Trotz Fachkräftemangel bevorzugen Unternehmen lokale Talente
82% der Recruiter erwarten wachsende Bedeutung von internationalem Recruiting, doch administrative Hürden bremsen die Umsetzung aus.
Österreichs Unternehmen stehen vor einem Dilemma: Während der Fachkräftemangel immer drängender wird und 82 Prozent der Recruiter davon ausgehen, dass internationales Recruiting künftig wichtiger wird, bremsen bürokratische Hürden die Umsetzung. Eine aktuelle Stepstone-Studie zeigt, dass bei gleicher Qualifikation viele Arbeitgeber weiterhin lokale Talente bevorzugen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 71 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen sehen administrative Prozesse als große Herausforderung beim internationalen Recruiting. Visa-Verfahren, Aufenthaltstitel und andere bürokratische Anforderungen führen dazu, dass 59 Prozent bei gleicher Qualifikation eher zu lokalen Bewerbern greifen.
"Die Bereitschaft, internationale Talente einzustellen, ist da und Unternehmen investieren zunehmend in entsprechende Strategien", erklärt Nikolai Dürhammer, Managing Director Österreich & Schweiz bei Stepstone. "Gleichzeitig zeigen unsere Zahlen, dass administrative Prozesse und strukturelle Hürden häufig dazu führen, dass lokale Bewerbende bevorzugt werden."
Besonders problematisch erweist sich die Rekrutierung aus Drittstaaten. 55 Prozent der Unternehmen, die bislang nicht in diesen Märkten aktiv waren, erwarten hier große oder sehr große Hürden. Lange Bearbeitungszeiten bei Behörden verstärken diese Herausforderungen zusätzlich.
Neben der Bürokratie macht Österreich auch die Konkurrenz durch attraktive Arbeitsmärkte wie Deutschland oder die Schweiz zu schaffen. Diese Länder können oft schnellere und weniger komplexe Verfahren anbieten, was sie für internationale Fachkräfte attraktiver macht.
Weitere Faktoren, die gegen internationale Rekrutierung sprechen, sind nach Angaben der Studienteilnehmer Sprachkenntnisse (60 Prozent) und Relocation-Kosten (56 Prozent). Diese Aspekte verstärken die Tendenz, bereits im Land verfügbare Talente zu bevorzugen.
Trotz der strukturellen Herausforderungen geben sich österreichische Unternehmen nicht geschlagen. Mehr als die Hälfte plant bereits für 2026 konkrete Schritte zur Internationalisierung ihrer Recruiting-Strategien. 56 Prozent wollen Jobplattformen mit internationaler Reichweite nutzen, während etwa jede zweite Organisation zusätzliche Budgets für internationales Recruiting beantragen möchte.
Darüber hinaus planen viele Unternehmen, externe rechtliche Beratung zu Aufenthaltstiteln einzuholen, um die bürokratischen Hürden besser bewältigen zu können. Diese Investitionen zeigen, dass die Wirtschaft die Notwendigkeit internationaler Talente erkannt hat.
Der Hauptgrund für das internationale Engagement bleibt der akute Fachkräftemangel: 56 Prozent der Befragten nennen ihn als zentrales Motiv für die Ausweitung der Recruiting-Aktivitäten. Weitere 36 Prozent verweisen auf spezielle Fähigkeiten, die lokal schwer verfügbar sind.
Diese Entwicklung spiegelt die Realität des österreichischen Arbeitsmarktes wider, wo in vielen Branchen qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Von IT und Engineering bis hin zu Gesundheitswesen und Pflege – die Lücken werden immer größer.
Die gute Nachricht für skeptische Unternehmen: Dort, wo internationales Recruiting bereits praktiziert wird, zeigt sich der Erfolg deutlich. 77 Prozent der Unternehmen berichten von einer erfolgreichen Integration internationaler Mitarbeiter. Noch ermutigender: 72 Prozent geben an, dass diese Fachkräfte langfristig im Unternehmen bleiben.
Diese Zahlen widerlegen das weit verbreitete Vorurteil, internationale Mitarbeiter würden nach kurzer Zeit wieder weiterziehen. Vielmehr zeigt sich, dass bei strukturiertem Vorgehen und angemessener Unterstützung internationale Talente zu wertvollen, langfristigen Teammitgliedern werden.
Die Studienergebnisse machen deutlich, dass Österreich im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte nur dann bestehen kann, wenn die strukturellen Probleme angegangen werden. "Wenn Österreich im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen will, müssen Prozesse einfacher und transparenter werden", fordert Stepstone-Manager Dürhammer.
Konkret bedeutet das eine Vereinfachung von Visa-Verfahren, kürzere Bearbeitungszeiten bei Aufenthaltstiteln und mehr Unterstützung für Unternehmen beim Navigieren durch die bürokratischen Anforderungen. Andere Länder haben bereits entsprechende Fast-Track-Verfahren für Fachkräfte etabliert.
"International Recruiting ist heute eine strategische Notwendigkeit", betont Dürhammer. "Unsere Daten zeigen: Wenn Prozesse strukturiert aufgesetzt und frühzeitig geplant werden, funktioniert Integration und talentierte, qualifizierte Fachkräfte helfen unserer Wirtschaft nachhaltig."
Die Herausforderung liegt nun darin, die erkannte Notwendigkeit in praktische Verbesserungen umzusetzen. Dies erfordert sowohl politischen Willen als auch eine engere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen.
Die Stepstone-Studie zeichnet das Bild eines Landes am Scheideweg. Einerseits haben österreichische Unternehmen die Bedeutung internationaler Talente erkannt und sind bereit zu investieren. Andererseits verhindern bürokratische Hürden oft die Umsetzung dieser Erkenntnis.
Die für 2026 geplanten Initiativen der Unternehmen könnten zu einem Wendepunkt werden. Wenn parallel dazu auch die politischen Rahmenbedingungen verbessert werden, könnte Österreich seine Position im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte deutlich stärken.
Die Studie basiert auf einer Befragung von 536 Recruitern und HR-Verantwortlichen aus Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen, die im Dezember 2025 durchgeführt wurde. Sie gibt einen repräsentativen Einblick in die aktuelle Situation und die Pläne österreichischer Unternehmen für das internationale Recruiting.