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Kultur

Wiens dunkles Erbe: Gemeindebauten enthüllen NS-Geschichten

14. August 2025 um 07:40
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Wien, die Stadt der Musik und Kultur, birgt auch düstere Geheimnisse aus einer Zeit, die viele lieber vergessen würden. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird in der österreichischen Hauptstadt ein bedeutendes Erinnerungsprojekt fortgesetzt. Im Rahmen von 'Der Gemeindebau in der NS-Zeit'

Wien, die Stadt der Musik und Kultur, birgt auch düstere Geheimnisse aus einer Zeit, die viele lieber vergessen würden. 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird in der österreichischen Hauptstadt ein bedeutendes Erinnerungsprojekt fortgesetzt. Im Rahmen von 'Der Gemeindebau in der NS-Zeit' bietet Wiener Wohnen kostenlose, geführte Stadtrundgänge an, die die Schicksale der während der NS-Zeit verfolgten Gemeindebaumieter beleuchten. Diese Touren, die zwischen April und Juni 2025 bereits 400 Teilnehmer angezogen haben, werden ab Ende August fortgesetzt.

Erinnerung an eine dunkle Vergangenheit

Die Geschichte der Gemeindebauten in Wien ist eng verknüpft mit dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit. Zwischen 1938 und 1945 wurden tausende jüdische Mieter systematisch aus ihren Wohnungen vertrieben. Diese Zwangsräumungen, auch Delogierungen genannt, waren Teil der nationalsozialistischen Politik der 'Arisierung', bei der jüdisches Eigentum beschlagnahmt und an nicht-jüdische Deutsche übertragen wurde.

Die Rundgänge sind nicht nur historische Führungen, sondern auch ein emotionales Erlebnis. Sie führen die Teilnehmer an authentische Orte, an denen die Geschichten der Verfolgten und Widerstandskämpfer lebendig werden. 'Mit den Rundgängen holen wir die Schicksale aus der Anonymität – dort, wo Menschen 1938 ihre Wohnungen verloren oder Widerstand leisteten. Geschichte wird so nicht nur erzählt, sondern erlebbar', erklärt die Journalistin und Buchautorin Evelyn Steinthaler, die die Rundgänge konzipiert hat.

Ein starkes Zeichen gegen das Vergessen

Die Initiative wird von Wiener Wohnen in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) organisiert. Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál betont die Wichtigkeit dieser Rundgänge: 'Unsere Stadt wurde vor 80 Jahren von der NS-Diktatur befreit. Nicht zuletzt die Freiheit, in der wir heute leben, verpflichtet uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte.'

Die Rundgänge sind Teil eines umfassenden Projekts, das auch wissenschaftliche Publikationen, Ausstellungen und digitale Formate umfasst. Ziel ist es, historische Verantwortung zu übernehmen und Wissen für kommende Generationen zu bewahren. Karin Ramser, Direktorin von Wiener Wohnen, erklärt: 'Hinter jedem Akteneintrag steht ein menschliches Schicksal. Es ist unsere Verantwortung, diese Geschichten sichtbar zu machen und die Erinnerung wachzuhalten.'

Die Rundgänge im Detail

Die Touren decken 11 Wiener Bezirke ab und bieten eine Vielzahl von Geschichten und Perspektiven. Hier sind einige der Highlights:

  • 1. Bezirk: Der Rundgang beginnt mit einem Gemeindebau, der während des Zweiten Weltkrieges fertiggestellt wurde, und erzählt von jüdischen Wienern, die delogiert wurden. Zudem wird die Geschichte der Widerstandskämpferin Irene Harand beleuchtet.
  • 2. Bezirk: Fokus auf die Deportationen und den Widerstand von Persönlichkeiten wie Robert Uhlir und Stella Klein-Löw.
  • 5. Bezirk: Schildert den kommunalen Wohnbau im nationalsozialistischen Wien und den Widerstand in den Gemeindebauten.
  • 7./8. Bezirk: Erinnert an den jungen Erich Lessing und seine Mutter Margit und untersucht das Schicksal 'arisierter' jüdischer Eigentümer nach 1945.
  • 10. Bezirk: Thematisiert die Verfolgung jüdischer Wiener und den antifaschistischen Widerstand.

Jeder Rundgang bietet eine einzigartige Perspektive auf die Geschichte Wiens und ist ein wichtiger Beitrag zur historischen Aufklärung.

Wie man teilnehmen kann

Die Teilnahme an den Rundgängen ist kostenlos, jedoch begrenzt auf 20 Personen pro Tour. Interessenten können sich über die Wiener Wohnen Service-Nummer oder online anmelden. Die Anmeldung muss spätestens eine Woche vor dem gewünschten Termin erfolgen.

Ein Blick in die Zukunft

Die Fortsetzung dieser Rundgänge ist ein wichtiger Schritt zur Bewahrung der Erinnerungskultur in Wien. Historiker warnen davor, dass das Vergessen dieser dunklen Kapitel der Geschichte zu einer Wiederholung führen könnte. 'Es ist entscheidend, dass wir die Geschichten der Vergangenheit lebendig halten, um die Fehler der Geschichte nicht zu wiederholen', so ein Experte auf dem Gebiet der Holocaustforschung.

Mit der Unterstützung von Wiener Wohnen und dem DÖW sollen die Rundgänge weiter ausgebaut und die Geschichten weiterer verfolgter Personen dokumentiert werden. Dies wird nicht nur das historische Verständnis der Stadtbewohner vertiefen, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung von Toleranz und Vielfalt in der heutigen Gesellschaft schärfen.

In einer Welt, die sich schnell verändert und in der die Erinnerungen an die Schrecken der Vergangenheit verblassen könnten, sind solche Projekte von unschätzbarem Wert. Sie erinnern uns daran, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind und dass wir alle eine Verantwortung tragen, für diese Werte einzustehen.

Weitere Informationen zu den Rundgängen und zur Anmeldung finden Sie auf der offiziellen Webseite von Wiener Wohnen unter nievergessen.wienerwohnen.at/stadtfuehrungen.

Schlagworte

#Erinnerung#Gemeindebau#Geschichte#NS-Zeit#Rundgänge#Widerstand#Wien

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