In einer Zeit, in der die Gesellschaft oft über die Herausforderungen des demografischen Wandels diskutiert, setzen die Wiener Senior*innen ein starkes Zeichen für Kreativität und Lebensfreude. Der...
In einer Zeit, in der die Gesellschaft oft über die Herausforderungen des demografischen Wandels diskutiert, setzen die Wiener Senior*innen ein starkes Zeichen für Kreativität und Lebensfreude. Der zweite Literatur-Contest der Häuser zum Leben, der sich dem zeitlosen Thema der Liebe widmete, fand am 15. Januar 2026 mit einer feierlichen Preisverleihung im Haus Wieden seinen krönenden Abschluss. Die Veranstaltung unterstrich eindrucksvoll, dass literarische Begabung und künstlerisches Schaffen keine Altersgrenzen kennen.
Der Begriff "Silver Literature" bezeichnet eine literarische Bewegung, bei der Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter ihre jahrzehntelange Erfahrung in künstlerische Werke einfließen lassen. Diese Form der Literatur zeichnet sich durch ihre besondere Authentizität und emotionale Tiefe aus, da die Autor*innen auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. In Österreich entwickelt sich dieser Trend seit einigen Jahren zu einem bedeutenden kulturellen Phänomen.
Der Literatur-Contest der Häuser zum Leben, der Menschen ab 60 Jahren zur Teilnahme einlädt, ist Teil einer breiteren gesellschaftlichen Bewegung. Bereits im Dezember 2025 waren literarisch begabte Senior*innen aufgerufen worden, Geschichten, Texte oder Gedichte zum Thema Liebe einzureichen. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen und spiegelt einen Trend wider, der auch in anderen deutschsprachigen Ländern zu beobachten ist.
Die Würdigung literarischer Werke älterer Menschen hat in Österreich eine lange Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Bereits Adalbert Stifter schuf seine bedeutendsten Werke im fortgeschrittenen Alter, und auch Marie von Ebner-Eschenbach erreichte ihren literarischen Höhepunkt erst nach dem 50. Lebensjahr. Diese historischen Vorbilder zeigen, dass die Verbindung von Lebenserfahrung und literarischem Schaffen in der österreichischen Kulturlandschaft tief verwurzelt ist.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich jedoch eine neue Dimension entwickelt. Während früher vorwiegend bereits etablierte Autor*innen auch im Alter publizierten, entdecken heute viele Menschen erst nach dem Eintritt in die Pension ihre literarische Begabung. Diese Entwicklung wird durch verschiedene gesellschaftliche Faktoren begünstigt: die gestiegene Lebenserwartung, ein höheres Bildungsniveau der Senior*innen und nicht zuletzt die zunehmende gesellschaftliche Anerkennung für die Potentiale des Alters.
Christian Hennefeind, Geschäftsführer der Häuser zum Leben, betonte bei der Preisverleihung die besondere Qualität der eingereichten Werke: "Unter dem Motto 'Texte über die Liebe' macht der diesjährige Literatur-Contest der Häuser zum Leben erneut vor allem eines sichtbar: die Talente und die kreative Kraft der Wiener Senior*innen." Diese Aussage unterstreicht die wachsende Bedeutung, die der literarischen Betätigung im Alter beigemessen wird.
Die Themenvielfalt der eingereichten Texte war beeindruckend und reichte von nostalgischen Erinnerungen an die erste große Verliebtheit über bewegende Erzählungen jahrzehntelanger Partnerschaften bis hin zu späten Romanzen und poetischen Reflexionen über Freundschaft und Selbstliebe. Besonders bemerkenswert waren auch die zahlreichen liebevollen Texte über das Leben in den Häusern selbst – kleine Momentaufnahmen, die das Gemeinschaftsgefühl und die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Einrichtungen widerspiegeln.
