen im In- und Ausland zu arbeiten, die sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust beschäftigen. Der Verein GEDENKDIENST fungiert dabei als eine der wichtigsten Trägerorganisationen und vermittelt jährlich Dutzende von Gedenkdienstleistenden an Einsatzstellen weltweit.
Die Tätigkeit umfasst verschiedene Bereiche: von der Betreuung von Gedenkstätten über Bildungsarbeit bis hin zur Unterstützung bei Forschungsprojekten. Gedenkdienstleistende arbeiten beispielsweise in Konzentrationslagern wie Auschwitz-Birkenau, Dachau oder Mauthausen, aber auch in Museen und Bildungseinrichtungen in den USA, Israel und anderen Ländern.
Der Verein GEDENKDIENST betont, dass er grundsätzlich bessere Bedingungen für Wehrdienstleistende begrüße. Diese Verbesserungen dürften jedoch nicht auf Kosten der Entsendetätigkeit zivilgesellschaftlicher Organisationen gehen. Die vorgeschlagene Verlängerung wird als kontraproduktiv für die österreichische Erinnerungskultur gesehen.
Die Organisation kritisiert, dass die Empfehlung der Wehrdienstkommission die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen des Gedenkdienstes nicht ausreichend berücksichtigt habe. Anders als beim Zivildienst, der primär in österreichischen Einrichtungen geleistet wird, erfordert der Gedenkdienst komplexe internationale Koordination und längerfristige Planung.
Eine Verlängerung des Dienstes könnte auch die internationalen Beziehungen zu Partnerorganisationen belasten. Viele der Gedenkstätten und Museen im Ausland haben ihre Programme auf zwölfmonatige Zyklen ausgerichtet. Eine einseitige österreichische Verlängerung könnte zu Konflikten mit den Aufnahmeorganisationen führen und die langjährig aufgebauten Partnerschaften gefährden.
Der Verein GEDENKDIENST fordert eine klare Abkehr von der Verlängerungsempfehlung. Statt zusätzlicher zeitlicher Belastungen brauche die kritische Erinnerungsarbeit nachhaltige finanzielle Förderung und strukturelle Unterstützung. Eine zeitliche Ausdehnung um drei Monate ohne entsprechende Ressourcen sei keine Reform, sondern eine strukturelle Schwächung der österreichischen Erinnerungskultur.
Die Organisation schlägt vor, dass eventuelle Verbesserungen für Grundwehrdienstleistende durch andere Maßnahmen erreicht werden sollten, die nicht zu Lasten der Zivildienstorganisationen gehen. Dazu könnten beispielsweise höhere Entlohnungen, bessere Ausbildungsmöglichkeiten oder verbesserte Unterkünfte gehören.
Der Verein warnt vor den langfristigen Auswirkungen einer möglichen Verlängerung. Sollte der Gedenkdienst weniger attraktiv werden oder gar nicht mehr angeboten werden können, würde dies einen erheblichen Verlust für die österreichische Bildungs- und Erinnerungsarbeit bedeuten. Gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus wieder zunehmen, sei die Arbeit der Gedenkdienstleistenden wichtiger denn je.
Die Debatte um die Dienstzeit zeigt auch grundsätzliche Spannungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Zielen auf: dem Wunsch nach attraktiveren Bedingungen für Wehrdienstleistende einerseits und dem Erhalt wichtiger zivilgesellschaftlicher Strukturen andererseits. Der Verein GEDENKDIENST appelliert an die politischen Entscheidungsträger, eine ausgewogene Lösung zu finden, die beiden Ansprüchen gerecht wird.