Während Österreicherinnen und Österreicher täglich selbstverständlich den Wasserhahn aufdrehen und sauberes Trinkwasser genießen, kämpfen Menschen in der Ukraine seit Jahren um dieses Grundbedürfni...
Während Österreicherinnen und Österreicher täglich selbstverständlich den Wasserhahn aufdrehen und sauberes Trinkwasser genießen, kämpfen Menschen in der Ukraine seit Jahren um dieses Grundbedürfnis. Zum Weltwassertag am 22. März macht ein beeindruckendes Hilfsprojekt zwischen Wien und der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 deutlich, wie wertvoll sauberes Wasser ist – und wie internationale Solidarität Leben retten kann.
Das Projekt "Kinder- und Umwelthilfe Ukraine" startete bereits 2008, damals noch als Antwort auf die langfristigen Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Was als regionale Hilfsmaßnahme begann, entwickelte sich zu einem der nachhaltigsten Wasserprojekte Europas. Seit dem Start finanzierte die Stadt Wien über Wiener Wasser beeindruckende 170 Wasseraufbereitungsanlagen in der Ukraine – eine Investition, die heute mehr als 180.000 Menschen täglich zugutekommt.
"Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist ein Menschenrecht. Gemeinsam mit GLOBAL 2000 setzen wir uns dafür ein, dass dieses Recht für viele Menschen in den kriegsgebeutelten Gebieten der Ukraine verwirklicht wird", betont Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky. Die Zahlen sprechen für sich: Pro installierter Anlage erhalten durchschnittlich über 1.000 Menschen dauerhaft Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Moderne Wasseraufbereitungsanlagen sind komplexe technische Systeme, die aus mehreren Filtrationsstufen bestehen. Der Prozess beginnt mit einer groben Vorfiltration, die Sedimente und größere Partikel entfernt. Anschließend folgen Aktivkohlefilter, die Chlor, organische Verbindungen und schlechte Gerüche eliminieren. Das Herzstück bildet meist eine Umkehrosmose-Membran, die selbst kleinste Verunreinigungen wie Schwermetalle, Bakterien und Viren aus dem Wasser entfernt. Abschließend erfolgt eine Remineralisierung, bei der wichtige Mineralien wie Kalzium und Magnesium kontrolliert wieder hinzugefügt werden, um das Wasser für den menschlichen Verzehr optimal aufzubereiten.
Diese Technologie ist besonders in der Ukraine von entscheidender Bedeutung, wo das Leitungswasser oft hohe Konzentrationen von Schwermetallen, Nitraten und anderen gesundheitsschädlichen Substanzen aufweist. Durch die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe und nun zusätzlich durch Kriegseinwirkungen gelangen immer wieder toxische Stoffe ins Grundwasser.
Besonders dramatisch ist die Lage in der Region Charkiw, nur etwa 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Millionenstadt steht seit Februar 2022 unter ständigem Beschuss. "Nächtliche Drohnenangriffe, ständiger Alarm und psychischer Dauerstress gehören hier zum Alltag", berichtet Yuliia Konotoptseva, Direktorin der örtlichen Partnerstiftung.
Im Städtischen Krankenhaus Nr. 25 in Charkiw erlebt Maryna Kutscherenko täglich, wie wichtig sauberes Wasser für die medizinische Versorgung ist. "Durch Raketenangriffe gelangen giftige Stoffe in die Umwelt. Für Kinder – besonders für schwerkranke Kinder – ist jede zusätzliche Belastung ein Risiko", erklärt die Medizinische Direktorin für Kinderheilkunde. Ihre Einrichtung erhielt bereits vor über zehn Jahren eine der ersten Wasseraufbereitungsanlagen der Region.