Das kreative Schreiben hat für Senior*innen eine besondere therapeutische und soziale Bedeutung. Psycholog*innen sprechen von der "narrativen Identität" – der Fähigkeit des Menschen, sein Leben in kohärente Geschichten zu fassen. Für ältere Menschen wird diese Fähigkeit besonders wichtig, da sie dabei hilft, die verschiedenen Lebensphasen zu integrieren und Sinn zu stiften. Der Literatur-Contest bietet den Teilnehmer*innen eine Plattform, ihre Lebenserfahrungen zu reflektieren und zu teilen.
Hennefeind ergänzte: "Wenn Alltagsmomente literarisch eingefangen werden, entstehen berührende, manchmal augenzwinkernde Einblicke in das Leben in unseren Häusern. Diese Texte sind voller Wärme, Herzlichkeit und Lebensfreude – und genau das spürt man in jeder Zeile." Diese Beobachtung bestätigt wissenschaftliche Erkenntnisse über die positive Wirkung des kreativen Schreibens auf das psychische Wohlbefinden älterer Menschen.
Ein besonderes Highlight der diesjährigen Preisverleihung war die Tatsache, dass gleich zwei Autorinnen aufgrund identischer Punktzahl als Gesamtsiegerinnen ausgezeichnet wurden. Traude Veran, Bewohnerin des Hauses Wieden und Mitinitiatorin des ersten Literatur-Contests, berührte die Jury mit ihrem Gedicht "Philemon und Baucis". Der Titel bezieht sich auf die griechische Mythologie, in der das alte Ehepaar Philemon und Baucis für ihre Gastfreundschaft und Treue belohnt wird und gemeinsam als Bäume weiterleben darf – ein Symbol für die Ewigkeit der Liebe.
Die zweite Siegerin, Karin Leroch, überzeugte mit ihrer Kurzgeschichte "Der Eindringling", einer feinfühligen Erzählung über Trauerarbeit und einen mysteriösen Besucher, der eine Wohnung voller Erinnerungen zum Leben erweckt. Diese Geschichte behandelt ein Thema, das für viele Senior*innen von großer Relevanz ist – den Umgang mit Verlust und die Kraft der Erinnerung.
Ilse Kilic, Jury-Sprecherin und Präsidentin der Grazer Autor*innen-Versammlung, zeigte sich beeindruckt von der Qualität der Einreichungen: "Ich habe die Texte mit Neugier und Freude gelesen. Manchmal habe ich gelächelt, manchmal wurde ich nachdenklich oder auch traurig. Die vielfältige und zugleich jeweils einzigartige Umgangsweise mit dem Thema Liebe zeigt, dass sowohl die Liebe als auch das künstlerische Schaffen keine Altersgrenzen kennen."
Diese professionelle Einschätzung einer etablierten Literaturexpertin verleiht dem Contest zusätzliche Glaubwürdigkeit und zeigt, dass es sich nicht um eine reine Beschäftigungstherapie handelt, sondern um ernstzunehmende literarische Arbeit. Die Tatsache, dass eine Jury aus fünf Fachleuten die Bewertung vornahm, unterstreicht den professionellen Anspruch der Veranstaltung.
Der Literatur-Contest der Häuser zum Leben ist ein bemerkenswertes Beispiel für partizipative Kulturarbeit. Entstanden aus einer Initiative des Teams und der Bewohner*innen des Hauses Wieden rund um die Psychologin und Schriftstellerin Traude Veran, zeigt das Projekt, wie Bottom-up-Initiativen in sozialen Einrichtungen zu bedeutenden kulturellen Ereignissen werden können.
Veran, die heuer selbst wieder zur Feder griff, beschreibt ihre Motivation so: "Dieses Jahr musste ich mich einfach selbst wieder mit Stift und Papier zum Tisch setzen." Diese spontane Begeisterung ist charakteristisch für das Projekt und zeigt, wie ansteckend die Freude am literarischen Schaffen sein kann. Armin Cehic, Direktor des Hauses Wieden, bestätigt diese Beobachtung: "Die Kreativität und Ausdruckskraft unserer Bewohner*innen faszinieren mich jedes Jahr aufs Neue. Der Literatur-Contest zeigt, wie viel Talent und Lebenserfahrung allein in unserem Haus stecken."
