Zurück
OTS-MeldungArbeitsleben/Arbeitsalltag/Karriere/Produktivität/Leistung/Bild/Finanzen und Dienstleistungen/Arbeit

Zeitumstellung 2024: Arbeitsmediziner warnen vor Gesundheitsrisiken

24. März 2026 um 09:09
Teilen:

Am kommenden Sonntag, dem 29. März 2024, werden die Uhren wieder eine Stunde vorgestellt – ein Ritual, das Millionen von Österreichern mittlerweile als lästige Pflicht empfinden. Während die Politi...

Am kommenden Sonntag, dem 29. März 2024, werden die Uhren wieder eine Stunde vorgestellt – ein Ritual, das Millionen von Österreichern mittlerweile als lästige Pflicht empfinden. Während die Politik seit Jahren über die Abschaffung der Zeitumstellung diskutiert, warnen Arbeitsmediziner eindringlich vor den gesundheitlichen Folgen dieser halbjährlichen Tortur. Die Experten sprechen von einem "sozialen Jetlag", der nicht nur das Wohlbefinden beeinträchtigt, sondern auch die Arbeitsleistung massiv reduzieren kann.

Was bedeutet "sozialer Jetlag" für den menschlichen Körper?

Der Begriff "sozialer Jetlag" beschreibt das Phänomen, wenn die innere biologische Uhr des Menschen nicht mit den gesellschaftlich vorgegebenen Zeiten übereinstimmt. Dr. Helmut Stadlbauer, Arbeitsmediziner und Leiter des Bereichs "Gesunde Arbeitszeiten" bei IBG, erklärt: "Die innere Uhr orientiert sich am Tageslicht. Die Zeitumstellung kann diese natürliche Regulation stören und sich negativ auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit auswirken."

Diese innere Uhr, auch Circadianer Rhythmus genannt, ist ein etwa 24-stündiger biologischer Zyklus, der nahezu alle Lebensprozesse steuert. Er reguliert nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus, sondern auch die Körpertemperatur, den Hormonspiegel, den Blutdruck und sogar die Verdauung. Licht ist der wichtigste Zeitgeber für diesen Rhythmus. Spezielle Zellen in der Netzhaut des Auges nehmen Helligkeitsunterschiede wahr und leiten diese Information an das Gehirn weiter, wo sie in der Zirbeldrüse die Produktion des Schlafhormons Melatonin steuert.

Chronotypen: Warum manche Menschen stärker leiden als andere

Nicht alle Menschen sind gleichermaßen von der Zeitumstellung betroffen. Die Wissenschaft unterscheidet verschiedene Chronotypen – also individuelle Präferenzen für bestimmte Aktivitäts- und Ruhephasen. Die sogenannten "Lerchen" sind natürliche Frühaufsteher, die abends früh müde werden. "Eulen" hingegen kommen erst spät am Abend richtig in Fahrt und haben morgens Schwierigkeiten beim Aufstehen.

Bei der Umstellung auf Sommerzeit im Frühjahr sind besonders die "Eulen" betroffen, da sie ohnehin schon Probleme mit frühen Terminen haben. Wenn dann noch eine Stunde "gestohlen" wird, verstärkt sich dieser Effekt dramatisch. Im Herbst, bei der Rückstellung auf Normalzeit, leiden hingegen die "Lerchen" stärker, da ihr natürlicher Rhythmus durch die zusätzliche Stunde durcheinandergebracht wird.

Arbeitsmedizinische Folgen der Zeitumstellung

  • Schlafmangel und Schlafstörungen: Die Anpassung des Biorhythmus kann mehrere Tage bis Wochen dauern
  • Konzentrationsprobleme: Reduzierte geistige Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz
  • Erhöhtes Unfallrisiko: Studien zeigen einen Anstieg von Arbeitsunfällen in den Tagen nach der Zeitumstellung
  • Verstärkung bestehender Schlafstörungen: Personen mit Insomnie oder anderen Schlafproblemen sind besonders gefährdet
  • Herz-Kreislauf-Belastung: Erhöhter Stress kann zu Blutdruckschwankungen führen

Die europäische Diskussion: Warum dauert die Abschaffung so lange?

Bereits 2018 sprach sich das Europäische Parlament mit überwältigender Mehrheit für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Eine europaweite Online-Befragung hatte gezeigt, dass 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die halbjährliche Uhrenumstellung waren. Doch seither herrscht Stillstand in der EU-Politik.