Der Kontrast zwischen der Wassersituation in Österreich und der Ukraine könnte größer nicht sein. Während in Österreich das Leitungswasser zu den besten der Welt zählt und regelmäßig strengste Qualitätskontrollen durchläuft, müssen ukrainische Familien oft teure Wasserflaschen kaufen oder auf unsichere Quellen zurückgreifen. Ein Liter abgefülltes Wasser kostet in der Ukraine umgerechnet etwa 50 Cent – bei einem Durchschnittseinkommen von rund 300 Euro monatlich eine erhebliche Belastung für Familien.
In Deutschland liegt die Trinkwasserqualität ähnlich hoch wie in Österreich, während in der Schweiz sogar noch strengere Standards gelten. Diese drei Länder profitieren von jahrzehntelangen Investitionen in die Wasserinfrastruktur, modernen Aufbereitungsanlagen und einem dichten Netz an Überwachungsstationen. In der Ukraine hingegen stammt ein Großteil der Wasserinfrastruktur noch aus sowjetischer Zeit und entspricht nicht mehr heutigen Standards.
Die Auswirkungen des Wiener Wasserprojekts auf das tägliche Leben der Menschen sind immens. Familien müssen nicht mehr schwere Wasserkanister schleppen oder Geld für teures Flaschenwasser ausgeben. Kinder in Schulen und Kindergärten können jederzeit sauberes Wasser trinken, ohne dass Eltern oder Lehrkräfte sich Sorgen um Gesundheitsrisiken machen müssen.
Besonders eindrücklich zeigt sich der Nutzen im Regionalen Klinischen Zentrum für medizinische Rehabilitation "Hippokrates" in Charkiw. Direktor Roman Marabjan erzählt von den Herausforderungen vor der Installation: "Früher bedeutete das für das Personal eine enorme Belastung. Wasser musste organisiert, transportiert und in großen Behältern in die Einrichtung getragen werden – oft mehrere hundert Liter täglich." Die nächste artesische Quelle liegt 14 Kilometer entfernt – eine logistische Herausforderung, die täglich bewältigt werden musste.
Heute steht den 150 Kindern mit Behinderungen, die in der Einrichtung betreut werden, jederzeit sauberes Wasser zur Verfügung. "Viele unserer Kinder erhalten spezielle medizinische Nahrung mit exakt abgestimmten Anteilen von Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen. Diese darf nur mit ökologisch sicherem, mineralisiertem Wasser zubereitet werden", erklärt Marabjan die besondere Bedeutung für seine Patienten.
Die Durchführung humanitärer Projekte in einem Kriegsgebiet stellt besondere Anforderungen an Organisation und Sicherheit. GLOBAL 2000 arbeitet seit drei Jahren mit einem ukrainischen Hersteller zusammen – einer Tochtergesellschaft der österreichischen BWT AG. Diese Kooperation ermöglicht es, modernste Filtertechnologie mit kurzen Lieferwegen zu kombinieren und die Abhängigkeit von grenzüberschreitenden Transporten zu reduzieren.
Die Austrian Water Technology (BWT) AG gilt als einer der führenden europäischen Anbieter von Wassertechnologien und beschäftigt weltweit über 5.000 Mitarbeiter. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Mondsee entwickelt seit 1990 innovative Lösungen für die Wasseraufbereitung und hat sich auf nachhaltige Technologien spezialisiert.
Trotz aller Widrigkeiten konnte das Projekt auch 2025 erfolgreich fortgesetzt werden. "Wir haben weitere neun Anlagen installiert, vor allem in Bildungseinrichtungen, und damit mehreren tausend Kindern Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglicht", berichtet Juliana Matusova, Projektleiterin von GLOBAL 2000. Die Nachfrage sei weiterhin groß: "Viele Einrichtungen kennen das Projekt bereits und möchten ebenfalls eine Anlage erhalten."
Der Fokus auf Bildungseinrichtungen ist strategisch wichtig, da Schulen und Kindergärten als Multiplikatoren wirken. Kinder lernen dort nicht nur den Wert von sauberem Wasser schätzen, sondern tragen dieses Bewusstsein auch in ihre Familien. Zudem erreicht man über Bildungseinrichtungen besonders effizient große Gruppen von Kindern – jene Bevölkerungsgruppe, die am stärksten von verunreinigtem Wasser bedroht ist.
