Die größte kommunale Wohnbaugesellschaft Österreichs steht vor einem Wendepunkt: Nach dem Abgang von Geschäftsführerin Karin Ramser bei Wiener Wohnen fordert die FPÖ Wien grundlegende Reformen und ...
Die größte kommunale Wohnbaugesellschaft Österreichs steht vor einem Wendepunkt: Nach dem Abgang von Geschäftsführerin Karin Ramser bei Wiener Wohnen fordert die FPÖ Wien grundlegende Reformen und eine drastische Senkung der Mieten. Mit einem Sanierungsstau von zehn Milliarden Euro und 500.000 betroffenen Bewohnern steht die Zukunft des Wiener Gemeindebaus auf dem Spiel. FPÖ-Stadtrat Dominik Nepp macht deutlich: "Wiener Wohnen braucht endlich eine kompetente, durchsetzungsstarke Spitze."
Die Dimension der Probleme bei Wiener Wohnen ist erschreckend: Laut dem Rechnungshofbericht "Wohnbau in Wien" weisen drei Viertel aller rund 220.000 Gemeindewohnungen Sanierungsbedarf auf. Das entspricht etwa 165.000 Wohnungen, in denen Menschen unter teilweise prekären Bedingungen leben müssen. Der aufgelaufene Sanierungsstau von zehn Milliarden Euro zeigt das Ausmaß der Versäumnisse der vergangenen Jahre.
Wiener Wohnen ist als kommunale Wohnbaugesellschaft der Stadt Wien der größte Vermieter Österreichs und verwaltet den gesamten Gemeindebau der Hauptstadt. Die Gesellschaft ist für das Wohnen von rund 500.000 Menschen verantwortlich – das entspricht etwa einem Viertel der Wiener Bevölkerung. Diese massive Verantwortung macht deutlich, warum Reformen bei Wiener Wohnen nicht nur wohnungspolitische, sondern auch sozialpolitische Tragweite haben.
Sanierungsbedarf bei Gemeindewohnungen umfasst verschiedene Bereiche: Von der Modernisierung veralteter Heizungsanlagen über die Sanierung von Badezimmern und Küchen bis hin zur thermischen Sanierung der Außenfassaden. Viele Wiener Gemeindebauten stammen aus den 1960er und 1970er Jahren und entsprechen nicht mehr heutigen Wohn- und Energiestandards. Problematisch sind oft auch veraltete Wasserleitungen, undichte Fenster und mangelhafte Isolierung, die zu hohen Heizkosten für die Mieter führen.
Ein zentraler Kritikpunkt der FPÖ richtet sich gegen die Mietpreisgestaltung im Wiener Gemeindebau. Die Forderung nach einer "Mietensenkung auf genossenschaftliches Niveau" zielt auf eine strukturelle Reform der Preispolitik ab. Während Gemeindebaumieten in Wien derzeit zwischen 5,50 und 8,50 Euro pro Quadratmeter liegen, bewegen sich genossenschaftliche Mieten oft im Bereich von 4,50 bis 6,50 Euro pro Quadratmeter.
Genossenschaften sind gemeinnützige Wohnbauträger, die nach dem Prinzip der Kostenmiete wirtschaften. Das bedeutet, sie dürfen nur jene Kosten auf die Mieter umlegen, die tatsächlich für Erhaltung, Verwaltung und Finanzierung der Wohnungen anfallen. Gewinne sind nicht gestattet. Dieses System führt zu niedrigeren Mieten, da keine Gewinnaufschläge kalkuliert werden müssen.
