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Monatshygiene sollte selbstverständlich sein – doch für viele Frauen und Mädchen in Wien ist sie das nicht. Während die einen zwischen verschiedenen Marken und Produkttypen wählen können, greifen andere aus finanzieller Not zu unhygienischen Alternativen wie Toilettenpapier oder Stoffresten. Die Wiener „Rote Box" kämpft seit Herbst 2023 gegen diese sogenannte Periodenarmut. Nun wird die erfolgreiche Initiative ausgeweitet: Ab April können Nutzerinnen aus dem gesamten Bindensortiment der BIPA-Eigenmarke wählen.
Periodenarmut bezeichnet die Situation, in der sich Menschen aufgrund finanzieller Engpässe keine angemessenen Menstruationsprodukte leisten können. Dieses Problem mag in einem wohlhabenden Land wie Österreich überraschend wirken, ist aber real: Eine Packung Binden oder Tampons kostet zwischen drei und acht Euro – bei einem durchschnittlichen Bedarf von zwei bis drei Packungen pro Zyklus summiert sich das auf 60 bis 120 Euro jährlich. Für Familien mit geringem Einkommen, Studierende, Arbeitslose oder Menschen in prekären Lebenssituationen kann das zur echten Belastung werden.
Die Folgen sind gravierend: Betroffene verwenden ungeeignete Materialien wie Zeitungspapier, alte Kleidung oder sogar Plastiksäcke. Dies kann zu Infektionen, Hautirritationen und anderen gesundheitlichen Problemen führen. Gleichzeitig führt Periodenarmut oft zu sozialer Isolation – Mädchen und Frauen meiden während ihrer Menstruation Schule, Universität oder Arbeitsplatz aus Scham oder Angst vor peinlichen Situationen.
Die Wiener „Rote Box" hat sich seit ihrem Start im Herbst 2023 zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Das Kooperationsprojekt zwischen der Stadt Wien und der Drogeriekette BIPA verteilt mittlerweile 27.000 Gutscheine pro Monat über rund 400 Standorte in der Hauptstadt. Diese beeindruckende Zahl verdeutlicht das Ausmaß der Periodenarmut in Wien und gleichzeitig die hohe Akzeptanz der Initiative.
Das System funktioniert denkbar einfach: Berechtigte Personen erhalten an verschiedenen Ausgabestellen ein Quartals-Gutscheinheft mit drei Gutscheinen. Jeder Gutschein berechtigt zum kostenlosen Erhalt einer 16-teiligen Packung Binden oder Tampons der BIPA-Eigenmarke BI COMFORT in jeder Wiener BIPA-Filiale. Die Abholung erfolgt diskret an der Kasse – ein wichtiger Aspekt, da Menstruation nach wie vor mit Scham behaftet ist.
Eine umfassende Evaluierung der „Roten Box" brachte wichtige Erkenntnisse: Nutzerinnen wünschten sich mehr Auswahl, insbesondere bei Binden. Der Grund liegt auf der Hand: Jede Menstruation ist unterschiedlich – in Intensität, Dauer und individuellen Bedürfnissen. Während manche Frauen nur leichte Binden benötigen, sind andere auf Produkte mit stärkerer Saugkraft angewiesen. Auch anatomische Unterschiede und persönliche Vorlieben spielen eine Rolle.
Ab April 2024 trägt die Initiative diesem Umstand Rechnung: In allen Wiener BIPA-Filialen können Gutschein-Bezieherinnen künftig aus dem gesamten BI COMFORT Bindensortiment wählen. Neben den bisherigen Tampons Normal stehen nun verschiedene Bindentypen zur Verfügung – von Ultra-dünn über Normal bis hin zu Super-Produkten für stärkere Tage. Diese Erweiterung bedeutet echte Wahlfreiheit und damit einen wichtigen Schritt zu mehr Würde und Selbstbestimmung.
Die Rote Box beschränkt sich nicht nur auf die Produktverteilung, sondern setzt auch auf Bildungsarbeit. BIPA finanziert Aufklärungsworkshops durch das Frauengesundheitszentrum FEM Süd, die sich an Mädchen und junge Frauen richten. Diese Workshops sind dringend notwendig: Laut einer BIPA-Umfrage sprechen acht von zehn Menschen in Österreich ungern über Menstruation. Dieses Schweigen nährt Unwissen und Mythen.
In den Workshops lernen Teilnehmerinnen alles über den Menstruationszyklus, verschiedene Hygieneprodukte und deren richtige Anwendung. Besonders wichtig: Die Vermittlung, dass Menstruation etwas völlig Natürliches ist. Rund um die Welt verpassen Millionen von Mädchen regelmäßig die Schule, weil sie während ihrer Periode keinen Zugang zu angemessenen Hygieneprodukten oder sanitären Anlagen haben. Auch in entwickelten Ländern wie Österreich führen Scham und Unwissen zu Problemen.
