Neue Ausstellung widmet sich Hermann Nitschs religiösen Bezügen
Das nitsch museum Mistelbach eröffnet 2026 mit einer Schau über Nitschs Bezug zum Sakralen und zur christlichen Liturgie.
Das nitsch museum Mistelbach startet die Saison 2026 mit einer besonderen Ausstellung, die einen zentralen Aspekt im Werk Hermann Nitschs beleuchtet: seine Verbindung zum Sakralen und zur christlichen Liturgie. Unter dem Titel "Hermann Nitsch. von sonnenaufgang an" präsentiert das Museum von 22. März bis 29. November 2026 eine umfassende Schau, die Nitschs künstlerische Entwicklung von 1980 bis 2022 nachzeichnet.
"Ich wollte Kirchenmaler werden", bekannte Hermann Nitsch einst. Dieser Ausspruch des österreichischen Aktionskünstlers verdeutlicht die tiefe Verwurzelung seines Schaffens im religiösen Bereich. Die von Julia Moebus-Puck, Direktorin der Sammlungen im Wiener Aktionismus Museum, kuratierte Ausstellung macht diese Verbindung zum zentralen Thema.
Seit 1957 verstand Nitsch religiöse Rituale als sinnliche Verdichtungen existenzieller Erfahrung. Das Sakrale bildet den Kern seines Orgien Mysterien Theaters, jenes visionären Gesamtkunstwerks, das Nitsch über Jahrzehnte entwickelte. Liturgische Farben, Kreuze und Monstranzen sind in seinem Werk keine bloßen Zitate oder oberflächlichen Referenzen, sondern Ausdruck eines radikalen künstlerischen Anspruchs.
Nitschs Ziel war es, Leben in all seinen Extremen erfahrbar zu machen. Seine Kunst sollte nicht nur betrachtet, sondern mit allen Sinnen erlebt werden. In seinen Aktionen verschmolzen theatralische, musikalische und bildnerische Elemente zu einem Gesamterlebnis, das die Grenzen zwischen Kunst und Leben verwischte.
Die Ausstellung in Mistelbach macht diesen Ansatz durch eine besondere Präsentationsform erfahrbar. Malereien, Landschaftsaufnahmen, Videos und Klang verdichten sich zu einem atmosphärischen Erfahrungsraum. Dabei spielt die Natur des Weinviertels eine zentrale Rolle – sie wird zum Resonanzraum für Nitschs künstlerische Vision.
Besonders bedeutsam ist der Bezug zur natürlichen Zeitrechnung. Im 6-Tage-Spiel, Nitschs monumentalstem Projekt, beginnt jede Phase "von sonnenaufgang an" – die Natur bestimmt den Rhythmus. Dieser Titel gibt auch der aktuellen Ausstellung ihren Namen und verdeutlicht Nitschs Verbundenheit mit den natürlichen Zyklen.
Die Schau präsentiert selten gezeigte Arbeiten, darunter von Nitsch selbst aufgenommene Landschaftsvideos. Diese intimen Naturbetrachtungen zeigen eine andere Seite des Künstlers, der oft primär mit seinen spektakulären Aktionen in Verbindung gebracht wird.
Zur Eröffnung am 21. März 2026 um 18 Uhr wird ein besonderes musikalisches Erlebnis geboten. Die Komponisten Amar Priganica und Ina Ebenberger präsentieren ein eigens für die Ausstellung komponiertes Klangwerk. Diese Komposition macht den Ausstellungsraum selbst als "lebendigen" Resonanzkörper erfahrbar – ein Ansatz, der perfekt zu Nitschs Gesamtkunstwerk-Konzept passt.
Das Klangwerk ist während der gesamten Ausstellungsdauer in der Schau zu hören und schafft so eine kontinuierliche atmosphärische Erfahrung für die Besucher. Diese akustische Dimension unterstreicht Nitschs multisensoralen Ansatz und macht die Ausstellung zu mehr als einer reinen visuellen Erfahrung.
Die Ausstellung zeigt das Orgien Mysterien Theater als visionären Versuch, existenzielle Tiefe neu erfahrbar zu machen. In einer Zeit, in der traditionelle religiöse Bindungen schwinden, suchte Nitsch nach neuen Formen spiritueller Erfahrung. Seine Kunst wird so zu einem Brückenschlag zwischen alter Liturgie und zeitgenössischer Spiritualität.
Nitschs Werk kann als Versuch verstanden werden, das Sakrale in die Moderne zu überführen, ohne dabei seine Intensität und Tiefe zu verlieren. Die christlichen Symbole und liturgischen Elemente werden dabei nicht negiert oder dekonstruiert, sondern in einen neuen Kontext überführt und mit neuer Bedeutung aufgeladen.
Hermann Nitsch gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Wiener Aktionismus, jener österreichischen Kunstbewegung, die in den 1960er Jahren internationale Aufmerksamkeit erlangte. Seine Arbeiten sind heute in bedeutenden Museen weltweit vertreten, und das ihm gewidmete Museum in Mistelbach ist ein wichtiger Ort der Auseinandersetzung mit seinem Werk.
Die aktuelle Ausstellung trägt dazu bei, Nitschs Schaffen in seiner Komplexität zu verstehen. Jenseits der oft skandalträchtigen Aktionen wird der spirituelle und philosophische Kern seiner Kunst sichtbar. Dies ist besonders wichtig für das Verständnis des Wiener Aktionismus insgesamt, der oft auf seine provokanten Aspekte reduziert wird.
Das nitsch museum Mistelbach ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, an Feiertagen auch montags. Das Museum befindet sich in der Waldstraße 44–46 in Mistelbach und ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar.
Die Ausstellung "Hermann Nitsch. von sonnenaufgang an" bietet Kunstinteressierten die seltene Gelegenheit, einen weniger bekannten, aber umso wichtigeren Aspekt von Nitschs Schaffen kennenzulernen. Die Verbindung von religiöser Symbolik, Naturerfahrung und künstlerischer Innovation macht die Schau zu einem besonderen kulturellen Ereignis in der österreichischen Museumslandschaft.
Mit ihrer Laufzeit bis Ende November 2026 ermöglicht die Ausstellung eine intensive Auseinandersetzung mit Nitschs vielschichtigem Werk. Die Kuratierung durch Julia Moebus-Puck garantiert dabei eine fachkundige und tiefgreifende Aufarbeitung des Materials, die sowohl für Nitsch-Kenner als auch für Neuentdecker des Künstlers von Interesse sein dürfte.