Das Hauptproblem liegt in der fehlenden Einigung der Mitgliedsstaaten über die Frage, welche Zeit dauerhaft beibehalten werden soll. Während einige Länder für die permanente Sommerzeit plädieren, bevorzugen andere die Normalzeit (Winterzeit). Diese Uneinigkeit führt zu einem Patt, da eine gemeinsame europäische Lösung angestrebt wird, um einen Flickenteppich verschiedener Zeitzonen innerhalb der EU zu vermeiden.

In Österreich hat sich die Regierung bislang nicht eindeutig positioniert. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup aus dem Jahr 2023 ergab jedoch, dass 73 Prozent der Österreicher für die Abschaffung der Zeitumstellung sind. Bei der Frage nach der bevorzugten Zeit gingen die Meinungen auseinander: 45 Prozent favorisieren die permanente Sommerzeit, 38 Prozent die Normalzeit, 17 Prozent waren unentschieden.

Warum Arbeitsmediziner die Normalzeit bevorzugen

Die IBG GmbH, Österreichs größte Unternehmensberatung im Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, spricht sich klar für die Beibehaltung der Normalzeit aus. Diese Position teilen nahezu alle führenden Schlafforscher und Chronobiologen weltweit.

Die Begründung ist wissenschaftlich fundiert: Die Normalzeit entspricht wesentlich besser dem natürlichen menschlichen Biorhythmus. Bei dauerhafter Sommerzeit würden insbesondere in den Wintermonaten viele Menschen im Dunkeln aufstehen müssen. Das fehlende Morgenlicht verzögert die Unterdrückung der Melatonin-Produktion, wodurch Menschen länger schläfrig bleiben und schwerer in den Tag finden.

Studien aus Russland, wo 2014 dauerhaft die Sommerzeit eingeführt und bereits drei Jahre später wieder abgeschafft wurde, zeigen die negativen Auswirkungen deutlich. Die Bevölkerung litt verstärkt unter Schlafproblemen, Depression und reduzierten kognitiven Fähigkeiten. Besonders Schüler und Studenten waren betroffen, da frühe Schulzeiten bei dauerhafter Sommerzeit zu chronischem Schlafmangel führten.

Auswirkungen auf die österreichische Arbeitswelt

Für Österreichs Arbeitnehmer hätte eine permanente Sommerzeit besonders gravierende Folgen. In den Wintermonaten würde die Sonne in Wien erst um 8:48 Uhr aufgehen – zu spät für die meisten Arbeitszeiten. Die Folge: Millionen von Menschen müssten monatelang im Dunkeln zur Arbeit gehen, was nicht nur die Stimmung beeinträchtigt, sondern auch die Produktivität erheblich reduziert.

Unternehmen berichten bereits jetzt von spürbaren Auswirkungen der Zeitumstellung. In den ersten Wochen nach der Umstellung steigt die Anzahl der Krankenstände, die Fehlerquote erhöht sich, und die Arbeitsunfälle nehmen zu. Diese Effekte kosten die österreichische Wirtschaft jährlich Millionen von Euro.

Internationale Vergleiche: Wie gehen andere Länder vor?

Während Europa noch diskutiert, haben andere Regionen bereits Entscheidungen getroffen. In den USA haben mehrere Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die eine permanente Sommerzeit vorsehen – allerdings hängt die Umsetzung von einer bundesweiten Regelung ab. Kalifornien, Texas und Florida gehören zu den Vorreitern dieser Bewegung.

Russland, das weltgrößte Land, schaffte die Zeitumstellung bereits 2014 endgültig ab und blieb bei der Normalzeit. China, obwohl es sich über fünf theoretische Zeitzonen erstreckt, verwendet landesweit nur eine einzige Zeit – die Pekinger Zeit, die der Normalzeit entspricht.

In der Schweiz, Österreichs südwestlichem Nachbarn, folgt man weiterhin der EU-Regelung, obwohl auch dort die Mehrheit der Bevölkerung für eine Abschaffung der Zeitumstellung ist. Eine Volksinitiative scheiterte jedoch 2019 an formalen Hürden.