Österreich ist nicht das einzige Land, das gegen Periodenarmut kämpft. Schottland war 2020 das erste Land weltweit, das Menstruationsprodukte kostenlos zur Verfügung stellte. In Deutschland gibt es ähnliche Initiativen auf kommunaler Ebene, etwa in Berlin oder Hamburg. Die Schweiz diskutiert aktuell über eine Mehrwertsteuersenkung für Periodenprodukte.
Im internationalen Vergleich zeigt sich: Die „Rote Box" ist eine vorbildliche Initiative. Während andere Länder oft nur auf Schulen oder öffentliche Toiletten setzen, bietet Wien ein flächendeckendes System mit persönlicher Beratung und diskreter Abgabe. Die Kooperation zwischen öffentlicher Hand und privatem Unternehmen könnte als Modell für andere Städte dienen.
Die strategisch gewählten Ausgabestellen der Rote Box zeigen, wie durchdacht die Initiative ist. Sozialmärkte erreichen Menschen mit geringem Einkommen, die bereits berechtigt sind, dort einzukaufen. Frauengesundheitszentren wie FEM, FEM Süd und FEM-Med bieten eine vertrauensvolle Atmosphäre für Beratung und Ausgabe.
Besonders innovativ: First Love Beratungsstellen geben Gutscheine an Jugendliche bis 18 Jahre aus, die eine Beratung in Anspruch nehmen. Dies erreicht eine besonders vulnerable Gruppe – junge Mädchen, die oft noch unsicher im Umgang mit ihrer Menstruation sind und deren Familien möglicherweise nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen.
Auch Einrichtungen für besonders schutzbedürftige Gruppen sind eingebunden: Wohnungslosenhilfe, Einrichtungen für geflüchtete Menschen, für Menschen mit Behinderung und für gewaltbetroffene Frauen. Diese umfassende Abdeckung stellt sicher, dass die „Rote Box" wirklich alle erreicht, die Unterstützung benötigen.
Vizebürgermeisterin und Frauenstadträtin Kathrin Gáal betont den Grundrechtscharakter der Initiative: "Eine entsprechende Monatshygiene ist für Mädchen und Frauen ein Grundbedürfnis und sollte eine Selbstverständlichkeit sein." Diese Aussage unterstreicht den politischen Willen, Periodenarmut nicht als Randproblem, sondern als gesellschaftliche Aufgabe zu betrachten.
Gesundheits- und Sozialstadtrat Peter Hacker hebt den Enttabuisierungsaspekt hervor: "Mit dem Ausbau der Initiative sorgen wir dafür, dass die Rote Box und das Thema generell präsent bleiben." Sichtbarkeit ist tatsächlich ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Menstruationstabus.
BIPA-Geschäftsführerin Daniela Reumann fokussiert auf Aufklärung: "Menstruation ist etwas völlig Natürliches – aber in vielen Kreisen wird noch immer geflüstert, wenn das Thema aufkommt. Das wollen wir ändern." Ihr Kollege Markus Geyer betont die unternehmerische Verantwortung: "Für uns als Unternehmen ist es selbstverständlich, hier Verantwortung zu übernehmen."
Die Rote Box hat Auswirkungen weit über die unmittelbare Produktversorgung hinaus. Sie trägt zur Normalisierung der Menstruation bei, reduziert Scham und fördert die gesellschaftliche Diskussion über ein lange tabuisiertes Thema. Für betroffene Frauen und Mädchen bedeutet sie konkret mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Langfristig könnte die Initiative auch wirtschaftliche Effekte haben: Wenn Mädchen nicht mehr die Schule verpassen und Frauen nicht mehr arbeitslos werden, weil sie sich keine Periodenprodukte leisten können, steigt die Produktivität der Gesellschaft. Studien aus anderen Ländern zeigen, dass Investitionen in Menstruationshygiene sich volkswirtschaftlich lohnen.
Die Erweiterung der Produktauswahl ist ein wichtiger nächster Schritt. Möglicherweise folgen weitere Innovationen: nachhaltige Produkte wie Menstruationstassen, die langfristig günstiger und umweltfreundlicher sind, oder die Ausweitung auf andere Bundesländer. Die Wiener Initiative könnte zum Vorbild für ganz Österreich werden.
Die Wiener "Rote Box" zeigt, wie moderne Sozialpolitik aussehen kann: pragmatisch, würdevoll und effektiv. Die Kombination aus kostenloser Produktbereitstellung, Aufklärungsarbeit und der Zusammenarbeit verschiedener Akteure macht sie zu einem Vorzeigeprojekt. Die aktuelle Erweiterung beweist, dass die Verantwortlichen auf Feedback hören und die Initiative kontinuierlich verbessern.
27.000 ausgegebene Gutscheine pro Monat sind nicht nur eine Zahl – sie stehen für 27.000 Frauen und Mädchen, die jeden Monat würdevoll durch ihre Menstruation gehen können. In einer Stadt wie Wien, die sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst ist, sollte das selbstverständlich sein. Die "Rote Box" macht es zur Realität.