Der Wiener Gemeindebau hat eine über 100-jährige Geschichte und gilt international als Vorbild für sozialen Wohnbau. Bereits in den 1920er Jahren begann Wien unter Bürgermeister Karl Seitz mit dem systematischen Bau von Arbeiterwohnungen. Das berühmte "Rote Wien" schuf Wohnanlagen wie den Karl-Marx-Hof, der mit 5.000 Wohnungen lange Zeit als größte zusammenhängende Wohnanlage der Welt galt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Gemeindebau massiv ausgebaut. In den 1960er und 1970er Jahren entstanden große Wohnsiedlungen am Stadtrand, die heute den Großteil des Sanierungsbedarfs ausmachen. Die Wohnbaupolitik dieser Zeit setzte auf Quantität vor Qualität – ein Erbe, das heute zu den enormen Sanierungskosten führt.
Wiener Wohnen entstand 2002 als Nachfolgeorganisation der Gemeinde Wien Wohnhäuser-Verwaltung und ist seither als städtische Gesellschaft für die Verwaltung des gesamten Gemeindebaus zuständig. Die Gesellschaft beschäftigt rund 2.000 Mitarbeiter und verwaltet ein Immobilienvermögen von geschätzten 15 Milliarden Euro.
Im Vergleich zu anderen österreichischen Bundesländern nimmt Wien eine Sonderstellung ein. Während der Anteil des sozialen Wohnbaus in anderen Bundesländern zwischen 10 und 25 Prozent liegt, beträgt er in Wien etwa 60 Prozent. Diese hohe Quote macht Wien zu einer der Städte mit dem größten sozialen Wohnungsbestand weltweit.
In Salzburg und Innsbruck sind die Mieten im geförderten Wohnbau teilweise niedriger als in Wien, allerdings ist das Angebot deutlich geringer. Graz hat einen Gemeindebauanteil von etwa 15 Prozent und setzt stärker auf genossenschaftlichen Wohnbau. Die steirische Landeshauptstadt gilt als Vorbild für die Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und Genossenschaften.
Im Vergleich zu deutschen Großstädten ist die Wiener Situation paradox: Während Berlin, München oder Hamburg mit explodierenden Mietpreisen und einem dramatischen Mangel an bezahlbarem Wohnraum kämpfen, verfügt Wien über einen riesigen Bestand an günstigem Wohnraum. Dennoch sind die Sanierungskosten in Wien ein Problem, das auch deutsche Städte mit ihren Sozialwohnungen der Nachkriegszeit kennen.
In den Niederlanden, wo etwa 30 Prozent aller Wohnungen im sozialen Sektor sind, wurden ähnliche Sanierungsprogramme bereits erfolgreich umgesetzt. Amsterdam investierte zwischen 2010 und 2020 über fünf Milliarden Euro in die Modernisierung des sozialen Wohnbaus und konnte dabei die Mieten stabil halten.
Für die 500.000 Bewohner von Wiener Gemeindewohnungen haben die strukturellen Probleme direkte Alltagsauswirkungen. Familie Müller aus dem 10. Bezirk beispielsweise lebt seit zehn Jahren in einer 80-Quadratmeter-Wohnung und zahlt monatlich 520 Euro Miete plus 150 Euro Betriebskosten. Ihre Heizkosten sind aufgrund der schlechten Isolierung überdurchschnittlich hoch, und sie warten seit drei Jahren auf die versprochene Badsanierung.
Besonders betroffen sind ältere Menschen und Familien mit geringem Einkommen. Während die Mieten kontinuierlich steigen, bleiben die Wohnungen oft in schlechtem Zustand. Schimmelprobleme, undichte Fenster und veraltete Heizungen sind keine Seltenheit. Eine Studie der Arbeiterkammer Wien aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 35 Prozent der Gemeindebau-Bewohner mit der Wohnqualität unzufrieden sind.
Der Sanierungsstau von zehn Milliarden Euro hat auch gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Energieeffiziente Wohnungen würden die Heizkosten der Mieter deutlich senken und gleichzeitig einen Beitrag zu den Wiener Klimazielen leisten. Eine thermische Sanierung kann die Heizkosten um 30 bis 50 Prozent reduzieren – bei 220.000 Wohnungen entspricht das einem enormen Einsparpotenzial.
