Zurück
OTS-MeldungKlima/Natur/Artenvielfalt/Czernohorszky/Umwelt

Wien plant „Straucherl

15. März 2026 um 08:47
Teilen:

Wien bekommt ab April ein neues Instrument für mehr Grün in der Stadt: Das „Wiener Straucherl" soll dort Abhilfe schaffen, wo für größere Bepflanzungen schlichtweg der Platz fehlt. Diese kompakten,

Wien bekommt ab April ein neues Instrument für mehr Grün in der Stadt: Das „Wiener Straucherl" soll dort Abhilfe schaffen, wo für größere Bepflanzungen schlichtweg der Platz fehlt. Diese kompakten, nur 50 Quadratmeter großen Grünflächen sind speziell für dichtbebaute Stadtgebiete konzipiert und stellen eine kleinere Variante des bereits etablierten „Wiener Wäldchens" dar. Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky kündigte die neue Initiative an, die ab April zunächst am Alsergrund startet und dann auf weitere Wiener Bezirke ausgeweitet werden soll.

Das Konzept: Naturnahe Hecken mitten in der Stadt

Ein „Wiener Straucherl" ist ein kleinräumiger, naturnaher Lebensraum mit einer Fläche von etwa 50 Quadratmetern, der ausschließlich aus verschiedenen Straucharten besteht. Im Gegensatz zu herkömmlichen Stadtbepflanzungen orientiert sich die Zusammensetzung und Struktur an dichten, naturnahen Hecken, die in der freien Natur wertvolle Lebensräume für zahlreiche Lebewesen bieten. Diese Gestaltung ist bewusst gewählt: Nach einigen Jahren soll das Straucherl ein naturnahes, bewusst „wilderes" Erscheinungsbild entwickeln, das sich deutlich von gepflegten Stadtparks unterscheidet.

Die Strauchauswahl erfolgt nach wissenschaftlichen Kriterien. Einheimische Arten wie Weißdorn, Holunder, Kornelkirsche oder Haselnuss stehen im Vordergrund, da sie optimal an das mitteleuropäische Klima angepasst sind und gleichzeitig Nahrung für verschiedene Tierarten bieten. Diese Sträucher blühen zu unterschiedlichen Zeiten, wodurch vom Frühjahr bis zum Herbst kontinuierlich Nektar für Insekten zur Verfügung steht. Die verschiedenen Wuchshöhen – von niedrigen Bodendecker-Sträuchern bis zu drei Meter hohen Gehölzen – schaffen verschiedene Mikrohabitate auf kleinstem Raum.

Unterschied zum etablierten „Wiener Wäldchen"

Das „Wiener Wäldchen" existiert bereits seit mehreren Jahren als bewährtes Konzept der Wiener Stadtplanung. Bisher wurden 15 solcher Wäldchen in ganz Wien angelegt, die jedoch eine Mindestgröße von 100 Quadratmetern benötigen und sowohl Bäume als auch Sträucher umfassen. Diese größeren Grünflächen können komplexere Ökosysteme entwickeln und bieten Raum für ausgewachsene Bäume, die als Schattenspender und CO2-Speicher fungieren.

Das neue „Straucherl" hingegen konzentriert sich ausschließlich auf Strauchpflanzungen und benötigt nur die Hälfte der Fläche. Diese Reduzierung ermöglicht es der Stadt Wien, auch in extrem dicht bebauten Gebieten Grünflächen zu schaffen, wo bisher keine Möglichkeit für größere Bepflanzungen bestand. Kleine Baulücken, ungenutzte Ecken zwischen Gebäuden oder schmale Grünstreifen können so sinnvoll begrünt werden.

Beide Konzepte ergänzen sich strategisch: Während das „Wiener Wäldchen" weiterhin dort realisiert wird, wo sich passende Rahmenbedingungen bieten, schließt das „Straucherl" die Lücken in der städtischen Grünraumversorgung. Diese Zwei-Säulen-Strategie ermöglicht es Wien, flächendeckend mehr Natur in die Stadt zu bringen.

Ökologischer Nutzen für die urbane Biodiversität

Die ökologische Bedeutung von Strauchlandschaften in städtischen Gebieten ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Sträucher bieten Lebensraum für eine Vielzahl von Tierarten, die in monotonen Stadtlandschaften oft keinen geeigneten Rückzugsort finden. Vögel wie Amsel, Rotkehlchen oder Zaunkönig nutzen dichte Strauchbestände als Nistplätze und Schutz vor Fressfeinden. Gleichzeitig finden sie in den Beeren und Samen eine wichtige Nahrungsquelle, besonders in den Wintermonaten.

