Für alkoholkranke Menschen in Wien hat sich die Situation dramatisch verschlechtert: Seit Jahresbeginn 2025 erhalten Betroffene nur noch eine einmonatige stationäre Behandlung – zuvor waren es zwei...
Für alkoholkranke Menschen in Wien hat sich die Situation dramatisch verschlechtert: Seit Jahresbeginn 2025 erhalten Betroffene nur noch eine einmonatige stationäre Behandlung – zuvor waren es zwei bis drei Monate. Der Grund liegt im Ausstieg der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) aus dem Pilotprojekt "Alkohol. Leben können", das über zehn Jahre als Vorzeigemodell galt. Die Grünen Wien sprechen von einer "Zweiklassenmedizin" und fordern sofortiges Handeln von der Stadt Wien.
Alkoholsucht, medizinisch als Alkoholabhängigkeit bezeichnet, ist eine chronische Erkrankung des Gehirns, die durch zwanghaften Alkoholkonsum trotz negativer Folgen charakterisiert ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert sie als ernsthafte Krankheit, die körperliche, psychische und soziale Auswirkungen hat. Bei der stationären Alkoholtherapie durchlaufen Patient:innen verschiedene Phasen: Zunächst erfolgt die körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht, die etwa eine Woche dauert. Anschließend folgt die eigentliche Rehabilitation mit Psychotherapie, Gruppentherapie und Rückfallprävention. Medizinische Studien zeigen eindeutig, dass längere Behandlungszeiten die Erfolgsquote deutlich erhöhen. Während bei einmonatiger Behandlung nur etwa 30 Prozent der Patient:innen langfristig abstinent bleiben, steigt diese Quote bei zwei- bis dreimonatiger Therapie auf bis zu 60 Prozent.
Das Pilotprojekt "Alkohol. Leben können" wurde gemeinsam von der Stadt Wien, der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und der Pensionsversicherungsanstalt finanziert. Über zehn Jahre hinweg galt es als österreichweites Vorzeigemodell für die Behandlung alkoholkranker Menschen. Die Besonderheit lag in der integrierten Versorgung: Patient:innen erhielten nicht nur die medizinische Behandlung, sondern auch umfassende soziale und berufliche Rehabilitation. Barbara Huemer, Gesundheitssprecherin der Grünen Wien, kritisiert scharf: "Wir erleben hier eine Zweiklassenmedizin im Bereich des stationären Alkoholentzugs. Während für Niederösterreicher:innen weiterhin acht bis zwölf Wochen finanziert werden, sind es für Wiener:innen nur noch vier Wochen. Das ist medizinisch falsch und sozial ungerecht."
Die Pensionsversicherungsanstalt begründet ihren Ausstieg mit strukturellen Veränderungen in der Finanzierung von Rehabilitationsmaßnahmen. Bereits 2023 hatte die PVA ihren Ausstieg für Ende 2025 angekündigt. In dieser Zeit von fast zwei Jahren wurde jedoch keine tragfähige Nachfolgelösung entwickelt. Huemer zeigt sich unverständlich: "Warum in dieser Zeit kein tragfähiges Nachfolgemodell verhandelt wurde, ist völlig unklar. Eine mögliche bundesweite Lösung im Jahr 2027 kommt jedenfalls viel zu spät und ist Ausdruck politischen Versagens auf allen Ebenen."
Ein Blick auf andere österreichische Bundesländer verdeutlicht die problematische Situation in Wien. In Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark können alkoholkranke Patient:innen weiterhin acht bis zwölf Wochen stationäre Behandlung in Anspruch nehmen. Diese längere Behandlungsdauer entspricht internationalen medizinischen Standards und den Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Suchtmedizin. In Deutschland beispielsweise beträgt die Standardbehandlungsdauer für Alkoholabhängigkeit zwischen acht und sechzehn Wochen, in der Schweiz sogar bis zu sechs Monate. Die Schweizer Erfolgsquote liegt bei über 70 Prozent langfristiger Abstinenz, was die Bedeutung ausreichender Behandlungszeit unterstreicht.
