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150 Jahre NHM Wien: Kritische Ausstellung entlarvt dunkle Seiten des Sammelns

10. April 2026 um 14:03
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Das Naturhistorische Museum Wien lädt zu einer außergewöhnlichen Pressekonferenz, die mehr als nur ein Jubiläum ankündigt. Am 28. April 2026 präsentiert das renommierte Museum eine Ausstellung, die...

Das Naturhistorische Museum Wien lädt zu einer außergewöhnlichen Pressekonferenz, die mehr als nur ein Jubiläum ankündigt. Am 28. April 2026 präsentiert das renommierte Museum eine Ausstellung, die mit allen Sehgewohnheiten bricht und erstmals kritisch die eigene 150-jährige Geschichte beleuchtet. Unter dem provokanten Titel "Gutes Sammeln – Böses Sammeln" stellt sich das NHM Wien unbequemen Wahrheiten über die Schattenseiten wissenschaftlicher Sammlungen.

Revolutionäre Selbstkritik im Herzen Wiens

Die für 28. April 2026 anberaumte Pressekonferenz im Vortragssaal des Naturhistorischen Museums markiert einen Wendepunkt in der österreichischen Museumslandschaft. Unter der Leitung von Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland wird das Museum erstmals öffentlich über die problematischen Aspekte seiner Sammlungstätigkeit sprechen. Die Veranstaltung beginnt um 10.30 Uhr am Maria-Theresien-Platz 1 und verspricht eine schonungslose Aufarbeitung der Institutionsgeschichte.

Die Sammeltätigkeit von Naturhistorischen Museen war über 150 Jahre hinweg oft von kolonialen Strukturen und ethisch fragwürdigen Praktiken geprägt. Während die wissenschaftliche Neugier und der Forschungsdrang durchaus positive Triebfedern darstellten, führten sie gleichzeitig zu problematischen Erwerbsmethoden. Viele Exponate gelangten durch koloniale Ausbeutung, Raub oder unter Ausnutzung von Machtgefällen in europäische Museen.

Wissenschaftliche Koryphäen erklären die dunklen Kapitel

Ein hochkarätiges Expertenteam wird die komplexen Zusammenhänge erläutern. Univ.-Prof. Dr. Mathias Harzhauser, Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung, bringt jahrzehntelange Erfahrung in der Fossilienforschung mit. Seine Abteilung beherbergt Millionen von Exponaten, deren Herkunft teilweise in die Zeit des Kolonialismus zurückreicht. DDr. Martin Krenn vom Archiv für Wissenschaftsgeschichte kann aus erster Hand über die historischen Dokumente berichten, die die problematischen Erwerbungsumstände belegen.

Dr. Anna E. Weinmann, Kuratorin für Mikropaläontologie, wird über die wissenschaftlichen Methoden sprechen, mit denen heute versucht wird, die Herkunft von Sammlungsobjekten zu rekonstruieren. Die Mikropaläontologie beschäftigt sich mit winzigen fossilen Organismen, die oft als Beiwerk zu größeren Exponaten ins Museum gelangten. Mag. Agnes Mair von der Abteilung für Wissenschaftskommunikation erklärt, wie diese komplexen Sachverhalte der Öffentlichkeit vermittelt werden können.

Provokanter Titel hinterfragt etablierte Sammlungspraxis

Der Ausstellungstitel "Gutes Sammeln – Böses Sammeln" ist bewusst provokant gewählt und spiegelt die Ambivalenz wissenschaftlicher Sammlungstätigkeit wider. "Gutes Sammeln" bezeichnet dabei die legitime wissenschaftliche Forschung, die systematische Dokumentation der Naturgeschichte und den Beitrag zur Bildung. Diese Form des Sammelns folgt ethischen Grundsätzen, respektiert lokale Gemeinschaften und trägt zum globalen Wissensschatz bei.

"Böses Sammeln" hingegen umfasst alle Praktiken, die unter Missachtung von Eigentumsrechten, kulturellen Werten oder unter Ausnutzung kolonialer Machtstrukturen erfolgten. Dazu gehören der Raub von Kulturgütern, die Plünderung von Grabstätten, die Aneignung heiliger Objekte indigener Völker oder die Ausbeutung lokaler Sammler ohne angemessene Entlohnung. Solche Praktiken waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert weit verbreitet und prägten die Bestände vieler europäischer Museen nachhaltig.

