Täglich melden sich neun junge Menschen wegen Gewalterfahrungen - Körperliche und psychische Gewalt nehmen dramatisch zu
Österreichs Jugend-Notruf verzeichnet 2025 einen alarmierenden Anstieg von Gewaltberatungen um 9,1 Prozent auf über 3.200 Gespräche.
Die Zahlen sind alarmierend: 3.217 Beratungsgespräche zum Thema Gewalt führte Rat auf Draht, Österreichs Notrufnummer für Kinder und Jugendliche, im Jahr 2025 – ein absoluter Höchststand und eine Zunahme von 9,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Anders ausgedrückt: Neun Jugendliche melden sich pro Tag wegen einer Gewalterfahrung", erklärt Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht.
Besonders besorgniserregend ist der dramatische Anstieg körperlicher Gewalt, die mit 840 Gesprächen die häufigste Form der gemeldeten Gewalt darstellt. Darunter fallen Handlungen wie schlagen, stoßen, treten, zwicken, schütteln, gewaltsames Festhalten, an den Haaren ziehen, bewerfen mit Gegenständen oder gegen die Wand schlagen.
Die Zunahmen sind in allen Lebensbereichen spürbar: In der Familie stieg körperliche Gewalt um 17 Prozent, in der Schule sogar um 33,8 Prozent und in Partnerschaften um 5,7 Prozent. Diese Entwicklung zeigt, dass Gewalt gegen Jugendliche kein isoliertes Problem einzelner Bereiche ist, sondern sich durch alle gesellschaftlichen Strukturen zieht.
Psychische Gewalt rangiert als zweithäufigste Form der gemeldeten Übergriffe. "Darunter fallen: Beschimpfungen, Abwertungen, Demütigungen, permanente Kritik, aber auch absichtliches Ignorieren oder Anschweigen", erläutert Satke die verschiedenen Ausprägungen dieser oft unsichtbaren Gewaltform.
Auch hier zeigen sich beunruhigende Steigerungsraten: In der Familie nahm psychische Gewalt um 16,8 Prozent zu, in Partnerschaften um 14,6 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass emotionale Misshandlung ein wachsendes Problem darstellt, das oft langfristige psychische Schäden verursachen kann.
Die Digitalisierung hat neue Formen der Gewalt hervorgebracht, die ebenfalls stark zunehmen. Cybermobbing stieg um 11 Prozent, Stalking sogar um 17,1 Prozent. "Gewalt kann heute rund um die Uhr und überall stattfinden, vor allem über Smartphones und soziale Medien", warnt die Expertin vor den neuen Dimensionen digitaler Gewalt.
Diese Entwicklung zeigt eine beunruhigende Realität auf: Während frühere Generationen Gewalt hauptsächlich in physischen Räumen erlebten, sind heutige Jugendliche einer permanenten Bedrohung ausgesetzt, die sie über ihre digitalen Geräte erreicht und von der sie sich kaum entziehen können.
Die Gründe für die dramatische Zunahme von Gewalt gegen Jugendliche sind vielfältig und miteinander verknüpft. Familienkonflikte und -belastungen wie Stress, Trennung der Eltern, Armut oder Vernachlässigung erhöhen das Risiko erheblich, dass Jugendliche Gewalt erleben oder selbst ausüben.
Besonders problematisch ist der Einfluss digitaler Medien: Gewaltvideos oder aggressive Inhalte im Internet können Nachahmungseffekte auslösen und die Hemmschwelle für Gewalt senken. Der Druck innerhalb der Peergroup verstärkt diese Problematik zusätzlich und kann Jugendliche zu gewalttätigem Verhalten animieren.
"Auch fehlende oder zu späte Hilfe kann die Gewaltspirale verstärken", betont Satke einen weiteren kritischen Aspekt: Ohne rechtzeitige Intervention können sich Gewaltmuster verfestigen und zu einer dauerhaften Belastung für die Betroffenen werden.
Die Statistiken zeigen ein deutliches Geschlechtergefälle: Mädchen und junge Frauen sind mit 2.082 Gesprächen fast doppelt so häufig von Gewalt betroffen wie ihre männlichen Altersgenossen (1.052 Gespräche). Besonders bei körperlicher und psychischer Gewalt in der Familie, sexuellem Missbrauch sowie Mobbing dominieren weibliche Opfer.
