Landesgalerie Niederösterreich würdigt visionäre Fotografin
Umfassende Werkschau zeigt sechs Jahrzehnte künstlerischer Auseinandersetzung mit Licht, Farbe und Zeit in der österreichischen Gegenwartskunst.
Die Landesgalerie Niederösterreich präsentiert ab 14. März 2026 eine umfassende Retrospektive zum 85. Geburtstag von Inge Dick, einer der bedeutendsten Vertreterinnen der österreichischen Gegenwartskunst. Unter dem Titel "Vom Licht berührt" führt die Ausstellung erstmals alle Schaffensphasen der international renommierten Künstlerin zusammen.
Inge Dick, 1941 geboren, gilt als eine der wichtigsten Positionen im Bereich der zeitgenössischen experimentellen Fotografie und des Films. "Über sechs Jahrzehnte hinweg ist Inge Dick unbeirrt ihrem inneren Kompass gefolgt. Unabhängig von Moden und jenseits des Marktes, in einer Konsequenz, die Bewunderung verdient", erklärt Gerda Ridler, künstlerische Direktorin und Kuratorin der Ausstellung.
Die Retrospektive spannt einen Bogen von den frühen Zeichnungen der 1960er-Jahre über ihre charakteristischen weißen Malereien bis hin zu den experimentellen Fotografien und Digitalfilmen der jüngeren Vergangenheit. Dicks Werk zeichnet sich durch eine stille, aber radikale Untersuchung des Lichts aus, die internationale Beachtung verdient.
Im Zentrum von Inge Dicks künstlerischer Arbeit steht die Auseinandersetzung mit dem Licht in all seinen Facetten. Mit außergewöhnlicher Präzision und Geduld untersucht die Künstlerin, wie Licht Veränderung und damit Zeit sichtbar macht. Ihre Methoden basieren auf Serien, Wiederholung und minimalen Veränderungen, die die sanften Übergänge des Tageslichts durch Stunden, Wetterlagen oder Jahreszeiten dokumentieren.
"Inge Dicks Werk führt vor Augen, wie kostbar jeder einzelne Lichtmoment sein kann", betont Kuratorin Ridler. Diese Philosophie durchzieht das gesamte Schaffen der Künstlerin und macht ihre Arbeiten zu meditativen Betrachtungen über Zeit und Vergänglichkeit.
Dicks künstlerische Laufbahn begann mit Malerei. Am Anfang stehen mit der Spachtel gemalte Bilder, zunächst farbig, später ausschließlich weiß. Diese Werke machen durch fein abgestufte Rasterstrukturen das Licht an der Oberfläche sichtbar und zeigen bereits ihre charakteristische Herangehensweise an das zentrale Thema ihrer Kunst.
Aus der Herausforderung heraus, diese subtilen Malereien fotografisch zu dokumentieren, begann Dick in den 1980er-Jahren mit der Kamera zu experimentieren. Zunächst entstanden Serien von Schwarz-Weiß-Fotografien, später kamen Polaroid-Arbeiten hinzu, in denen sich wandelnde Licht- und Schatteneffekte zum Hauptthema der Bildgestaltung wurden.
Erst im seriellen Nebeneinander der Bilder wird die Essenz von Dicks Kunst sichtbar: die kontinuierliche Veränderung von Licht und Farbe im Verlauf von Minuten oder Stunden. Diese Arbeitsweise macht Zeit als künstlerisches Medium erfahrbar.
Ein besonderer Höhepunkt in Dicks Karriere war 1999 die Arbeit mit der weltweit größten Polaroid-Kamera in der Polaroid-Zentrale in Boston. Der monumentale Apparat erzeugte Fotografien im außergewöhnlichen Format von 244 mal 113 Zentimetern - Dimensionen, die an Tafelmalerei erinnern.
Die entstandenen Arbeiten zeigen farbige Flächen unter kontrollierten Lichtbedingungen und beeindrucken durch ihre außergewöhnliche Farbtiefe. Jedes Bild ist durch Spuren der Entwicklerchemie und handschriftliche Zeitangaben ein Unikat, das den Entstehungsprozess dokumentiert und die Verbindung zwischen technischem Verfahren und künstlerischer Vision verdeutlicht.
Nach dem Ende der Polaroid-Produktion schlug Dick ein neues Kapitel auf und wandte sich dem Medium Digitalfilm zu. In diesen Arbeiten untersucht sie Lichtverläufe über viele Stunden hinweg und macht die kontinuierliche Veränderung von Licht-Farbe und Atmosphäre in bewegten Bildern sichtbar.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in Werken wie dem mehrteiligen Zyklus "jahres licht weiss", der die unterschiedlichen und vielfältigen Lichtspektren der vier Jahreszeiten präsentiert. Diese Filme verdeutlichen Dicks konsequente Weiterentwicklung ihrer künstlerischen Methoden und ihre Bereitschaft, neue Technologien für ihre Lichtstudien zu nutzen.
Dass Inge Dicks Werk heute international zunehmend Beachtung findet, ist laut Kuratorin Ridler "kein nachträglicher Trend – sondern die späte Anerkennung einer Haltung, die von Anfang an visionär war". Die Künstlerin hat sich über Jahrzehnte hinweg kompromisslos ihrer künstlerischen Vision verschrieben, unabhängig von Marktmechanismen oder zeitgeistigen Strömungen.
Diese Konsequenz macht Dick zu einer besonderen Position in der österreichischen Kunstszene. Ihre Arbeiten zeigen, wie sich durch geduldige Beobachtung und präzise Dokumentation universelle Themen wie Zeit, Licht und Vergänglichkeit künstlerisch erforschen lassen.
Die Retrospektive in der Landesgalerie Niederösterreich bietet erstmals die Möglichkeit, Dicks vielschichtiges Lebenswerk in seiner ganzen Bandbreite zu erleben. Von den frühen Zeichnungen über die charakteristischen weißen Malereien bis hin zu den experimentellen Foto- und Filmarbeiten wird die konsequente Entwicklung ihrer künstlerischen Sprache nachvollziehbar.
Die Ausstellung "Inge Dick. Vom Licht berührt" läuft vom 14. März 2026 bis 10. Januar 2027 und wird am 14. März um 11 Uhr eröffnet. Sie bietet nicht nur einen umfassenden Überblick über das Schaffen einer herausragenden Künstlerin, sondern auch eine meditative Erfahrung über die Poesie des Lichts und die Kostbarkeit des Augenblicks.