Österreichs umstrittener Medien-Mogul Wolfgang Fellner öffnet erstmals sein privates Archiv: Am 6. Mai erscheint seine Autobiografie "ÖSTERREICH LIVE", die auf über 300 Seiten einen ungefilterten B...
Österreichs umstrittener Medien-Mogul Wolfgang Fellner öffnet erstmals sein privates Archiv: Am 6. Mai erscheint seine Autobiografie "ÖSTERREICH LIVE", die auf über 300 Seiten einen ungefilterten Blick hinter die Kulissen der heimischen Politik- und Medienlandschaft verspricht. Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum seiner Tageszeitung ÖSTERREICH präsentiert der 68-Jährige brisante Details aus fünf Jahrzehnten Zeitungsgeschichte.
Die Geschichte der österreichischen Boulevardpresse ist untrennbar mit Wolfgang Fellners Namen verbunden. Seit 1974 prägt der gebürtige Wiener die heimische Medienlandschaft mit einer Reihe von Publikationen, die das Leseverhalten der Österreicher nachhaltig verändert haben. Begonnen hat alles mit dem RENNBAHN-EXPRESS, einem Sportblatt, das Fellner gemeinsam mit seinem Bruder Helmut gründete. Was als Nischenpublikation für Pferdesport-Enthusiasten startete, entwickelte sich schnell zu einem Sprungbrett für größere Medienprojekte.
Der Durchbruch gelang 1992 mit der Gründung von BASTA, einem politischen Magazin, das mit investigativen Geschichten und skandalträchtigen Enthüllungen für Aufsehen sorgte. Das Blatt etablierte einen neuen, direkteren Stil im österreichischen Politikjournalismus und machte Fellner zu einer der einflussreichsten Medienpersönlichkeiten des Landes. Parallel dazu baute er mit NEWS ein Wochenmagazin auf, das sich an ein breiteres Publikum richtete und Prominenten-Berichterstattung mit politischen Analysen verband.
Den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere erreichte Fellner 2006 mit der Gründung der Tageszeitung ÖSTERREICH. Das Blatt revolutionierte den österreichischen Zeitungsmarkt durch sein kostenloses Vertriebsmodell und seine aggressive Online-Strategie. Mit oe24.at schuf Fellner eine der reichweitenstärksten Nachrichtenseiten des Landes, die heute täglich Millionen von Nutzern erreicht. Der dazugehörige TV-Sender oe24.TV komplettierte das multimediale Angebot und etablierte Fellner als einen der wenigen österreichischen Medienmacher, der erfolgreich alle relevanten Kanäle bedient.
Fellners Erfolg basiert maßgeblich auf dem Geschäftsmodell der Gratiszeitungen, das er in Österreich populär machte. Diese Publikationen finanzieren sich ausschließlich über Werbeeinnahmen und erreichen durch ihre kostenlose Verteilung eine deutlich höhere Auflage als traditionelle Kaufzeitungen. Das Konzept, das ursprünglich aus Skandinavien stammt, ermöglicht es, auch bildungsfernere Schichten zu erreichen und neue Lesergruppen zu erschließen. Kritiker bemängeln allerdings, dass der Kostendruck zu einer Verschlechterung der journalistischen Qualität führt und die Abhängigkeit von Werbepartnern problematisch ist.
In seiner Autobiografie verspricht Fellner, erstmals die Hintergründe seiner spektakulärsten Scoops preiszugeben. Besonders brisant ist die angekündigte Enthüllung über den Noricum-Waffenskandal der 1980er Jahre, bei dem österreichische Rüstungsunternehmen illegal Waffen an den Iran und den Irak geliefert hatten. Laut Fellners Darstellung soll der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky persönlich Informationen über den skandalösen Deal an das BASTA-Magazin weitergegeben haben.
Ebenso spektakulär ist die Geschichte über Fred Sinowatz, den Nachfolger Kreiskys im Bundeskanzleramt. Fellner behauptet, dass Sinowatz ihn wegen der Enthüllung des geheimen Regierungsbunkers im Wienerwald verhaften lassen wollte. Diese Anlage, die während des Kalten Krieges als Ausweichquartier für die österreichische Regierung gedient hätte, war jahrzehntelang streng geheim gehalten worden.
Besonders aktuell sind Fellners Einblicke in die jüngere Politikgeschichte. Er will enthüllen, warum Sebastian Kurz die türkis-blaue Koalition 2019 wirklich platzen ließ - eine Entscheidung, die das österreichische Parteiensystem nachhaltig erschütterte. Die Ibiza-Affäre um Heinz-Christian Strache wird ebenfalls thematisiert, wobei Fellner den wirtschaftlichen Absturz des ehemaligen FPÖ-Chefs detailliert nachzeichnet.
Fellners Karriere war stets von Kontroversen begleitet. Kritiker werfen ihm vor, die Grenzen zwischen Information und Entertainment zu verwischen und durch reißerische Berichterstattung zur Polarisierung der Gesellschaft beizutragen. Der österreichische Presserat rügte seine Medien wiederholt wegen Verstößen gegen journalistische Standards. Befürworter hingegen loben Fellners Fähigkeit, komplexe politische Zusammenhänge für ein breites Publikum verständlich zu machen und durch investigative Arbeit wichtige Missstände aufzudecken.
