Neue Studie zeigt Lösungsweg für Winterstrom-Problem
Eine aktuelle Studie belegt: Der Ausbau der Windkraft könnte Tirols Abhängigkeit von Energieimporten im Winter um zwei Drittel reduzieren.
Während die internationalen Energiemärkte aufgrund der aktuellen Spannungen im Nahen Osten erneut unter Druck geraten, rückt die Energieunabhängigkeit Österreichs wieder in den Fokus. Eine neue Kurzstudie von e3 consult im Auftrag der IG Windkraft zeigt nun konkrete Lösungswege für Tirol auf: Der gezielte Ausbau der Windkraft könnte den Energie-Importbedarf des Bundeslandes im Winter drastisch senken.
Die Herausforderungen für Tirols Energieversorgung sind beträchtlich. Bis 2050 wird sich der Stromverbrauch von derzeit 6,3 TWh pro Jahr auf etwa 14,5 TWh mehr als verdoppeln. Diese Entwicklung entspricht dem Jahresverbrauch von rund vier Millionen durchschnittlichen Haushalten und wird hauptsächlich durch die Elektrifizierung von Mobilität, Wärme und Industrie vorangetrieben.
"Wir taumeln von einer Energiekrise in die nächste", erklärt Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft. "Wir müssen endlich von fremden Öl- und Gasmächten unabhängig werden und dem Ausbau der heimischen Energieträger noch viel mehr Priorität geben."
Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht im Jahresschnitt, sondern in den Wintermonaten. Schon heute kann Tirol seinen Strombedarf in der kalten Jahreszeit nicht vollständig selbst decken. Dr. Jürgen Neubarth von e3 consult, der die Studie zum Winterstrombedarf erstellt hat, präsentiert alarmierende Zahlen: "In einzelnen Wintermonaten des Jahres 2024 mussten bis zu 50 GWh Strom netto importiert werden."
Noch drastischer zeigen sich die Zahlen auf Verteilnetzebene. In Spitzenmonaten des Jahres 2023 entsprach der notwendige Bezug aus dem Übertragungsnetz bis zu 350 GWh - das sind rund 57 Prozent der monatlichen Stromabgabe. Rechnerisch wären bereits heute rund 46 Windräder notwendig, um diese bestehende Lücke zu schließen.
"Die Energiewende entscheidet sich im Winter", fasst Neubarth zusammen. "Wenn Tirol seine Versorgungssicherheit ernst nimmt, muss es dort ansetzen, wo die Lücke entsteht - und die entsteht in den kalten Monaten."
Die Studie zeigt konkrete Lösungsansätze auf. Nach der aktuellen Tiroler Energiestrategie 2050, die von einer Windstromerzeugung aus etwa 40 Windrädern mit rund 400 GWh pro Jahr ausgeht, würde zwischen Oktober und März eine Winterstromlücke von etwa 2,1 TWh bestehen bleiben.
Wird jedoch das technisch realisierbare Windpotenzial von rund 2,9 TWh pro Jahr voll ausgeschöpft, sinkt die Winterstromlücke dramatisch auf etwa 740 GWh. Das entspricht einer Reduktion um rund zwei Drittel gegenüber dem offiziellen Szenario.
"Mit dem derzeit vorgesehenen Windkraftanteil bleibt Tirol im Winter deutlich importabhängig", ordnet Maringer die Zahlen ein. "Wird das vorhandene Potenzial genutzt, kann der Importbedarf signifikant gesenkt und das Energiesystem im Winter stabilisiert werden."
Der entscheidende Vorteil der Windkraft liegt in ihrem saisonalen Erzeugungsprofil. Während Photovoltaik vor allem in den Sommermonaten Strom liefert und die Wasserkraft stark von Niederschlägen abhängt, fällt ein Großteil der Windstromproduktion genau in das kritische Winterhalbjahr.
Diese zeitliche Übereinstimmung von Bedarf und Erzeugung macht Windkraft zu einem idealen Baustein für die Winterstromversorgung. "Wir sprechen nicht über eine abstrakte Option, sondern über eine konkrete Lösung für ein konkretes Problem", betont Maringer.
Die aktuelle geopolitische Lage unterstreicht die Bedeutung einer unabhängigen Energieversorgung. Vier Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine zeigen stark steigende Öl- und Gaspreise erneut die Abhängigkeit Europas und Österreichs von Energieimporten auf.
"Erneuerbare Energie bedeutet Versorgungssicherheit", argumentiert der IG Windkraft-Geschäftsführer. "Jede Kilowattstunde, die Tirol im Winter selbst erzeugt, macht das Land unabhängiger und stabiler gegenüber Energieimporten. Das einzig Sichere an Gas und an Importen aus dem Ausland ist die nächste Energiekrise."
Die österreichische Windbranche hat sich bereits als wichtiger Wirtschaftsfaktor etabliert. Heimische Windräder versorgen heute rund 2,6 Millionen Haushalte mit sauberem Strom. Die Branche beschäftigt etwa 8.000 Menschen und hat in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 1,2 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet.
Eine aktuelle repräsentative Umfrage zeigt zudem breite gesellschaftliche Unterstützung: 83 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher befürworten den Ausbau der Windenergie.
Die Studie macht deutlich, dass Tirol vor einer entscheidenden Weichenstellung steht. Die prognostizierte Verdopplung des Strombedarfs bis 2050 erfordert nicht nur einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien, sondern auch eine strategische Herangehensweise an die saisonalen Herausforderungen.
Während die Sommermonate durch Photovoltaik und Wasserkraft bereits heute gut abgedeckt werden können, bleibt die Winterversorgung das kritische Element der Energiewende. Die Windkraft bietet hier eine maßgeschneiderte Lösung, da ihre Hauptproduktionszeit mit dem Bedarf übereinstimmt.
Die Umsetzung des identifizierten Windkraftpotenzials erfordert jedoch politische Entscheidungen und entsprechende Rahmenbedingungen. Die IG Windkraft repräsentiert über 200 meist mittelständische Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette und könnte bei entsprechenden Vorgaben die notwendigen Kapazitäten bereitstellen.
Die aktuellen internationalen Spannungen und ihre Auswirkungen auf die Energiemärkte unterstreichen die Dringlichkeit einer unabhängigen Energieversorgung. Tirol hat mit seinem Windkraftpotenzial die Möglichkeit, einen entscheidenden Schritt in Richtung Energieunabhängigkeit zu gehen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Die Studie von e3 consult liefert damit nicht nur eine Problemanalyse, sondern auch einen konkreten Lösungsweg für eine der zentralen Herausforderungen der Energiewende in Tirol. Es bleibt abzuwarten, wie die Politik auf diese Erkenntnisse reagiert und ob das identifizierte Potenzial tatsächlich genutzt wird.