Das Teenageralter erweist sich als besonders kritische Phase: Über 60 Prozent aller Beratungen entfallen auf diese Altersgruppe. Am häufigsten melden sich 15- bis 18-Jährige (31,6 Prozent), gefolgt von den 11- bis 14-Jährigen (30,9 Prozent). Diese Zahlen unterstreichen die Wichtigkeit gezielter Präventionsmaßnahmen für diese vulnerable Lebensphase.
"Kinder oder Jugendliche, die von Gewalt betroffen sind, berichten häufig von einer Vielzahl belastender Erfahrungen und Gefühlen", beschreibt Satke die dramatischen Auswirkungen. Angst und Unsicherheit vor erneuten Übergriffen, unbegründete Schuld- und Schamgefühle sowie körperliche und psychische Beschwerden prägen das Leben der Betroffenen.
In den Beratungen versucht das Team von Rat auf Draht, den Leidensdruck zu lindern und den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie keinesfalls Schuld an der erlebten Gewalt tragen. "Wir klären sie darüber auf, dass Gewalt absolut nicht in Ordnung und verboten ist. Wir ermutigen sie auch dazu, sich jemandem anzuvertrauen und professionelle Hilfe zu suchen", erklärt die Beratungsexpertin das Vorgehen.
Ein wichtiger Baustein der Beratung ist die Ermutigung zur Kontaktaufnahme mit professionellen Hilfseinrichtungen wie der Kinder- und Jugendhilfe. Zusätzlich werden die Opfer angeleitet, Gewalthandlungen zu dokumentieren, was bei späteren Gesprächen mit Beratungsstellen oder der Polizei von entscheidender Bedeutung sein kann.
"Falls große Scheu vor der Kontaktaufnahme mit Behörden oder anderen Stellen besteht, bieten wir Betroffenen an, diese via Konferenzschaltung zu unterstützen", beschreibt Satke einen niederschwelligen Ansatz, um Hemmschwellen abzubauen und den Weg zu professioneller Hilfe zu erleichtern.
Der Umgang mit Gewalt hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Während Gewalt, insbesondere in Familie oder Schule, früher oft als "normal" angesehen oder verharmlost wurde, gibt es heute eine größere gesellschaftliche Sensibilität gegenüber allen Formen von Gewalt.
"Gesetzliche Veränderungen und diverse Präventionsprogramme haben das Bewusstsein gegenüber Gewalt gestärkt. Außerdem gibt es heutzutage mehr Möglichkeiten, sich anonym Hilfe zu holen als früher", erklärt Satke die positiven Entwicklungen.
Dennoch bestehen nach wie vor erhebliche Hürden: Vielen Jugendlichen fällt es weiterhin schwer, über Gewalt zu sprechen, besonders bei sexualisierter oder familiärer Gewalt. Die Scham und Angst vor den Konsequenzen einer Offenlegung halten viele Betroffene davon ab, rechtzeitig Hilfe zu suchen.
Angesichts der alarmierenden Entwicklung fordert Satke einen Ausbau präventiver Angebote: "Gewaltprävention sollte bereits im Kindergarten beginnen." Ein besserer Zugang zu niederschwelligen Beratungs- und Hilfsangeboten sowie deren Ausbau seien dringend notwendig.
Besonders wichtig seien Angebote zur Elternbildung, um gewaltfreie Erziehung und konstruktive Konfliktlösung zu stärken. "Die Förderung einer offenen Gesprächskultur, damit Gewalt, egal in welcher Form, endlich kein Tabuthema mehr bleibt, sollte ein zentrales Anliegen in unserer Gesellschaft sein", betont die Expertin.
Rat auf Draht bleibt eine zentrale Anlaufstelle für Jugendliche in Gewaltsituationen. Die Notrufnummer 147 ist rund um die Uhr erreichbar und bietet anonyme, kostenlose Beratung. Die steigenden Zahlen zeigen einerseits die dramatische Zunahme von Gewalt gegen Jugendliche, andererseits aber auch das wachsende Vertrauen in diese wichtige Hilfseinrichtung.
Die aktuellen Zahlen von Rat auf Draht sind ein deutlicher Weckruf für Politik und Gesellschaft: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt muss höchste Priorität haben. Nur durch koordinierte Anstrengungen in Prävention, Beratung und Hilfe kann dieser besorgniserregenden Entwicklung entgegengewirkt werden.