Für Insekten stellen Strauchlandschaften wahre Oasen dar. Schmetterlingsraupen sind oft auf spezielle Pflanzenarten angewiesen – der Zitronenfalter beispielsweise benötigt Faulbaum oder Kreuzdorn für seine Fortpflanzung. Wildbienen finden in den verschiedenen Blüten vom Frühjahr bis zum Herbst Nektar und Pollen. Käfer, Spinnen und andere wirbellose Tiere nutzen die verschiedenen Strukturen von der Bodenstreu bis zu den Zweigspitzen.

Die Artenvielfalt in solchen naturnahen Pflanzungen ist um ein Vielfaches höher als in herkömmlichen Stadtparks mit exotischen Zierpflanzen. Studien zeigen, dass ein einziger einheimischer Strauch bis zu 500 verschiedene Insektenarten beherbergen kann, während exotische Pflanzen oft nur wenige Arten anziehen. Diese Biodiversität ist nicht nur aus naturschutzfachlicher Sicht wertvoll, sondern trägt auch zur Stabilität des städtischen Ökosystems bei.

Klimatische Vorteile für dichtbebaute Stadtgebiete

Dichtbebaute Stadtgebiete leiden besonders unter dem sogenannten Urban Heat Island-Effekt, bei dem Temperaturen deutlich über jenen des Umlands liegen. Asphalt und Beton speichern Wärme und geben sie verzögert ab, was zu überhitzten Stadtkernen führt. Grünflächen wirken diesem Effekt entgegen, indem sie durch Verdunstung für Abkühlung sorgen und Schatten spenden.

Ein 50 Quadratmeter großes „Straucherl" kann an heißen Sommertagen bis zu 200 Liter Wasser verdunsten und dabei die Umgebungstemperatur um mehrere Grad senken. Diese Kühlwirkung erstreckt sich auf einen Radius von etwa 50 bis 100 Metern um die Grünfläche. Besonders in engen Gassen und Innenhöfen, wo die Luftzirkulation eingeschränkt ist, können solche Grünoasen spürbare Verbesserungen bewirken.

Die Luftqualität profitiert ebenfalls von der neuen Bepflanzung. Sträucher filtern Feinstaub aus der Luft und produzieren Sauerstoff. Ein ausgewachsenes Straucherl kann jährlich mehrere Kilogramm CO2 binden und dabei helfen, die Klimaziele der Stadt Wien zu erreichen. Die rauen Blattoberflächen vieler Straucharten sind besonders effektiv beim Einfangen von Luftschadstoffen.

Standortauswahl und Umsetzungsplanung

Die Auswahl der Standorte für die neuen „Straucherl" erfolgt nach einem mehrstufigen Verfahren. Zunächst werden potenzielle Flächen in den Bezirken identifiziert, die bisher ungenutzt sind oder nur als Rasenflächen dienen. Dabei arbeiten die Wiener Stadtgärten eng mit den Bezirksvertretungen zusammen, um lokale Bedürfnisse und Wünsche der Anwohner zu berücksichtigen.

Wichtige Kriterien für die Standortauswahl sind die Bodenbeschaffenheit, die Lichtverhältnisse und die Zugänglichkeit für Pflegemaßnahmen. Der Boden muss ausreichend tiefgründig sein, um den Strauchpflanzungen gute Wachstumsbedingungen zu bieten. Gleichzeitig dürfen keine unterirdischen Leitungen oder anderen technischen Installationen die Pflanzung behindern. Die Lichtverhältnisse bestimmen die Auswahl der geeigneten Straucharten – für schattige Standorte werden andere Arten gewählt als für sonnige Lagen.

Das erste „Straucherl" am Alsergrund dient als Pilotprojekt, um Erfahrungen mit der praktischen Umsetzung zu sammeln. Die Erkenntnisse aus diesem Projekt fließen in die Planung weiterer Standorte ein. Für das Jahr 2024 sind bereits mehrere zusätzliche Standorte in verschiedenen Wiener Bezirken geplant, wobei besonders dicht bebaute Gebiete priorisiert werden.

