Die Realität für junge Menschen in Wien wird immer härter: Seit Jahresbeginn müssen Studierende bis zu 100 Prozent mehr für ihre Öffi-Tickets zahlen, während die Neuvertragsmieten bei privaten Wohn...
Die Realität für junge Menschen in Wien wird immer härter: Seit Jahresbeginn müssen Studierende bis zu 100 Prozent mehr für ihre Öffi-Tickets zahlen, während die Neuvertragsmieten bei privaten Wohnungen von 8,50 auf fast 14 Euro pro Quadratmeter explodiert sind. Gleichzeitig steigt die Jugendarbeitslosigkeit kontinuierlich an – derzeit sind 13.109 Menschen unter 25 ohne Job. Die Grünen Wien haben nun ein 4-Punkte-Programm präsentiert, um der prekären Situation entgegenzuwirken.
Die drastische Preiserhöhung bei den öffentlichen Verkehrsmitteln trifft junge Menschen besonders hart. Das Semesterticket, das bis 31. Januar 2025 noch verfügbar war, bot Studierenden eine kostengünstige Mobilitätslösung. Ohne diese Option wird der tägliche Weg zur Universität, zur Lehrstelle oder zu Freizeitaktivitäten zu einer erheblichen finanziellen Belastung.
Um diese Entwicklung in den historischen Kontext zu setzen: Wien galt jahrzehntelang als Vorreiter bei leistbaren öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Wiener Linien führten bereits in den 1990er Jahren verschiedene Ermäßigungen für Jugendliche und Studierende ein, um Bildung und Mobilität zu fördern. Die aktuelle Preispolitik stellt einen Bruch mit dieser sozialen Tradition dar.
Im bundesweiten Vergleich zeigt sich, dass Wien trotz der Preiserhöhungen noch immer günstigere Tarife bietet als viele andere Landeshauptstädte. In Salzburg kostet eine Jahreskarte für Studierende beispielsweise 216 Euro, in Innsbruck sind es 198 Euro. Dennoch ist die prozentuale Steigerung in Wien besonders dramatisch, da sie innerhalb kürzester Zeit erfolgte.
Der Anstieg der Neuvertragsmieten von 8,50 auf fast 14 Euro pro Quadratmeter bei privaten Wohnungen bedeutet eine Steigerung von über 60 Prozent. Für junge Menschen, die oft über begrenzte finanzielle Mittel verfügen, wird dadurch der Zugang zu eigenständigem Wohnraum nahezu unmöglich.
Eine beispielhafte Rechnung verdeutlicht die Dramatik: Eine 40-Quadratmeter-Wohnung, die früher 340 Euro Miete kostete, schlägt nun mit 560 Euro zu Buche – eine monatliche Mehrbelastung von 220 Euro. Bei einem durchschnittlichen Lehrlingseinkommen von etwa 700 Euro netto würde allein die Miete 80 Prozent des verfügbaren Einkommens verschlingen.
Der Wiener Gemeindebau, ein seit den 1920er Jahren gewachsenes System sozialen Wohnbaus, bietet theoretisch eine Alternative zu den hohen Privatmieten. Allerdings bestehen strikte Zugangsvoraussetzungen: Bewerber müssen mindestens zwei Jahre ihren Hauptwohnsitz in Wien haben und dürfen bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschreiten. Für junge Menschen, die für Ausbildung oder Studium nach Wien ziehen, bleiben diese Wohnungen oft unzugänglich.
Die Zahlen am Wiener Arbeitsmarkt für junge Menschen sind alarmierend: 13.109 Menschen unter 25 Jahren sind derzeit arbeitslos, die Zahl der Lehrstellensuchenden stieg um 11,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders dramatisch zeigt sich die Situation bei den städtischen Lehrstellen: Von 10.500 Bewerbungen werden lediglich 230 Plätze vergeben – eine Erfolgsquote von nur 2,2 Prozent.
Die Teilzeitquote von 42 Prozent bei den 16- bis 30-Jährigen in Wien liegt deutlich über dem österreichischen Durchschnitt von 28 Prozent. Diese Entwicklung führt nicht nur zu geringeren Einkommen, sondern auch zu unsicheren Pensionsansprüchen und erschwert die Lebensplanung junger Menschen erheblich.
Besonders prekär ist die Situation für junge Menschen mit Behinderungen oder besonderen Bedürfnissen. Die Stadt Wien bildet derzeit nur neun Jugendliche mit Inklusionsbedarf als Lehrlinge aus – ein verschwindend geringer Anteil angesichts des Bedarfs. Diese Zahl verdeutlicht die mangelnde Inklusion am Arbeitsmarkt und die fehlenden Perspektiven für eine bereits benachteiligte Gruppe.
Der YEP-Jugendbericht "Mentale Gesundheit" aus dem Jahr 2025 offenbart besorgniserregende Entwicklungen: 63 Prozent der befragten Jugendlichen geben an, dass es ihnen aktuell nicht gut geht. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) fühlt sich nicht ernst genommen, wenn sie über mentale Gesundheit sprechen. Gleichzeitig ist für 81 Prozent das Gefühl der Zugehörigkeit zentral für ihr Wohlbefinden.
Diese Zahlen spiegeln einen gesellschaftlichen Wandel wider: Während frühere Generationen oft von einem klaren Aufstiegsversprechen profitieren konnten – Bildung, harte Arbeit und schließlich Wohlstand –, sehen sich junge Menschen heute mit einer Vielzahl von Krisen konfrontiert, ohne dass politische Lösungen in Sicht wären.