Zudem bindet der schlechte Zustand vieler Wohnungen Kapital, das produktiver eingesetzt werden könnte. Leerstand aufgrund von Sanierungsbedarf reduziert die Einnahmen von Wiener Wohnen und verschärft gleichzeitig die Wohnungsknappheit in der wachsenden Stadt.
Die FPÖ Wien fordert eine grundlegende Reform der Führungsstrukturen bei Wiener Wohnen. Nach dem Abgang von Geschäftsführerin Karin Ramser soll eine "kompetente, durchsetzungsstarke Spitze" die anstehenden Herausforderungen bewältigen. Konkret verlangt die Partei eine Mietensenkung auf genossenschaftliches Niveau und eine beschleunigte Abarbeitung des Sanierungsstaus.
Andere politische Kräfte haben unterschiedliche Ansätze: Die SPÖ Wien setzt auf einen massiven Investitionsschub durch öffentliche Mittel und EU-Förderprogramme. Die Grünen fordern vorrangig ökologische Sanierungen zur Erreichung der Klimaziele. Die ÖVP Wien plädiert für eine stärkere Einbindung privater Investoren und eine Teilprivatisierung der Sanierungsarbeiten.
Die Finanzierung der zehn Milliarden Euro teuren Sanierung ist eine der größten Herausforderungen. Verschiedene Modelle stehen zur Diskussion: Eine Kreditfinanzierung über die Stadt Wien würde die Schuldenlast der Gemeinde erhöhen, könnte aber durch niedrige Zinsen kostengünstig umgesetzt werden. EU-Förderungen im Rahmen des Green Deals könnten bis zu 30 Prozent der Kosten abdecken, erfordern aber die Einhaltung strenger ökologischer Standards.
Ein drittes Modell sieht eine Mischfinanzierung durch öffentliche Mittel, EU-Förderungen und Mieteinnahmen vor. Dabei würden die Sanierungskosten über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren durch moderate Mieterhöhungen refinanziert. Kritiker wenden ein, dass dies das Prinzip des sozialen Wohnbaus untergraben könnte.
Die nächsten Jahre werden entscheidend für die Zukunft des Wiener Gemeindebaus sein. Experten schätzen, dass bei konsequenter Umsetzung eines Sanierungsprogramms der Rückstau bis 2035 weitgehend abgearbeitet werden könnte. Dies würde jährliche Investitionen von 800 Millionen bis einer Milliarde Euro erfordern – das Dreifache der derzeitigen Ausgaben.
Gleichzeitig muss Wien auf den demografischen Wandel reagieren: Bis 2030 werden etwa 100.000 zusätzliche Einwohner erwartet, was den Bedarf an leistbarem Wohnraum weiter erhöht. Neue Technologien wie Smart-Home-Systeme und digitale Verwaltung könnten dabei helfen, Kosten zu senken und die Wohnqualität zu verbessern.
Die Integration von Nachhaltigkeitskriterien wird ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Photovoltaik-Anlagen auf Gemeindebau-Dächern, Begrünung von Fassaden und der Einsatz erneuerbarer Energien könnten Wien zum internationalen Vorbild für nachhaltigen sozialen Wohnbau machen. Die Stadt hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu werden – der Gemeindebau als größter Energieverbraucher spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Die politische Diskussion um Wiener Wohnen zeigt exemplarisch die Herausforderungen des sozialen Wohnbaus in Europa. Wien steht vor der Aufgabe, sein historisches Erbe zu bewahren und gleichzeitig für die Zukunft zu modernisieren. Die Entscheidungen der kommenden Monate werden darüber entscheiden, ob Wien seine Vorreiterrolle beim leistbaren Wohnen behält oder ob der Sanierungsstau zur sozialen Zeitbombe wird. Eines ist sicher: Die 500.000 Bewohner des Gemeindebaus haben eine Reform verdient, die ihre Lebensqualität nachhaltig verbessert.