Praxiserprobte Maßnahmen für pflegende Angehörige und Arbeitgeber
Eine Million Österreicher pflegen Angehörige - ein neuer Leitfaden zeigt, wie Unternehmen dabei unterstützen können.
Die Herausforderung ist gewaltig: Knapp eine Million Menschen in Österreich übernehmen regelmäßig Pflege- und Betreuungsaufgaben für Angehörige. Während der Anteil pflegebedürftiger Menschen kontinuierlich steigt, sind gleichzeitig immer mehr Pflegende berufstätig. Diese Doppelbelastung bringt sowohl Betroffene als auch Unternehmen in schwierige Situationen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jährlich verlassen mehr als 20.000 Menschen den österreichischen Arbeitsmarkt oder reduzieren ihre Arbeitszeit erheblich, um sich der Pflege zu Hause widmen zu können. Das entspricht einem Verlust von 9.200 Vollzeitäquivalenten pro Jahr - ein erheblicher volkswirtschaftlicher Schaden.
"Pflege ist neben Kinderbetreuung eines der größten Themen für Familien in Österreich, ein Thema, das tagtäglich tausende Menschen in Österreich innerhalb der eigenen Familie beschäftigt und deren Alltag bestimmt", betont Familienministerin Claudia Bauer. Die Ministerin verwies bei einer Podiumsdiskussion im Wiener Presseclub Concordia auf die Notwendigkeit struktureller Unterstützung für betroffene Familien.
Die demografische Entwicklung verstärkt das Problem zusätzlich. Bereits im Mai 2025 erhielten erstmals mehr als eine halbe Million Personen - genau 500.554 Menschen - Pflegegeld. Das entspricht einem Zuwachs von 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis 2050 wird diese Zahl auf über 730.000 Personen ansteigen.
Besonders dramatisch wird sich die Situation durch die Babyboomer-Generation entwickeln, die in den kommenden zehn bis 15 Jahren ein Alter erreicht, in dem Pflegebedürftigkeit deutlich zunimmt. Der Anteil der über 65-Jährigen wird bis 2050 auf rund 28 Prozent der österreichischen Bevölkerung steigen.
Besonders stark betroffen sind Frauen, aber auch Männer wechseln häufiger in Teilzeit, sobald ein Elternteil oder Schwiegereltern pflegebedürftig werden. Am stärksten spürbar ist der Effekt bei den Pflegestufen 3 bis 5, wenn die Betreuung intensiver, aber noch nicht vollständig professionell organisiert ist.
Viele Menschen der Generation 40+ befinden sich dabei in einer "Sandwich-Situation": Sie kümmern sich nahtlos um Kinder und um betreuungs- und pflegebedürftige Eltern. Gleichzeitig erschweren sich wandelnde Familienstrukturen mit mehr Single-Haushalten und größeren räumlichen Distanzen zwischen Angehörigen die Pflegeorganisation zusätzlich.
Um dieser Herausforderung zu begegnen, haben die Familie & Beruf Management GmbH und das Hilfswerk Österreich einen umfassenden Praxisleitfaden entwickelt. Dieser richtet sich sowohl an Unternehmen als auch an pflegende Angehörige und bietet konkrete Handlungsempfehlungen für unterschiedliche Unternehmensgrößen.
"Der Pflegeleitfaden zeigt gut auf, wie Unternehmen durch Verständnis, flexible Lösungen und klare Strukturen einen entscheidenden Beitrag leisten können, damit Pflege und Erwerbsarbeit vereinbar bleiben", erklärt Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerks.
Der Leitfaden behandelt verschiedene Bereiche der betrieblichen Unterstützung:
"Aus Unternehmenssicht ist das Thema Vereinbarkeit von Pflege und Beruf weit mehr als eine gesellschaftliche Verantwortung - es ist ein wesentlicher mittel- und langfristiger Erfolgsfaktor moderner Personalpolitik", betont Daniela Neureiter von Konica Minolta Business Solutions Austria. Eine lebensphasenorientierte Unternehmenskultur stärke Motivation, Gesundheit und Loyalität der Mitarbeitenden.
Das Netzwerk "Unternehmen für Familien" zeigt bereits seit 2015, wie erfolgreiche Vereinbarkeit funktionieren kann. Mehr als 1000 österreichische Unternehmen und Institutionen engagieren sich darin für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Über 800 Unternehmen und Hochschulen wurde bereits das Gütezeichen "berufundfamilie" bzw. "hochschuleundfamilie" verliehen. Österreichweit profitieren dadurch über 698.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie rund 248.000 Studierende von familienfreundlichen Rahmenbedingungen.
Die Zertifizierung "berufundfamilie" ist ein strukturierter Prozess, in dem unter aktiver Beteiligung der Beschäftigten bestehende Angebote zur besseren Vereinbarkeit evaluiert und weiterentwickelt werden. Eine familienfreundliche Unternehmenskultur erweist sich dabei nicht nur als Ausdruck sozialer Verantwortung, sondern auch als klarer Wettbewerbsvorteil.
Sie steigert die Zufriedenheit und Bindung der Beschäftigten, erleichtert den Wiedereinstieg nach der Karenz und erhöht die Attraktivität als Arbeitgeber für qualifizierte Fachkräfte - ein wichtiger Aspekt angesichts des herrschenden Fachkräftemangels.
Auch die Arbeitnehmervertretung sieht dringenden Handlungsbedarf. "Der Praxisleitfaden bringt beide Perspektiven zusammen - jene der pflegenden Angehörigen und der Arbeitgeber", erklärt Cornelia Pöttinger vom Bundesvorstand der Arbeiterkammer und des ÖGB. "Gerade bei oft plötzlich auftretenden Pflegesituationen braucht es Verständnis, klare Rahmenbedingungen und gemeinsames Handeln."
Die Investition in familienfreundliche Maßnahmen zahlt sich auch volkswirtschaftlich aus. Wenn mehr pflegende Angehörige im Berufsleben gehalten werden können, reduziert das nicht nur die sozialen Kosten, sondern erhält auch wichtige Fachkräfte im Arbeitsmarkt.
Der neue Leitfaden steht kostenlos zum Download zur Verfügung und soll Unternehmen dabei unterstützen, Pflege als Teil der Lebensrealität vieler Beschäftigter anzuerkennen. Ziel ist es, tragfähige Lösungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenpflege zu entwickeln - zum Nutzen der Mitarbeitenden und der Unternehmen gleichermaßen.
Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf wird in den kommenden Jahren zu einem noch drängenderen Thema werden. Unternehmen, die frühzeitig entsprechende Strukturen aufbauen, verschaffen sich einen wichtigen Vorteil im Kampf um qualifizierte Mitarbeiter.
Der neue Praxisleitfaden bietet dafür eine fundierte Grundlage mit erprobten Maßnahmen und konkreten Handlungsempfehlungen. Es liegt nun an den Unternehmen, diese Chance zu nutzen und einen aktiven Beitrag zu einer familienfreundlicheren Arbeitswelt zu leisten.