Gewerkschaften PRO-GE und GPA beginnen Kollektivvertragsverhandlungen für Industrie-Schlüsselbranchen
Verhandlungen für 130.000 Industrie-Beschäftigte starten im März. Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen und lehnen Nullrunden ab.
Die österreichischen Gewerkschaften PRO-GE und GPA starten in dieser Woche die Frühjahrsrunde der Kollektivvertragsverhandlungen für mehrere Schlüsselbranchen der heimischen Industrie. Betroffen sind rund 130.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in fünf wichtigen Industriesektoren, die zusammen einen jährlichen Umsatz von mehr als 50 Milliarden Euro erwirtschaften.
Die Verhandlungen umfassen die Chemische Industrie, die Elektro- und Elektronikindustrie (EEI), den Glasindustriesektor, die Papierindustrie sowie die Textilindustrie. Diese Branchen repräsentieren etwa 25 Prozent des Produktionswertes der gesamten heimischen Industrie, wobei die Bauindustrie nicht mitgerechnet ist.
"Der Fokus bei den Kollektivertragsverhandlungen liegt beim Geld. Es geht vor allem um dauerhafte Lohn- und Gehaltserhöhungen", betonen PRO-GE-Bundesvorsitzender Reinhold Binder und GPA-Bundesgeschäftsführer Mario Ferrari die Hauptziele der bevorstehenden Gespräche.
Obwohl die Inflationsbelastung in den letzten Monaten zurückgegangen ist, sehen die Gewerkschaften weiterhin dringenden Handlungsbedarf bei der Stärkung der Kaufkraft. Besonders betroffen seien niedrige Einkommen, die unter der hohen Teuerung der vergangenen Jahre besonders stark gelitten hätten.
Die Gewerkschaftsvertreter argumentieren, dass gerade Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit geringeren Einkommen einen Ausgleich für die Verluste der letzten Jahre benötigen. Die anhaltend hohen Lebenshaltungskosten, insbesondere bei Wohnen, Energie und Lebensmitteln, würden diese Gruppen überproportional belasten.
Als Grundlage für ihre Forderungen verweisen Binder und Ferrari auf eine sich aufhellende Konjunktur in der Industrie. Bereits jetzt gebe es in einzelnen Bereichen sehr erfreuliche Ergebnisse, die mit hoher Auslastung, Investitionen und Kapazitätsausbau sowie mit vollen Auftragsbüchern einhergehen.
"Es geht aufwärts. Das bestätigen die Zahlen. Sie sind spürbar besser und deutlich erfreulicher als die ständigen Stimmungsumfragen suggerieren", erklären die beiden Gewerkschafter. Diese positive Entwicklung schaffe die wirtschaftlichen Voraussetzungen für angemessene Lohn- und Gehaltserhöhungen.
Möglichen Nulllohnrunden-Fantasien erteilen die Gewerkschaften bereits im Vorfeld eine deutliche Absage. "Es geht um Wertschätzung der Leistungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Daher Ja zu Kollektivvertragsverhandlungen auf Augenhöhe. Aber ein klares Nein zu respektlosen Nulllohnrunden-Forderungen", so Binder und Ferrari.
Die Gewerkschaften erwarten für den heurigen KV-Frühling sehr intensive Verhandlungen. Die Arbeitgeberseite wird voraussichtlich mit Verweis auf wirtschaftliche Unsicherheiten und internationale Konkurrenzfähigkeit argumentieren, während die Arbeitnehmervertreter die positive Konjunkturentwicklung und die Notwendigkeit der Kaufkraftstärkung ins Feld führen werden.
Die größte der betroffenen Branchen mit rund 60.000 Beschäftigten macht den Anfang. Die erste Verhandlungsrunde ist für den 5. März angesetzt, die zweite für den 9. April. Der neue Kollektivvertrag soll ab dem 1. Mai 2026 gültig sein.
Für die rund 7.500 Beschäftigten der Textilindustrie beginnen die Verhandlungen am 11. März, die zweite Runde folgt am 23. März. Hier ist der Gültigkeitstermin für den neuen Kollektivvertrag bereits mit dem 1. April 2026 angesetzt.
Die Chemische Industrie mit ihren 50.000 Beschäftigten startet am 24. März in die Verhandlungen. Die zweite Runde ist für den 9. April geplant, mit Gültigkeit ab dem 1. Mai 2026.
Für die 8.000 Beschäftigten der Papierindustrie sind die Verhandlungsrunden am 9. und 14. April angesetzt. Auch hier gilt der 1. Mai 2026 als Gültigkeitstermin.
Den Abschluss macht die Glasindustrie mit 6.800 Beschäftigten. Die Verhandlungen beginnen am 12. Mai, die zweite Runde folgt am 1. Juni, mit Gültigkeit ab dem 1. Juni 2026.
Die bevorstehenden Kollektivvertragsverhandlungen haben nicht nur für die direkt betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer große Bedeutung, sondern wirken auch als Signalgeber für die gesamte österreichische Wirtschaft. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Einfluss auf andere Branchen und deren Lohnverhandlungen haben.
Die genannten Industriezweige sind traditionell starke Exportbranchen und wichtige Arbeitgeber in Österreich. Ihre Wettbewerbsfähigkeit hängt sowohl von modernen Produktionsanlagen und Innovation als auch von qualifizierten und motivierten Arbeitskräften ab.
Die Verhandlungsführer beider Seiten stehen vor der Herausforderung, einen Ausgleich zwischen den berechtigten Forderungen der Arbeitnehmer nach Kaufkraftstärkung und den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Unternehmen zu finden. Dabei spielen nicht nur die aktuellen Geschäftszahlen eine Rolle, sondern auch die mittelfristigen Aussichten der jeweiligen Branchen.
Die internationale Konkurrenzfähigkeit österreichischer Unternehmen, die Entwicklung der Energiekosten und die Transformation hin zu nachhaltigen Produktionsverfahren werden weitere wichtige Themen in den Gesprächen sein. Gleichzeitig müssen die Gewerkschaften sicherstellen, dass ihre Mitglieder an den positiven Entwicklungen der Unternehmen angemessen teilhaben.
Mit dem Start der Verhandlungen in der Elektro- und Elektronikindustrie Anfang März wird sich zeigen, in welche Richtung sich die diesjährige Frühjahrsrunde entwickelt. Die Ergebnisse werden nicht nur für die betroffenen Branchen, sondern für die gesamte österreichische Lohnpolitik richtungsweisend sein.