Verwaltungsstrukturen und Zuständigkeiten

Das „Wiener Straucherl"-Projekt wird als Gemeinschaftsinitiative verschiedener Magistratsabteilungen geführt. Die Magistratsdirektion koordiniert die übergeordnete Planung und sorgt für die Abstimmung zwischen den beteiligten Bereichen. Die Magistratsabteilung Wiener Stadtgärten (MA 42) ist für die praktische Umsetzung zuständig – von der Pflanzenauswahl über die Bodenvorbereitung bis zur langfristigen Pflege.

Die Magistratsabteilung Umweltschutz (MA 22) bringt ihre Expertise in Fragen der Ökologie und des Naturschutzes ein. Sie überwacht die Entwicklung der Artenvielfalt und dokumentiert die ökologischen Auswirkungen der neuen Grünflächen. Diese wissenschaftliche Begleitung ist wichtig, um den Erfolg des Projekts messbar zu machen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.

Wien im Vergleich: Internationale Vorbilder und nationale Entwicklungen

Wien positioniert sich mit dem „Straucherl"-Konzept als Vorreiter im deutschsprachigen Raum. Während andere Städte oft auf großflächige Parks setzen, geht Wien den Weg der kleinteiligen Begrünung. Diese Strategie findet international Beachtung: Städte wie Paris mit ihren „jardins de poche" (Taschengärten) oder London mit den „pocket parks" verfolgen ähnliche Ansätze.

Im Vergleich zu deutschen Großstädten liegt Wien bei der Grünflächenversorgung bereits sehr gut da. Während München etwa 6,4 Quadratmeter öffentliche Grünfläche pro Einwohner aufweist und Hamburg 7,2 Quadratmeter, erreicht Wien bereits 16,8 Quadratmeter. Das „Straucherl"-Projekt soll diese Zahl weiter verbessern und gleichzeitig die Qualität der Grünversorgung erhöhen.

Besonders innovativ ist der Ansatz, bewusst auf ein „wildes" Erscheinungsbild zu setzen. Während traditionelle Stadtplanung oft auf ordentlich geschnittene und gepflegte Anlagen setzt, erkennt Wien den ökologischen Wert von naturnahen Strukturen. Diese Entwicklung spiegelt einen Paradigmenwechsel in der Stadtplanung wider, weg von rein ästhetischen hin zu funktional-ökologischen Kriterien.

Bürgerbeteiligung und gesellschaftliche Akzeptanz

Die Akzeptanz naturnaher Bepflanzungen in der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Während früher oft der Wunsch nach „ordentlichen" und „gepflegten" Grünflächen dominierte, wächst heute das Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Wienerinnen und Wiener naturnahe Grünflächen befürwortet, auch wenn diese weniger „aufgeräumt" aussehen.

Dennoch rechnet die Stadt Wien mit unterschiedlichen Reaktionen auf die neuen Straucherl. Um mögliche Konflikte zu vermeiden, ist eine umfassende Information der Anwohner geplant. Informationstafeln vor Ort sollen über den ökologischen Nutzen der Anlagen aufklären und erklären, warum ein naturnahes Erscheinungsbild gewünscht ist. Zusätzlich können sich interessierte Bürger auf der eigens eingerichteten Website wien.gv.at/wiener-straucherl über das Projekt informieren.

Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass die Akzeptanz mit der Zeit wächst. Sobald sich die ersten Tiere ansiedeln und Anwohner die ökologischen Vorteile direkt erleben können, steigt die Zustimmung deutlich. Besonders Familien mit Kindern schätzen die Möglichkeit, Natur direkt vor der Haustür zu erleben und zu beobachten.

Pflege und langfristige Entwicklung

Die Pflege eines „Wiener Straucherl" unterscheidet sich grundlegend von der Betreuung herkömmlicher Stadtgrünflächen. In den ersten Jahren nach der Pflanzung ist noch intensive Betreuung nötig: regelmäßiges Gießen, Unkrautentfernung und gegebenenfalls Nachpflanzungen bei Ausfällen. Nach etwa drei bis fünf Jahren haben sich die Sträucher jedoch etabliert und benötigen deutlich weniger Pflege.