Neben der politischen Berichterstattung war Fellner maßgeblich an der medialen Vermarktung des Austro-Pop beteiligt. In den 1970er und 1980er Jahren begleitete er den Aufstieg von Wolfgang Ambros, Georg Danzer, Rainhard Fendrich und Johann "Falco" Hölzel journalistisch. Seine Magazine boten diesen Künstlern eine Plattform und trugen dazu bei, dass der Austro-Pop zu einem wichtigen kulturellen Phänomen wurde.
Das Buch verspricht auch einen Blick hinter die Kulissen der österreichischen "Society". Von Niki Lauda, dem legendären Formel-1-Weltmeister, bis zu Richard Lugner, dem exzentrischen Bauunternehmer und Opernball-Veranstalter, hat Fellner über Jahrzehnte die österreichische Prominentenszene beobachtet und geprägt. Diese Geschichten zeigen, wie eng in Österreich die Welt der Politik, des Sports und der Unterhaltung miteinander verwoben ist.
Fellners Medien-Imperium steht exemplarisch für die zunehmende Konzentration im österreichischen Medienmarkt. Neben der Kronen Zeitung und dem ORF gehört die oe24-Gruppe zu den reichweitenstärksten Medienunternehmen des Landes. Diese Konzentration wird von Medienwissenschaftlern kritisch gesehen, da sie die Meinungsvielfalt einschränken und die demokratische Meinungsbildung gefährden kann. Andererseits ermöglicht die Größe dieser Unternehmen Investitionen in neue Technologien und journalistische Qualität, die kleinere Anbieter nicht stemmen können.
Die Vermarktungsstrategie für "ÖSTERREICH LIVE" zeigt Fellners Gespür für verschiedene Zielgruppen. Die klassische Hardcover-Ausgabe für 26,50 Euro richtet sich an traditionelle Buchkäufer und Bibliotheken. Die handliche Magazin-Ausgabe um 19,50 Euro zielt auf impulsorientierte Käufer in Trafiken und Supermärkten ab - jene Orte, wo auch Fellners Gratiszeitungen verfügbar sind.
Besonders luxuriös ist die XXL-Großformat-Ausgabe für 46,50 Euro, die über 500 Fotos und historische Titelseiten enthält. Diese Sammlerausgabe dürfte vor allem Medienenthusiasten und Fellner-Fans ansprechen, die bereit sind, für exklusive Inhalte einen höheren Preis zu zahlen. Die gestaffelte Preisstruktur entspricht modernen Marketing-Prinzipien und maximiert die potenzielle Reichweite des Buches.
Fellners Karriere spiegelt auch die digitale Transformation der Medienbranche wider. Während er in den 1970er Jahren noch klassische Printmedien produzierte, gehörte er zu den ersten österreichischen Verlegern, die das Internet als Chance begriffen. Die Website oe24.at startete bereits 2006 und entwickelte sich zu einer der meistbesuchten Nachrichtenseiten Österreichs. Der TV-Sender oe24.TV, der seit 2019 sendet, zeigt, wie traditionelle Printmedien neue Kanäle erschließen müssen, um relevant zu bleiben.
Die Veröffentlichung der Autobiografie könnte die österreichische Medienlandschaft nachhaltig beeinflussen. Sollten die angekündigten Enthüllungen tatsächlich neue Erkenntnisse über politische Skandale liefern, könnten sich daraus weitere Recherchen und politische Konsequenzen ergeben. Gleichzeitig setzt Fellner mit seinem Buch ein Statement zu seiner eigenen Rolle in der österreichischen Zeitgeschichte.
Für Medienwissenschaftler und Journalisten dürfte das Buch eine wichtige Quelle werden, um die Entwicklung des österreichischen Boulevardjournalismus zu verstehen. Die beschriebenen Methoden und Strategien geben Einblicke in die Arbeitsweise eines der erfolgreichsten Medienunternehmers des Landes.
Die breite Verfügbarkeit des Buches - von der Buchhandlung bis zum Supermarkt - zeigt, dass Fellner auch mit seiner Autobiografie ein Massenpublikum erreichen will. Dies entspricht seiner langjährigen Strategie, komplexe Inhalte für ein breites Publikum aufzubereiten und dabei kommerzielle Erfolge zu erzielen.
Mit 68 Jahren blickt Wolfgang Fellner auf eine außergewöhnliche Karriere zurück, die noch lange nicht beendet scheint. Seine Autobiografie markiert einen Wendepunkt, an dem erstmals umfassend dokumentiert wird, wie ein einzelner Medienmacher die österreichische Presselandschaft über fünf Jahrzehnte geprägt hat. Die angekündigten Geheimnisse und Backstage-Stories könnten nicht nur historisches Interesse wecken, sondern auch aktuelle politische Debatten befeuern. Für Österreichs Medienlandschaft bedeutet "ÖSTERREICH LIVE" eine Chance zur Reflexion über Vergangenheit und Zukunft des heimischen Journalismus.