MedUni Wien-Studie zeigt niedrigere Suizidrate bei Krebspatienten in spezialisierter Betreuung
Österreichische Forschung belegt: Ganzheitliche Palliativversorgung kann suizidprotektiv wirken
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien berichtet zur Suizidsterblichkeit bei Krebspatient:innen in Palliativversorgung. Die Auswertung zeigt, dass spezialisierte Palliativbetreuung keine höhere Suizidsterblichkeit aufweist als eine onkologische Vergleichskohorte. Die Forschungsergebnisse wurden im Journal of Clinical Medicine veröffentlicht.
„Unsere Auswertung zeigt, dass Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung in spezialisierter Palliativversorgung keine höhere Suizidsterblichkeit aufweisen als die allgemeine onkologische Vergleichskohorte", erklärt Studien-Erstautor Stephan Listabarth von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien. Krebserkrankungen gelten in der Fachliteratur als Risikofaktor für Suizid.
Für die Analyse wurden Patient:innendaten der Palliativstation der MedUni Wien und des AKH Wien aus dem Zeitraum November 2012 bis März 2022 mit Daten des österreichischen Krebsregisters und des nationalen Sterberegisters verglichen.
Die spezialisierte Palliativversorgung begleitet Menschen mit schweren Erkrankungen ganzheitlich und berücksichtigt neben der medizinischen Behandlung auch psychosoziale Aspekte. Ziel ist es, die Lebensqualität der Patient:innen trotz krankheitsbedingter Einschränkungen bestmöglich zu erhalten und zu fördern.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der interdisziplinäre und ganzheitliche Ansatz der Palliativmedizin einen wichtigen Beitrag leisten kann", betont Eva Masel von der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin. Diese umfasst neben der Behandlung körperlicher Symptome auch psychosoziale und spirituelle Unterstützung.
In der Gesamtauswertung zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied in der Suizidsterblichkeit zwischen der Palliativkohorte und der onkologischen Vergleichsgruppe. Auch bei den Auswertungen nach einzelnen Krebsarten bestätigte sich dieser Befund in den meisten Gruppen.
Eine Ausnahme stellten Patient:innen mit Pankreaskarzinom dar: In dieser Subgruppe wurde in der Palliativkohorte eine höhere kumulative Suizidinzidenz beobachtet. Die Autor:innen betonen, dass dieser Befund vorsichtig interpretiert werden muss und weiter untersucht werden sollte. Möglicherweise werden besonders stark belastete Patient:innen häufiger in spezialisierte palliativmedizinische Betreuung aufgenommen, was die Beobachtung beeinflussen könnte, so Studienleiter Daniel König-Castillo.
Die Autor:innen betonen, dass aus der retrospektiven Analyse keine kausalen Schlüsse abgeleitet werden können. Sie sehen die Ergebnisse als Hinweis auf die Bedeutung einer Versorgung, die neben körperlichen Symptomen auch psychosoziale Belastungen berücksichtigt, und sprechen sich für eine bedarfsdeckende Stärkung entsprechender Versorgungsangebote in Österreich aus.
Die Studie entstand an der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien in Zusammenarbeit mit der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien.
Die vollständigen Studienergebnisse sind unter dem Titel "Suicide Rates Among Patients Receiving Palliative Care—Descriptive Results of a National Cohort Study" im Journal of Clinical Medicine verfügbar.