Österreichs Museen im internationalen Vergleich

Die Initiative des Naturhistorischen Museums Wien reiht sich in eine internationale Bewegung ein, die in den letzten Jahren an Fahrt gewonnen hat. Deutsche Museen wie das Humboldt Forum in Berlin oder das Museum für Naturkunde haben bereits ähnliche Aufarbeitungsprozesse eingeleitet. In der Schweiz beschäftigen sich das Naturhistorische Museum Basel und das Völkerkundemuseum der Universität Zürich intensiv mit der problematischen Herkunft ihrer Sammlungen.

Österreichische Museen waren bislang zurückhaltender bei der öffentlichen Thematisierung dieser Aspekte. Das Kunsthistorische Museum Wien und das Museum für Völkerkunde haben zwar interne Provenienzforschung betrieben, aber noch keine großangelegte öffentliche Aufarbeitung wie das NHM Wien angekündigt. Diese Vorreiterrolle könnte anderen österreichischen Institutionen als Vorbild dienen und einen Wandel in der heimischen Museumslandschaft einleiten.

Konkrete Auswirkungen für Museumsbesucher und Wissenschaft

Die kritische Aufarbeitung wird spürbare Veränderungen für Besucher des Naturhistorischen Museums zur Folge haben. Neue Beschriftungen und Kontextinformationen werden künftig über die problematische Herkunft bestimmter Exponate informieren. Interaktive Stationen könnten Besuchern ermöglichen, selbst zu erforschen, wie bestimmte Objekte ins Museum gelangten. Virtual-Reality-Anwendungen könnten die ursprünglichen Fundorte zeigen und die Geschichten der Menschen erzählen, die dort lebten.

Für die wissenschaftliche Arbeit bedeutet diese Transparenz eine Stärkung der Glaubwürdigkeit. Forscher können künftig mit besserem Gewissen auf die Sammlungen zurückgreifen, da die Herkunft offen dokumentiert ist. Gleichzeitig eröffnen sich neue Forschungsfelder in der Provenienzforschung und Wissenschaftsgeschichte. Die Zusammenarbeit mit Herkunftsländern und indigenen Gemeinschaften könnte intensiviert werden, was zu fruchtbaren wissenschaftlichen Kooperationen führen kann.

Restitutionsdebatte erreicht Naturhistorische Museen

Die Ausstellung wirft unweigerlich die Frage nach Restitutionen auf. Während diese Debatte bei Kunstmuseen bereits seit Jahren geführt wird, erreicht sie nun auch die naturhistorischen Sammlungen. Die Rückgabe von Exponaten an Herkunftsländer oder -gemeinschaften ist jedoch bei naturhistorischen Objekten komplexer als bei Kunstwerken. Fossilien haben oft wissenschaftlichen Wert, der über kulturelle Bedeutungen hinausgeht, und ihre Bearbeitung erfordert spezielle Expertise und Infrastruktur.

Dennoch gibt es bereits Beispiele für erfolgreiche Kooperationen. Das Naturhistorische Museum London hat Vereinbarungen mit verschiedenen Ländern getroffen, die den gemeinsamen Zugang zu Sammlungen regeln. Ähnliche Modelle könnten auch für das Wiener Museum relevant werden. Die Ausstellung dürfte erstmals konkrete Fälle thematisieren, in denen Restitutionen oder Kooperationen diskutiert werden.

Innovative Ausstellungsgestaltung bricht mit Konventionen

Die gestalterische Umsetzung durch Martin Schnabl und Benedikt Haid von breadedEscalope verspricht eine unkonventionelle Präsentation. Statt der üblichen chronologischen oder thematischen Gliederung könnte die Ausstellung bewusst mit Gegensätzen arbeiten. Prachtvolle historische Vitrinen könnten neben kargen, fast kahlen Räumen stehen, um die Diskrepanz zwischen der Pracht der Sammlung und den oft beschämenden Umständen ihrer Entstehung zu verdeutlichen.