Der bewusst angestrebte „wilde" Charakter bedeutet, dass nicht jedes Wildkraut sofort entfernt wird. Stattdessen erfolgt die Pflege selektiv: Problematische invasive Arten werden bekämpft, während heimische Wildpflanzen, die sich ansiedeln, toleriert oder sogar gefördert werden. Diese extensive Pflege spart nicht nur Kosten, sondern fördert auch die Biodiversität.

Ein wichtiger Aspekt ist das Beschneiden der Sträucher. Dies erfolgt nicht aus ästhetischen Gründen, sondern folgt ökologischen Kriterien. Der Schnitt findet außerhalb der Brutzeit von Vögeln statt und wird so durchgeführt, dass die natürliche Wuchsform erhalten bleibt. Alte Äste bleiben teilweise stehen, da sie Lebensraum für Insekten bieten.

Finanzierung und Wirtschaftlichkeit

Die Kosten für ein „Wiener Straucherl" sind deutlich geringer als für vergleichbare Projekte mit Baumpflanzungen. Während ein „Wiener Wäldchen" aufgrund der aufwendigeren Bodenvorbereitung und der teureren Baumschulware höhere Investitionskosten verursacht, kommen Strauchpflanzungen mit einem Bruchteil des Budgets aus. Die Anlagekosten pro Quadratmeter liegen bei etwa 15 bis 20 Euro, verglichen mit 40 bis 60 Euro für ein Wäldchen.

Besonders wirtschaftlich wird das Projekt durch die geringen laufenden Kosten. Nach der Etablierungsphase benötigen die Sträucher nur noch minimale Pflege. Der Verzicht auf intensive Bewässerung, häufige Düngung und regelmäßigen Schnitt reduziert die jährlichen Unterhaltskosten auf etwa 2 bis 3 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Intensive Rasenflächen kosten etwa 8 bis 12 Euro pro Quadratmeter und Jahr.

Die ökologischen Vorteile lassen sich teilweise auch wirtschaftlich beziffern. Die Luftreinhaltung, CO2-Bindung und Klimaregulierung haben einen messbaren Wert für die Gesellschaft. Studien beziffern diese „Ökosystemdienstleistungen" auf etwa 10 bis 15 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Damit amortisiert sich ein Straucherl bereits nach wenigen Jahren.

Zukunftsperspektiven und Ausblick

Das „Wiener Straucherl" ist nur der Beginn einer umfassenderen Strategie zur Erhöhung der urbanen Biodiversität. Die Stadt Wien plant, in den kommenden Jahren mehrere Dutzend solcher Anlagen zu errichten. Dabei sollen auch innovative Konzepte wie Straucherl auf Dächern oder an Gebäudewänden getestet werden. Vertikale Begrünung könnte die verfügbare Fläche für Naturlebensräume erheblich erweitern.

Mittelfristig könnte das Konzept auch auf private Flächen ausgeweitet werden. Die Stadt Wien prüft bereits Programme zur Förderung privater Straucherl-Anlagen. Hausbesitzer und Unternehmen könnten Zuschüsse für naturnahe Bepflanzungen erhalten, wenn diese bestimmte ökologische Standards erfüllen. Solche Public-Private-Partnerships könnten die Wirkung des Programms vervielfachen.

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts soll auch internationale Erkenntnisse liefern. Wien plant, die Erfahrungen mit anderen Städten zu teilen und gemeinsame Forschungsprojekte zu initiieren. Das Straucherl-Konzept könnte so zu einem Exportschlager der Wiener Stadtentwicklung werden und andere Städte bei der Bewältigung ähnlicher Herausforderungen unterstützen.

Langfristig trägt das Projekt zu den Klimazielen der Stadt Wien bei. Bis 2040 will Wien klimaneutral werden – ein ehrgeiziges Ziel, für das jede Tonne gebundenes CO2 zählt. Die geplanten Straucherl können dabei einen messbaren Beitrag leisten und gleichzeitig die Lebensqualität für alle Wienerinnen und Wiener verbessern. Das erste Straucherl am Alsergrund wird zeigen, ob dieses innovative Konzept hält, was es verspricht.

Weitere Meldungen

OTS
Klima

Pellets vs. Heizöl: Österreicher sparen 2.387 Euro im Jahr

15. März 2026
Lesen
OTS
Klima

Osterdeko selbst machen: Wien zeigt, wie Upcycling Geld spart

14. März 2026
Lesen
OTS
Klimagesetz

Österreichs Unternehmen fordern schärferes Klimagesetz

13. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen