WWF kritisiert massive Abschuss-Bilanz und fordert Kurswechsel im Artenschutz
25 getötete Wölfe 2025 bei nur 102 bekannten Tieren - Österreich tötet fünfmal mehr Wölfe als Deutschland. WWF sieht EU-Recht verletzt.
Österreich geht außergewöhnlich aggressiv gegen Wölfe vor: Alle zwei Wochen stirbt hierzulande ein Wolf durch behördlich genehmigte Abschüsse oder illegale Tötungen. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des WWF Österreich, die alarmierende Zahlen zur Wolfspopulation im Land offenlegt.
Im Jahr 2025 wurden insgesamt 25 Wölfe in Österreich getötet - das entspricht rund einem Viertel der gesamten bislang bekannten Population von nur 102 Tieren. "Im Schnitt wird in Österreich alle zwei Wochen ein Wolf getötet. Ein derart aggressiver Umgang mit einer geschützten Art ist völlig unverhältnismäßig und gefährdet die Entwicklung eines günstigen Bestandes", kritisiert WWF-Experte Christian Pichler.
Der Trend setzt sich auch 2026 nahtlos fort: Bereits in den ersten zwei Monaten des Jahres wurden weitere sieben Wölfe per Verordnung getötet - fünf in Kärnten und zwei in Tirol.
Bei der detaillierten Auswertung für 2025 zeigt sich ein klares regionales Muster: Von den 25 getöteten Wölfen erfolgten 22 Abschüsse auf Basis behördlicher Verordnungen, die laut WWF-Analyse allesamt dem EU-Recht widersprechen. Zusätzlich wurden drei illegale Tötungen dokumentiert.
Im Bundesländervergleich liegt Kärnten mit 13 Wolfstötungen an der Spitze, gefolgt von Tirol mit sieben getöteten Tieren. Niederösterreich verzeichnete drei Tötungen, während Salzburg und Oberösterreich jeweils einen Wolf verloren.
Besonders drastisch wird das österreichische Vorgehen im Vergleich mit Deutschland deutlich. Obwohl Deutschland flächenmäßig deutlich größer ist und über eine wesentlich größere Wolfspopulation verfügt, wurden dort seit 2022 lediglich zwölf Wölfe im Rahmen von Managementmaßnahmen getötet.
Österreich hingegen genehmigte im selben Zeitraum 57 Tötungen - fast fünfmal so viele. "In Deutschland werden höchstens einzelne Tiere entnommen, während bei uns ein erheblicher Teil des Bestandes getötet wird. Das ist aus Artenschutz-Sicht eine fatale Entwicklung, die gestoppt werden muss", warnt Christian Pichler.
Die Zahlen offenbaren ein dramatisches Missverhältnis: Während in Österreich nur neun Wolfsfamilien nachgewiesen sind, leben in Deutschland 219 Rudel. Im internationalen Vergleich zählt Österreich zu den Ländern mit den kleinsten Wolfspopulationen Europas.
Selbst kleinere und dichter besiedelte Länder wie die Niederlande, die aus ökologischer Sicht weniger geeignet erscheinen, verfügen mittlerweile über größere Wolfsbestände als Österreich. Diese Entwicklung unterstreicht die problematische Situation hierzulande.
Angesichts dieser alarmierenden Zahlen fordert der WWF einen grundlegenden Politikwechsel. "Anstatt vor allem auf Abschüsse und Stimmungsmache zu setzen, müssen rechtssichere, wissenschaftlich fundierte Lösungen dominieren", betont Pichler.
Konkret verlangt die Naturschutzorganisation:
Der WWF-Experte verweist auf die wichtige ökologische Rolle der Wölfe im Naturhaushalt. "Als großer Beutegreifer hilft der Wolf übermäßig hohe Wildbestände zu regulieren und die Artenvielfalt und die Waldverjüngung zu fördern", erklärt Pichler.
Die intelligenten und sozialen Tiere nehmen als Spitzenprädatoren eine Schlüsselposition im Ökosystem ein. Ihr Verschwinden oder eine zu starke Dezimierung kann weitreichende Folgen für die gesamte Fauna und Flora haben.
Besonders problematisch ist nach Ansicht des WWF, dass die meisten behördlich genehmigten Abschüsse nicht im Einklang mit dem europäischen Artenschutzrecht stehen. Der Wolf ist eine streng geschützte Art nach der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, was Tötungen nur unter sehr strengen Voraussetzungen erlaubt.
"Die derzeitige Praxis in Österreich steht im Widerspruch zu den europarechtlichen Vorgaben und könnte zu Vertragsverletzungsverfahren führen", warnt der WWF. Die Organisation sieht dringenden Handlungsbedarf bei Bund und Ländern.
Der WWF appelliert an die Politik, von der bisherigen Strategie des schnellen Abschusses abzurücken und stattdessen auf nachhaltige Koexistenz-Modelle zu setzen. Erfolgreiche Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen, dass ein Zusammenleben von Mensch, Nutztieren und Wölfen möglich ist.
"Österreich muss endlich von einer Abschuss- zu einer echten Schutzstrategie wechseln. Nur so kann verhindert werden, dass die wenigen Wölfe im Land ganz verschwinden", so das Fazit des WWF. Die Organisation kündigt an, die Entwicklung weiter genau zu beobachten und notfalls rechtliche Schritte zu prüfen.