BÖP kritisiert ungleiche Versorgung und fordert strukturelle Reformen
Frauen leiden häufiger unter Depressionen und Angst, stoßen aber auf mehr Hürden bei der Behandlung. Der BÖP fordert zum Weltfrauentag Reformen.
Zum Internationalen Frauentag rückt ein Thema in den Fokus, das oft übersehen wird: die ungleiche Verteilung psychischer Belastungen zwischen den Geschlechtern. Der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) macht anlässlich des 8. März auf gravierende Missstände in der psychologischen Versorgung von Frauen aufmerksam.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Frauen sind überdurchschnittlich häufig von Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen betroffen. Gleichzeitig erleben sie häufiger Gewalterfahrungen, die ihre psychische Gesundheit zusätzlich belasten. "Psychische Gesundheit ist kein individuelles Luxusproblem, sondern unser aller gesellschaftliche Verantwortung", betont Univ.-Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin des BÖP.
Besonders problematisch: Trotz der höheren Belastung stoßen Frauen beim Zugang zu psychologischer Hilfe auf mehr Hindernisse als Männer. Finanzielle, strukturelle und diagnostische Hürden erschweren den Weg zur Behandlung. "Wenn Frauen trotz höherer Belastung länger auf Therapieplätze warten oder Behandlungen selbst finanzieren müssen, dann ist das keine private Schwierigkeit, sondern ein Gerechtigkeitsdefizit", kritisiert die BÖP-Präsidentin.
Ein wesentlicher Grund für die höhere psychische Belastung von Frauen liegt in der ungleichen Verteilung unbezahlter Care-Arbeit. Die Mehrheit der Kinderbetreuung, Haushaltsführung und Pflege von Angehörigen lastet nach wie vor auf den Schultern von Frauen. Diese Mehrfachbelastung aus Erwerbsarbeit und familiären Verpflichtungen führt oft zu chronischer Überforderung.
"Die Gleichzeitigkeit von Beruf, Kinderbetreuung und Angehörigenpflege wird noch immer fälschlicherweise als selbstverständlich akzeptiert", kritisiert der BÖP. Diese strukturelle Benachteiligung wirkt sich direkt auf die psychische Gesundheit aus und verstärkt bestehende Ungleichheiten im Gesundheitssystem.
Der BÖP fordert daher den Ausbau niederschwelliger, kassenfinanzierter Präventionsangebote. Diese sollen frühzeitig entlasten und nicht erst im Stadium schwerer Erkrankungen ansetzen. Gesundheitspsychologische Unterstützung müsse für alle Frauen zugänglich sein, unabhängig von ihrer finanziellen Situation.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die mangelnde geschlechtersensible Diagnostik in der psychischen Gesundheitsversorgung. Psychische Erkrankungen äußern sich bei Frauen häufig anders als bei Männern und werden stärker von biografischen, sozialen und hormonellen Faktoren geprägt.
"Eine moderne psychosoziale Versorgung muss diese Unterschiede berücksichtigen", erklärt Wimmer-Puchinger. Allzu oft werden die Leiden von Frauen bagatellisiert oder nicht ernst genommen. Dies führt zu verzögerten Diagnosen und inadäquaten Behandlungsansätzen.
Besonders gravierend wirkt sich Gewalt auf die psychische Gesundheit von Frauen aus. Häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe und andere Formen der Gewaltausübung hinterlassen oft langfristige psychische Schäden. Der BÖP begrüßt, dass das Thema Gewalt und psychische Gesundheit von Frauen im aktuellen Regierungsprogramm aufgegriffen wurde.
Der Berufsverband appelliert eindringlich an politische Entscheidungsträger, psychische Gesundheit von Frauen als festen Bestandteil von Gleichstellungs- und Gesundheitspolitik zu verankern. Die derzeitige Situation sei nicht nur ein medizinisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Problem.
"Gerechtigkeit beginnt dort, wo psychologische Versorgung verlässlich, leistbar und für alle zugänglich ist – nicht nur am 8. März, sondern das ganze Jahr über", so die BÖP-Präsidentin. Der Verband fordert konkrete Maßnahmen:
Der BÖP appelliert nicht nur an die Politik, sondern auch an Gesundheitsberufe, die Ärzteschaft sowie relevante Institutionen und Vereine, sich stärker zu solidarisieren und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Nur durch koordinierte Anstrengungen aller Beteiligten könne eine gerechtere Versorgung erreicht werden.
International zeigen Studien ähnliche Muster: Frauen sind weltweit häufiger von Depressionen und Angststörungen betroffen, haben aber oft schlechteren Zugang zu angemessener Behandlung. Österreich hat die Chance, hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen und innovative Lösungsansätze zu entwickeln.
Die Forderungen des BÖP kommen nicht von ungefähr: Als Berufsverband vertritt er über 5.000 Psychologinnen und Psychologen in Österreich und hat täglich Einblick in die Versorgungsrealität. Die Expertinnen und Experten sehen unmittelbar, wo das System versagt und welche Reformen dringend nötig sind.
Um echte Verbesserungen zu erreichen, braucht es einen Paradigmenwechsel. Psychische Gesundheit von Frauen darf nicht länger als Randthema behandelt werden, sondern muss ins Zentrum gesundheitspolitischer Überlegungen rücken. Dies bedeutet auch, strukturelle Ungleichheiten anzugehen, die über das Gesundheitssystem hinausreichen.
Die Diskussion um Care-Arbeit, Lohngleichheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist untrennbar mit der psychischen Gesundheit von Frauen verbunden. Nur wenn diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden, kann auch die mentale Gesundheit von Frauen nachhaltig gestärkt werden.
Der Internationale Frauentag 2026 könnte zum Wendepunkt werden – wenn Politik und Gesellschaft die Zeichen erkennen und endlich handeln. Die Expertise und die Lösungsvorschläge liegen auf dem Tisch. Jetzt braucht es den politischen Willen zur Umsetzung.