Multimediale Installationen könnten Originaltonaufnahmen von Expeditionsleitern mit den Stimmen betroffener Gemeinschaften kontrastieren. Interaktive Karten könnten zeigen, woher die Exponate stammen und unter welchen historischen Bedingungen sie erworben wurden. Virtual-Reality-Brillen könnten Besucher an die ursprünglichen Fundorte versetzen und ihnen die Perspektive der damaligen Bewohner nahebringen.

Bildungsauftrag neu definiert

Die Ausstellung definiert den Bildungsauftrag von Museen neu. Statt nur Wissen zu vermitteln, übernehmen sie Verantwortung für die kritische Reflexion ihrer eigenen Geschichte. Schulklassen werden künftig nicht nur über Naturgeschichte, sondern auch über Wissenschaftsethik und koloniale Geschichte lernen. Spezielle Führungen für Erwachsene könnten komplexe Themen wie Provenienzforschung, Restitutionsethik und die Rolle von Museen in postkolonialen Gesellschaften behandeln.

Die Zusammenarbeit mit Universitäten dürfte intensiviert werden. Studierende der Geschichte, Anthropologie und Museologie könnten Forschungsprojekte zu einzelnen Sammlungsobjekten durchführen. Diese Arbeiten würden nicht nur zur Aufklärung der Sammlungsgeschichte beitragen, sondern auch eine neue Generation von Museumsfachkräften für diese Themen sensibilisieren.

Wirtschaftliche und touristische Auswirkungen

Die mutige Initiative des Naturhistorischen Museums könnte Wien als Zentrum für progressive Museumsarbeit positionieren. Internationale Fachkongresse und Symposien zu Provenienzforschung und Museumsethik könnten nach Wien geholt werden. Der Wissenschaftstourismus würde davon profitieren, da Forscher aus aller Welt nach Wien kommen würden, um die innovative Aufarbeitung zu studieren.

Für den allgemeinen Tourismus könnte die Ausstellung ebenfalls positive Effekte haben. Wien würde als Stadt wahrgenommen, die sich ihrer Geschichte stellt und Verantwortung übernimmt. Internationale Medien dürften über die Ausstellung berichten, was Wien zusätzliche Aufmerksamkeit bringen würde. Pauschalreisen könnten die Ausstellung in ihre Programme aufnehmen und Wien als Destination für kulturell interessierte Besucher bewerben.

Langfristige Transformation der Museumslandschaft

Die Ausstellung "Gutes Sammeln – Böses Sammeln" könnte einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Museumslandschaft einleiten. Andere Häuser werden unter Druck geraten, ebenfalls ihre Sammlungen kritisch zu hinterfragen. Das könnte zu einer österreichweiten Initiative führen, problematische Sammlungsgeschichten aufzuarbeiten. Fördergelder könnten künftig an die Bereitschaft zur Provenienzforschung gekoppelt werden.

Die internationale Vernetzung österreichischer Museen dürfte sich intensivieren. Kooperationen mit Institutionen in Afrika, Asien und Amerika, woher viele problematische Sammlungsobjekte stammen, könnten entstehen. Diese Partnerschaften würden nicht nur der Aufarbeitung dienen, sondern auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen und den Austausch zwischen Kulturen fördern.

Ausblick auf eine selbstkritische Museumskultur

Die für April 2026 geplante Pressekonferenz markiert möglicherweise einen historischen Wendepunkt. Das Naturhistorische Museum Wien beweist Mut zur Selbstkritik und setzt Standards für die internationale Museumsgemeinschaft. Die Ausstellung wird zeigen, dass wissenschaftliche Institutionen durchaus in der Lage sind, ihre eigene Geschichte kritisch zu reflektieren und daraus zu lernen.

Besucher können gespannt sein auf eine Ausstellung, die mehr bietet als schöne Objekte in Vitrinen. Sie werden Teil einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte und können miterleben, wie sich Museen von Tempeln des Wissens zu Orten der kritischen Reflexion wandeln. Die Pressekonferenz am 28. April 2026 wird weitere Details dieser visionären Ausstellung enthüllen und möglicherweise den Grundstein für eine neue Ära der Museumsarbeit legen.

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