Ähnliche Literatur-Contests für Senior*innen gibt es auch in Deutschland und der Schweiz, jedoch ist der Wiener Contest durch seine enge Verbindung zu den Wohneinrichtungen und die professionelle Betreuung durch die Häuser zum Leben besonders innovativ. In Deutschland organisiert beispielsweise das Kuratorium Deutsche Altershilfe regelmäßig Schreibwettbewerbe, während in der Schweiz die Pro Senectute entsprechende Programme anbietet. Der Wiener Ansatz zeichnet sich jedoch durch seine Nachhaltigkeit und die Integration in die Alltagskultur der Einrichtungen aus.
Der Literatur-Contest hat weit über die unmittelbaren Teilnehmer*innen hinaus positive Auswirkungen. Für die Bewohner*innen der Häuser zum Leben bedeutet die literarische Betätigung nicht nur eine sinnvolle Beschäftigung, sondern auch eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe und Anerkennung. Wenn ihre Texte von professionellen Schauspieler*innen wie Susi Stach und Karl Fischer vorgetragen werden, erfahren sie eine Wertschätzung, die über das rein Therapeutische hinausgeht.
Die psychosozialen Effekte des kreativen Schreibens sind vielfältig: Es fördert die kognitive Aktivität, stärkt das Selbstwertgefühl und schafft soziale Verbindungen. Gleichzeitig trägt es zur Entstigmatisierung des Alters bei und zeigt der Gesellschaft, dass Senior*innen nicht nur Empfänger*innen von Betreuungsleistungen sind, sondern aktive kulturelle Akteur*innen.
Der Literatur-Contest ist auch ein Beispiel für die sogenannte "Silver Economy" – einen Wirtschaftsbereich, der sich auf die Bedürfnisse und Potentiale älterer Menschen konzentriert. In Österreich wird diese Zielgruppe zunehmend als wichtiger Wirtschaftsfaktor erkannt. Laut Statistik Austria leben in Wien bereits über 370.000 Menschen im Alter von 60 Jahren und älter – eine Zahl, die kontinuierlich steigt und einen wachsenden Markt für altersgerechte Kulturangebote darstellt.
Die Zukunft des Literatur-Contests der Häuser zum Leben sieht vielversprechend aus. Die positive Resonanz und die hohe Qualität der eingereichten Texte sprechen für eine Fortsetzung und möglicherweise sogar eine Ausweitung des Formats. Denkbar wäre beispielsweise die Integration digitaler Medien, um auch technikaffine Senior*innen zu erreichen, oder die Zusammenarbeit mit Schulen für generationenübergreifende Projekte.
Die Veröffentlichung der Sieger*innentexte in der Sonderausgabe der Senior*innenzeitung TRARA, die ab Mitte April auch online verfügbar ist, zeigt bereits den Weg in die digitale Zukunft. Durch die Online-Verfügbarkeit können die Texte auch von Familienmitgliedern und Freund*innen außerhalb Wiens gelesen werden, was die Reichweite und gesellschaftliche Wirkung des Contests erhöht.
Der Österreichische Vorlesetag am 26. März 2026 wird zu einem besonderen kulturellen Ereignis, wenn die Sieger*innentexte an fünf verschiedenen Standorten der Häuser zum Leben und der Pensionist*innenklubs vorgelesen werden. Neben Susi Stach werden die Autor*innen Marie-Theres Arnbom, Patricia Brooks und Kornelius Taxenbach sowie Daniel Landau die Texte zum Leben erwecken. Diese prominente Besetzung unterstreicht die Wertschätzung, die den literarischen Arbeiten der Senior*innen entgegengebracht wird.
Die Häuser zum Leben, als größter Anbieter von Senior*innenbetreuung in Österreich mit 30 Pensionist*innen-Wohnhäusern in 21 Wiener Gemeindebezirken, setzen mit diesem Contest ein starkes Zeichen für eine neue Kultur des Alterns. Sie zeigen, dass Betreuung und Pflege weit über die medizinische Versorgung hinausgehen und kulturelle Bildung und kreative Entfaltung wesentliche Komponenten eines erfüllten Lebens im Alter sind.