Wien kann stolz auf sein Wassersystem sein: Das Wiener Hochquellwasser stammt aus den niederösterreichischen und steirischen Alpen und legt teilweise über 100 Kilometer zurück, bevor es in Wiener Wasserhähnen ankommt. Zwei Hochquellwasserleitungen, die erste bereits 1873 eröffnet, versorgen die 1,9 Millionen Einwohner der Metropolregion mit täglich etwa 370.000 Kubikmetern bestem Trinkwasser.
"Eine stabile Versorgung mit sauberem Wasser ist entscheidend für die Gesundheit und Entwicklung von Kindern. Deshalb sehen wir es als unsere Verantwortung, die Ukraine bei der Sicherung ihrer Grundversorgung zu unterstützen", erklärt Paul Hellmeier, Chef von Wiener Wasser. Die Expertise, die Wien über 150 Jahre im Wassermanagement aufgebaut hat, kommt nun Menschen in Not zugute.
Das Wiener Wasserprojekt in der Ukraine hat mittlerweile internationale Aufmerksamkeit erregt und könnte als Modell für ähnliche Initiativen in anderen Krisengebieten dienen. Experten der Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicher verwaltetem Trinkwasser haben – das entspricht etwa einem Viertel der Weltbevölkerung.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert den Mindestbedarf an Trinkwasser mit 20 Litern pro Person und Tag für grundlegende Bedürfnisse wie Trinken, Kochen und Körperhygiene. In Österreich liegt der durchschnittliche Verbrauch bei etwa 130 Litern pro Person täglich – ein Privileg, das in vielen Teilen der Welt undenkbar ist.
Ein entscheidender Vorteil des Wiener Wasserprojekts liegt in seiner langfristigen Ausrichtung. "Unsere Hilfe ist nachhaltig und wird auch nach einem hoffentlich baldigen Ende des Krieges den Menschen in der Ukraine zugutekommen", betont Projektleiterin Matusova. Die installierten Anlagen sind auf eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren ausgelegt und benötigen nur minimale Wartung.
GLOBAL 2000 und lokale Partner bereiten bereits die nächste Projektphase vor. Priorität haben dabei Einrichtungen für besonders vulnerable Gruppen: Krankenhäuser, Waisenhäuser, Schulen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und Unterkünfte für Binnenvertriebene. Die Organisation schätzt, dass bis 2027 weitere 50 Anlagen installiert werden könnten – bei entsprechender Finanzierung.
Langfristig könnte das Projekt auch beim Wiederaufbau der Ukraine eine wichtige Rolle spielen. Internationale Experten gehen davon aus, dass der Wiederaufbau der ukrainischen Infrastruktur mehrere Jahrzehnte dauern wird und Investitionen von mehreren hundert Milliarden Euro erfordert. Wassertechnologie "Made in Austria" könnte dabei eine Schlüsselrolle übernehmen.
Das Wiener Wasserprojekt zeigt exemplarisch, wie internationale Solidarität konkret wirken kann. Während politische Lösungen auf sich warten lassen, verbessert praktische Hilfe bereits heute das Leben von Menschen in Not. Jede installierte Wasseraufbereitungsanlage ist ein Stück Normalität in einem von Krieg geprägten Alltag – und ein Zeichen der Hoffnung für eine bessere Zukunft.
Zum Weltwassertag erinnert dieses Projekt daran, dass sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist. Auch in Europa, dem wohlhabendsten Kontinent der Erde, kämpfen Menschen täglich um dieses Grundrecht. Wien beweist mit seinem Engagement, dass Städtepartnerschaften und internationale Kooperation Leben retten können – einen Tropfen nach dem anderen.