Praktische Tipps für die kommende Zeitumstellung

Bis eine politische Lösung gefunden wird, müssen sich Arbeitnehmer weiterhin mit der Zeitumstellung arrangieren. Arbeitsmediziner empfehlen folgende Maßnahmen:

  • Schrittweise Anpassung: Bereits einige Tage vor der Umstellung das Zu-Bett-Geh-Verhalten um 15-30 Minuten anpassen
  • Lichttherapie: Morgens bewusst helles Licht suchen, abends Licht reduzieren
  • Regelmäßiger Schlafrhythmus: Auch am Wochenende ähnliche Schlafenszeiten einhalten
  • Koffein-Management: Nachmittags und abends auf koffeinhaltige Getränke verzichten
  • Flexible Arbeitszeiten nutzen: Wenn möglich, Gleitzeit in Anspruch nehmen

Die wirtschaftlichen Kosten der Zeitumstellung

Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten der Zeitumstellung allein in Deutschland auf 7 Milliarden Euro jährlich. Für Österreich, mit etwa einem Zehntel der deutschen Bevölkerung, würde das entsprechend 700 Millionen Euro bedeuten.

Diese Kosten entstehen durch erhöhte Krankenstände, reduzierte Produktivität, mehr Arbeitsunfälle und zusätzliche medizinische Behandlungen. Besonders betroffen sind Branchen mit frühen Arbeitszeiten wie das Gesundheitswesen, die Industrie und der öffentliche Verkehr.

Zukunftsperspektiven: Wann kommt die Lösung?

Experten rechnen frühestens 2026 mit einer europaweiten Einigung zur Abschaffung der Zeitumstellung. Der Grund für die Verzögerung liegt in der Komplexität der Abstimmung zwischen 27 EU-Mitgliedsstaaten. Jedes Land muss seine Präferenzen mit den geografischen Gegebenheiten und wirtschaftlichen Interessen seiner Nachbarn abstimmen.

Die Covid-19-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben das Thema zusätzlich in den Hintergrund gedrängt. Dennoch arbeiten Experten im Hintergrund an Kompromisslösungen. Ein möglicher Ansatz wäre die Aufteilung Europas in zwei Zeitzonen mit jeweils permanenter Zeit – eine westliche Zone mit Normalzeit und eine östliche Zone mit permanenter Sommerzeit.

Österreich würde dabei voraussichtlich der westlichen Zone angehören, was der Position der Arbeitsmediziner entsprechen würde. Die endgültige Entscheidung liegt jedoch bei der Politik, die auch die wirtschaftlichen Verflechtungen mit Deutschland und anderen Nachbarländern berücksichtigen muss.

Was können Arbeitgeber tun?

Unternehmen sind nicht machtlos gegen die Auswirkungen der Zeitumstellung. Progressive Arbeitgeber setzen bereits auf flexible Arbeitsmodelle, die den natürlichen Rhythmus der Mitarbeiter berücksichtigen. Dazu gehören Gleitzeit-Regelungen, Home-Office-Möglichkeiten und individuell anpassbare Arbeitszeiten.

Die IBG GmbH, die als Österreichs größter Anbieter für Betriebliches Gesundheitsmanagement über 200 Mitarbeiter beschäftigt, setzt selbst auf solche Modelle und berät andere Unternehmen bei der Implementierung gesundheitsfördernder Arbeitszeitgestaltung.

Die Diskussion um die Zeitumstellung zeigt exemplarisch, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse nur langsam in politische Entscheidungen übersetzen. Während Arbeitsmediziner und Chronobiologen eindeutige Empfehlungen aussprechen, dauert der politische Prozess Jahre. Für Millionen von Arbeitnehmern bedeutet das weitere Jahre mit halbjährlichen Gesundheitsbelastungen, die längst vermeidbar wären. Die Hoffnung bleibt, dass die europäische Politik bald den Mut für eine wissenschaftlich fundierte Entscheidung aufbringt und der Gesundheit der Bürger Priorität einräumt.

Weitere Meldungen

OTS
Termin

Wiener Senioren erobern Literaturwelt: Zweiter Liebe-Contest begeistert

24. März 2026
Lesen
OTS
Hofburg

Parlament weist Kritik zu Redoutensälen zurück

24. März 2026
Lesen
OTS
EQS

Lenzing AG lädt zur 82. Hauptversammlung: Zukunftsweisende Beschlüsse erwartet

24. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen