Medikamentenabgabe in Ordinationen statt assistierte Selbstmedikation
Die Wiener Ärztekammer kritisiert Pläne für erweiterte Apotheken-Services und fordert stattdessen die Medikamentenabgabe direkt in den Arztpraxen.
Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien hat sich entschieden gegen Vorschläge der Apothekerkammer positioniert, die medizinischen Services in Apotheken erweitern wollen. Johannes Steinhart, Präsident der Wiener Ärztekammer, reagierte damit auf Aussagen der Apothekerkammerpräsidentin, die in der aktuellen "Kurier"-Ausgabe für eine erweiterte medizinische Versorgung durch Apotheken warb.
"Die beste medizinische Beratung und Versorgung von Patientinnen und Patienten können nur Ärztinnen und Ärzte leisten", stellte Steinhart unmissverständlich klar. Die Vorschläge der Apothekerkammer würden in der Ärzteschaft auf Unverständnis stoßen, da die Kompetenzen der Gesundheitsversorgung in Österreich bereits klar geregelt seien.
Steinhart betonte, dass Diagnostik und Medikamentenverordnung eindeutig in den Kompetenzbereich von Ärztinnen und Ärzten fallen. "Wer diese Aufgaben übernehmen will, braucht dafür ein Medizinstudium", so der Kammerpräsident. Die langjährige medizinische Ausbildung und das enge Arzt-Patienten-Vertrauensverhältnis seien entscheidend für die maximale Patientensicherheit.
Die von der Apothekerkammer vorgeschlagene "assistierte Selbstmedikation" sieht die Wiener Ärztekammer kritisch. Diese berge Risiken für die Patientensicherheit und könne eine ärztliche Untersuchung keinesfalls ersetzen. Eine fundierte medizinische Diagnose erfordere die entsprechende Ausbildung und Erfahrung, die nur Ärztinnen und Ärzte mitbrächten.
Statt einer Kompetenzerweiterung für Apotheken schlägt die Ärztekammer einen anderen Weg vor: die direkte Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente in den Arztordinationen. Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte, sieht darin mehrere Vorteile für Patientinnen und Patienten.
"Wenn Medikamente direkt in den Ordinationen abgegeben werden können und sich beispielsweise Eltern mit einem kranken Kind nach dem Arztbesuch den zusätzlichen Weg in die Apotheke ersparen, ist das eine große Entlastung", erklärte Kamaleyan-Schmied. Diese Lösung würde nicht nur den Behandlungsablauf vereinfachen, sondern auch die Attraktivität von Kassenordinationen für junge Ärztinnen und Ärzte stärken.
Besonders deutlich positionierte sich die Ärztekammer beim Thema Impfungen. Diese müssten weiterhin eine ausschließlich ärztliche Leistung bleiben. "Nur das enge Arzt-Patienten-Vertrauensverhältnis und die Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte in Österreich garantieren die maximale Patientensicherheit und schaffen Vertrauen für die Schutzimpfungen", betonte Kamaleyan-Schmied.
Impfen sei mehr als nur ein einfacher Stich, sondern ein komplexer medizinischer Prozess. Dieser umfasse die Feststellung der Impftauglichkeit, das ausführliche Aufklärungsgespräch, das fachgerechte Applizieren der Spritze sowie die Nachbeobachtung der geimpften Person. Im Falle von Nebenwirkungen müssten auch notfallmedizinische Maßnahmen ergriffen werden können.
"Ärztinnen und Ärzte sind aufgrund ihrer Ausbildung als auch aufgrund der Ordinationsausstattung auf diese, zum Glück seltenen, Notfälle trainiert und bestens eingespielt", hielt Kamaleyan-Schmied fest. Nur so könne der medizinische Qualitätsstandard bei Impfungen und die größtmögliche Sicherheit für Patientinnen und Patienten gewährleistet werden.
Als positives Beispiel für innovative medizinische Versorgung führte die Ärztekammer den Wiener Ärztefunkdienst an. Dieser sichere seit über 50 Jahren verlässlich die hausärztliche Betreuung der Wienerinnen und Wiener an Randzeiten, Wochenenden und Feiertagen.
"Der Ärztefunkdienst ist Vorreiter im Bereich der Telemedizin und ermöglicht eine schnelle, effiziente und verlässliche medizinische Versorgung", erklärte Kamaleyan-Schmied. Der Dienst fungiere als Vertretung der Hausärztinnen und -ärzte in Wien und übernehme außerhalb der regulären Ordinationszeiten die medizinische Versorgung.
Ergänzt werde dieses Angebot durch die Erstversorgungsambulanzen in Wiener Spitälern, die dazu beitragen, Spitalsambulanzen und Notaufnahmen zu entlasten. Diese Struktur zeige, dass innovative Lösungen in der medizinischen Versorgung möglich seien, ohne dabei Abstriche bei der fachlichen Qualifikation zu machen.
Die Auseinandersetzung zwischen Ärzte- und Apothekerkammer spiegelt eine breitere Debatte über die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Österreich wider. Während Apotheken ihre Rolle erweitern und mehr medizinische Services anbieten möchten, bestehen Ärztinnen und Ärzte auf klaren Kompetenzabgrenzungen.
Die Wiener Ärztekammer argumentiert dabei vor allem mit der Patientensicherheit und der Qualität der medizinischen Versorgung. Die jahrelange Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie ihre praktische Erfahrung seien unverzichtbare Voraussetzungen für eine sichere medizinische Behandlung.
Gleichzeitig zeigt sich die Ärzteschaft offen für innovative Lösungen, wie das Beispiel des Ärztefunkdienstes und die Forderung nach Medikamentenabgabe in Ordinationen zeigen. Diese Ansätze zielen darauf ab, die Versorgung zu verbessern, ohne dabei die fachlichen Standards zu senken.