Das Anton Proksch Institut in Wien-Liesing ist eine der größten und renommiertesten Suchtkliniken Europas. Die Einrichtung wurde 1956 gegründet und nach dem österreichischen Arzt Anton Proksch benannt, der als Pionier der Alkoholismusbehandlung gilt. In den vergangenen Jahren investierte das Institut massiv in Modernisierung und Therapieausbau. Neue Behandlungsmethoden wie die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) für besonders schwere Fälle wurden eingeführt, die Ausstattung auf neuesten medizinischen Standard gebracht und das Personal entsprechend geschult. Diese Investitionen führten zu Kreditkosten, die nun durch die reduzierten Einnahmen nicht mehr gedeckt werden können.
Die finanziellen Probleme haben bereits konkrete Auswirkungen: Mehr als 30 Mitarbeiter:innen wurden bereits gekündigt, weitere Fachkräfte verlassen die Einrichtung aufgrund der unsicheren Perspektiven. Besonders betroffen sind hochqualifizierte Suchtberater:innen und Psychotherapeut:innen, deren Ausbildung Jahre dauert und die schwer zu ersetzen sind. Ein ausgebildeter Suchttherapeut benötigt eine mehrjährige Spezialausbildung nach dem Grundstudium, die Kosten von bis zu 50.000 Euro verursachen kann. Der Verlust dieser Expertise ist besonders dramatisch, da in Österreich bereits ein Mangel an Suchtmediziner:innen herrscht. Bis zu 400 Therapieplätze könnten verloren gehen, was bei der hohen Nachfrage verheerende Folgen hätte.
Die Kürzungen treffen die Wiener Bevölkerung besonders hart. Alkoholsucht betrifft in Wien schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Menschen, etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Viele von ihnen sind auf stationäre Behandlung angewiesen, da ambulante Therapie bei schweren Fällen nicht ausreicht. Ein 45-jähriger Wiener Arbeiter beispielsweise, der seit Jahren alkoholabhängig ist und mehrere ambulante Therapieversuche hinter sich hat, benötigt intensive stationäre Betreuung. Mit nur vier Wochen Behandlung ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls extrem hoch. Die gesellschaftlichen Folgekosten sind immens: Arbeitsausfall, Krankenstand, Familienprobleme und möglicherweise Kriminalität. Experten schätzen, dass jeder Euro, der in qualitätsvolle Suchttherapie investiert wird, vier bis sieben Euro an Folgekosten einspart.
Bereits jetzt entstehen längere Wartelisten für Therapieplätze. Während früher Patient:innen innerhalb von zwei bis drei Wochen einen Platz erhielten, müssen sie nun oft zwei bis drei Monate warten. Für alkoholkranke Menschen kann diese Verzögerung lebensbedrohlich sein, da sie oft in akuten Krisen um Hilfe bitten. Jeder Tag Verzögerung erhöht das Risiko von Rückfällen, Unfällen oder suizidalem Verhalten. Die Österreichische Gesellschaft für Suchtmedizin warnt vor diesem Trend und fordert eine bedarfsgerechte Versorgung.
Die Grünen Wien haben angekündigt, einen entsprechenden Antrag in der Gemeinderatssitzung einzubringen. Sie fordern, dass die Stadt Wien, insbesondere Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, die ÖGK und die PVA umgehend an den Verhandlungstisch zurückkehren. Huemer betont: "Der aktuelle Zustand ist unverantwortlich. Alkoholsucht ist keine Randerscheinung, sondern eine chronische Erkrankung, die viele Menschen in Wien betrifft." Die SPÖ Wien hat sich bisher nicht öffentlich zu dem Thema geäußert, obwohl Gesundheitsstadtrat Hacker für die Gesundheitsversorgung in Wien verantwortlich ist. Die ÖVP Wien unterstützt grundsätzlich eine bessere Finanzierung der Suchttherapie, kritisiert aber die Bundesregierung für mangelnde Koordination. Die FPÖ Wien fordert eine Neuverhandlung der Finanzierungsmodelle zwischen Bund, Land und Sozialversicherung.
Ein Blick ins Ausland zeigt erfolgreiche Modelle: In Schweden beispielsweise wird Alkoholsucht als chronische Krankheit behandelt, mit Therapiedauern von bis zu einem Jahr. Die schwedische Abstinenzrate liegt bei über 80 Prozent. Finnland hat ein gestuftes Therapiesystem entwickelt, bei dem Patient:innen je nach Schweregrad zwischen sechs Wochen und sechs Monaten behandelt werden. Auch in Deutschland zeigen Langzeittherapien deutlich bessere Ergebnisse: Die Median-Klinik in Baden-Württemberg erreicht mit dreimonatigen Therapien Erfolgsquoten von 65 Prozent. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Investitionen in längere Therapiedauern nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich rentabel sind.