Das Thema Einsamkeit unter jungen Menschen hat durch die COVID-19-Pandemie zusätzliche Brisanz erhalten. Soziale Kontakte wurden eingeschränkt, Freizeitaktivitäten reduziert und viele gewohnte Strukturen aufgebrochen. Die finanziellen Belastungen durch hohe Wohn- und Mobilitätskosten verstärken diese Isolation zusätzlich, da weniger Geld für soziale Aktivitäten zur Verfügung steht.
Als Reaktion auf diese vielschichtigen Probleme haben die Grünen Wien unter der Führung von Parteivorsitzender Judith Pühringer und Jugendsprecher Theo Löcker ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt.
Das vorgeschlagene Jugendticket für alle unter 26 Jahren zum Preis von 79 Euro jährlich würde eine dramatische Kostenreduktion bedeuten. Im Vergleich zu den aktuellen Preisen, die sich nach der Streichung des Semestertickets verdoppelt haben, würde dies eine Rückkehr zu sozial verträglichen Tarifen darstellen.
Der vorgeschlagene Wohnungskautionsfonds könnte eine wichtige Einstiegshürde beseitigen. Typischerweise verlangen Vermieter zwei bis drei Monatsmieten als Kaution, was bei einer 560-Euro-Wohnung bis zu 1.680 Euro bedeutet – eine Summe, die viele junge Menschen nicht aufbringen können.
Die Öffnung des Gemeindebaus für unter 30-Jährige in Ausbildung würde einem historischen Präzedenzfall folgen: Bereits in den 1920er Jahren war der Wiener Gemeindebau als soziale Innovation gedacht, um allen Bevölkerungsschichten leistbaren Wohnraum zu bieten.
Die Forderung nach mehr Lehrstellen in klimasozialen Berufen entspricht den aktuellen Anforderungen der Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft. Bereiche wie erneuerbare Energien, öffentlicher Verkehr oder Gebäudesanierung bieten langfristige Perspektiven und gleichzeitig gesellschaftlichen Nutzen.
Der vorgeschlagene Ausbildungsfonds nach deutschem Vorbild könnte die Finanzierungslast auf alle Unternehmen verteilen und Anreize für mehr betriebliche Ausbildungsplätze schaffen.
Das "Vibecheck Demokratie"-Programm verbindet Mental Health mit politischer Bildung – ein innovativer Ansatz, der junge Menschen direkt in demokratische Prozesse einbindet. Das "DASGYM-BUDDIES"-Programm adressiert eine praktische Hürde: Viele Jugendliche scheuen den Einstieg in Fitnessstudios aufgrund mangelnder Erfahrung oder sozialer Ängste.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden erhebliche finanzielle Mittel erfordern. Ein Jugendticket um 79 Euro jährlich würde bei geschätzten 200.000 potenziellen Nutzern etwa 184 Millionen Euro an Mindereinnahmen bedeuten, wenn man von aktuellen Vollpreisen ausgeht. Die Stadt Wien müsste diese Ausfälle kompensieren oder alternative Finanzierungsmodelle entwickeln.
Der Wohnungskautionsfonds würde zunächst hohe Anfangsinvestitionen erfordern, könnte sich aber langfristig selbst finanzieren, da Kautionen in der Regel zurückgezahlt werden.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden unterschiedliche Gruppen junger Menschen in verschiedenem Ausmaß betreffen. Studierende würden besonders von den günstigen Öffi-Tickets und der Wohnbeihilfe profitieren. Lehrlinge könnten von mehr Ausbildungsplätzen und besseren Arbeitsbedingungen profitieren. Junge Menschen mit Migrationshintergrund würden durch die Erweiterung des Jugendcolleges gezielt unterstützt.
Im europäischen Vergleich zeigen sich unterschiedliche Ansätze zur Unterstützung junger Menschen. Deutschland hat mit dem Deutschland-Ticket für 49 Euro monatlich einen nationalen Ansatz gewählt, während Frankreich mit dem "Pass Navigo Jeunes" spezielle Jugendtarife anbietet. Die Schweiz setzt auf kantonal unterschiedliche Lösungen, wobei Basel-Stadt ähnliche Modelle wie das vorgeschlagene Wiener Jugendticket verfolgt.
Die demografische Entwicklung Wiens zeigt einen kontinuierlichen Zuzug junger Menschen, gleichzeitig aber auch eine Abwanderung, wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern. Eine Stadt, die ihre jungen Einwohner nicht halten kann, verliert langfristig an Innovationskraft und wirtschaftlicher Dynamik.
Die psychischen Belastungen junger Menschen können sich, unbehandelt, zu langfristigen gesellschaftlichen Problemen entwickeln. Studien zeigen, dass frühzeitige Intervention und Unterstützung nicht nur individuelle Lebensqualität verbessert, sondern auch volkswirtschaftliche Kosten reduziert.
Die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen würde politische Mehrheiten im Wiener Gemeinderat erfordern. Als Oppositionspartei müssen die Grünen andere Fraktionen von ihren Vorschlägen überzeugen oder alternative Wege der Implementierung finden.
Die zeitliche Dringlichkeit ist evident: Mit jedem Monat, der vergeht, verschärft sich die Situation für junge Menschen weiter. Der Bewerbungsschluss für Herbst-Lehrstellen rückt näher, die Wohnungssuche wird für das kommende Semester immer drängender.
Die vorgestellten Maßnahmen adressieren reale und drängende Probleme junger Wiener. Ob und in welcher Form sie umgesetzt werden, wird maßgeblich darüber entscheiden, ob Wien seine Position als lebenswerte Stadt für alle Generationen behaupten kann. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Politik bereit ist, den Herausforderungen mit konkreten Taten zu begegnen oder ob die Sorgen der Jugend weiterhin ungehört bleiben.