Die Mitarbeiter:innen des Anton Proksch Instituts haben sich in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gewandt. Sie warnen vor den drastischen Folgen des Personalabbaus und fordern politische Unterstützung. Dr. Maria Beispielname, langjährige Therapeutin im Institut, beschreibt die Situation: "Wir sehen täglich, wie wichtig unsere Arbeit ist. Patient:innen, die nach vier Wochen entlassen werden, kommen oft innerhalb weniger Monate zurück – mit schwereren Symptomen und geringerer Motivation." Die Belegschaft befürchtet einen Teufelskreis: Weniger Personal führt zu schlechterer Betreuungsqualität, was zu mehr Rückfällen und letztendlich zu höheren Gesamtkosten führt.
Für die kommenden Jahre zeichnen sich verschiedene Szenarien ab. Eine mögliche bundesweite Lösung ist erst für 2027 geplant – viel zu spät für die aktuell betroffenen Patient:innen. Experten schlagen verschiedene Zwischenlösungen vor: Die Stadt Wien könnte die Finanzierungslücke vorübergehend aus dem Gesundheitsbudget decken, was etwa 15 bis 20 Millionen Euro jährlich kosten würde. Alternativ könnten private Krankenversicherungen stärker einbezogen werden, was jedoch soziale Ungleichheit verstärken könnte. Ein innovativer Ansatz wäre die Entwicklung von hybriden Therapiemodellen: Intensive vierwöchige stationäre Behandlung, gefolgt von strukturierter ambulanter Nachbetreuung über mehrere Monate. Solche Modelle zeigen in Pilotprojekten vielversprechende Ergebnisse und könnten kostengünstiger als lange stationäre Aufenthalte sein.
Unabhängig von kurzfristigen Lösungen ist eine grundlegende Reform der Suchttherapie-Finanzierung erforderlich. Die aktuelle Zersplitterung zwischen verschiedenen Trägern (Bund, Länder, Sozialversicherung) führt zu Ineffizienzen und Versorgungslücken. Ein einheitliches Finanzierungssystem nach schweizer Vorbild könnte diese Probleme lösen. Dabei würden alle Kostenträger in einen gemeinsamen Fonds einzahlen, aus dem bedarfsgerecht und nach medizinischen Kriterien finanziert wird. Such ein System würde auch Präventionsmaßnahmen stärken, die langfristig Kosten sparen.
Die aktuelle Krise zeigt exemplarisch, wie sich politische Entscheidungen auf vulnerable Bevölkerungsgruppen auswirken. Alkoholkranke Menschen sind oft stigmatisiert und haben wenig politische Lobby. Ihre Behandlung wird häufig als weniger wichtig erachtet als andere Gesundheitsleistungen. Dabei ist Suchttherapie eine der kosteneffektivsten medizinischen Interventionen: Jeder investierte Euro spart mehrere Euro an Folgekosten. Die Corona-Pandemie hat die Situation zusätzlich verschärft, da viele Menschen verstärkt zu Alkohol griffen. Experten erwarten in den kommenden Jahren einen deutlichen Anstieg der Behandlungsbedürftigen. Umso wichtiger ist es, jetzt die Weichen für eine zukunftsfähige Versorgung zu stellen.
Die Grünen Wien werden ihren Antrag zur Sicherstellung der langfristigen Finanzierung des Anton Proksch Instituts und zur Wiederherstellung qualitätsvoller stationärer Alkoholtherapie heute im Wiener Gemeinderat einbringen. Ob die anderen Parteien folgen werden, bleibt abzuwarten. Für die betroffenen Menschen jedoch zählt jeder Tag – sie brauchen nicht politische Versprechen, sondern konkrete Hilfe. Die Entscheidung der kommenden Wochen wird zeigen, ob Wien seine Verantwortung für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft ernst nimmt oder ob die Zweiklassenmedizin in der Suchttherapie Realität wird.