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Weltfrauentag 2024: 800.000 Österreicher pflegen Angehörige

6. März 2026 um 13:38
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Am 8. März 2024 rückt der Weltfrauentag wieder die Leistungen von Frauen in den Fokus – doch hinter den offiziellen Feiern verbirgt sich eine wenig beachtete Realität: Jeden Tag übernehmen Millione...

Am 8. März 2024 rückt der Weltfrauentag wieder die Leistungen von Frauen in den Fokus – doch hinter den offiziellen Feiern verbirgt sich eine wenig beachtete Realität: Jeden Tag übernehmen Millionen von Frauen in Österreich unbezahlte Arbeit, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar ist. Eine neue Analyse des Katholischen Familienverbandes zeigt das wahre Ausmaß dieser "unsichtbaren" Arbeitsleistung und deren dramatische Folgen für die Gleichberechtigung.

Care-Arbeit: Das Fundament unserer Gesellschaft

Care-Arbeit umfasst alle Tätigkeiten der Betreuung, Pflege und Fürsorge für andere Menschen – von der Kinderbetreuung über die Haushaltsführung bis hin zur Pflege älterer Familienangehöriger. Diese Arbeiten werden überwiegend von Frauen geleistet und sind größtenteils unbezahlt. "Frauen sind in vielen Familien gleichzeitig Problemlöserinnen, Zuhörerinnen, Organisatorinnen und Seelsorgerinnen", erklärt Britta Brehm-Cernelic, Vizepräsidentin des Katholischen Familienverbandes Österreich.

Der Begriff der Care-Arbeit entstand in den 1970er Jahren in der feministischen Forschung und beschreibt alle Tätigkeiten, die der Erhaltung und Entwicklung menschlicher Arbeitskraft dienen. Dazu gehören nicht nur die direkten Pflegetätigkeiten, sondern auch emotionale Unterstützung, Organisation des Familienalltags und die Koordination verschiedener Bedürfnisse innerhalb einer Familie.

Dramatische Zahlen zur häuslichen Pflege in Österreich

Die aktuellen Statistiken zeichnen ein eindeutiges Bild der Geschlechterverteilung in der Pflege: In Österreich betreut oder pflegt etwa jede sechste Frau über 18 Jahren ein Familienmitglied. Das sind rund 400.000 Frauen, die täglich Pflegeaufgaben übernehmen. Insgesamt werden etwa 800.000 Menschen in Österreich zu Hause von Angehörigen betreut oder gepflegt – und fast drei Viertel dieser Pflegenden sind Frauen.

Diese Zahlen werden noch dramatischer, wenn man die zeitliche Belastung betrachtet. Laut der Zeitverwendungsstudie 2021/2022 der Statistik Austria wenden Frauen durchschnittlich 4,5 Stunden täglich für unbezahlte Haushalts- und Betreuungsarbeit auf, während Männer nur 2,7 Stunden investieren. Das entspricht einem Unterschied von fast 13 Stunden pro Woche – oder einem zusätzlichen Teilzeitjob für Frauen.

Regionale Unterschiede und demografische Herausforderungen

  • In ländlichen Gebieten ist der Anteil pflegender Frauen noch höher, da professionelle Pflegedienste schlechter verfügbar sind
  • Die Altersgruppe der 45- bis 65-jährigen Frauen ist am stärksten betroffen – sie pflegen oft sowohl Kinder als auch Eltern
  • Mit der demografischen Entwicklung wird sich die Situation verschärfen: Bis 2030 wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Österreich um 25% steigen
  • Besonders betroffen sind Frauen mit Migrationshintergrund, die oft zusätzlich sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden müssen

Die wirtschaftlichen Folgen der Geschlechterungleichheit

Der Gender Pay Gap in Österreich beträgt offiziell etwa 16 Prozent, wenn nur die bezahlte Erwerbsarbeit betrachtet wird. Doch diese Zahl erzählt nur die halbe Wahrheit. Berücksichtigt man auch die unbezahlte Care-Arbeit, zeigt sich ein noch dramatischeres Bild der Ungleichheit: Frauen leisten insgesamt mehr als die Hälfte aller bezahlten und unbezahlten Arbeitsstunden in Österreich, erhalten aber nur etwas mehr als ein Drittel der gesamten Einkommen.

Diese Diskrepanz hat weitreichende Folgen für die finanzielle Sicherheit von Frauen. Viele reduzieren ihre Erwerbstätigkeit oder verlassen den Arbeitsmarkt vollständig, um Pflegeaufgaben zu übernehmen. Das führt zu einer Spirale der wirtschaftlichen Benachteiligung: geringere Einkommen, weniger Pensionsansprüche und höheres Armutsrisiko im Alter.

Langzeitfolgen für die Altersarmut

Die Auswirkungen der Care-Arbeit reichen bis ins hohe Alter. Frauen, die ihre Berufstätigkeit für Pflege- und Betreuungsaufgaben unterbrochen oder reduziert haben, sind deutlich stärker von Altersarmut betroffen. Die durchschnittliche Alterspension von Frauen in Österreich liegt um 42 Prozent niedriger als die von Männern. Dieser Unterschied ist zu einem großen Teil auf die unbezahlte Care-Arbeit zurückzuführen.

Internationale Vergleiche: Österreich im europäischen Kontext

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegt Österreich bei der Gleichstellung in der Care-Arbeit im Mittelfeld. Skandinavische Länder wie Schweden und Norwegen haben durch umfassende Familienpolitik und bessere Kinderbetreuungsangebote eine gleichmäßigere Verteilung erreicht. Deutschland kämpft mit ähnlichen Herausforderungen wie Österreich, während die Schweiz aufgrund der traditionelleren Rollenverteilung noch stärkere Ungleichgewichte aufweist.

Besonders bemerkenswert ist das französische Modell: Dort werden Care-Tätigkeiten stärker professionalisiert und durch staatliche Unterstützung gefördert. Das Ergebnis: Französische Frauen haben eine höhere Erwerbsquote und geringere Einkommensunterschiede als ihre österreichischen Kolleginnen.

Auswirkungen auf Beruf und Karriere

Die Übernahme von Care-Aufgaben hat massive Auswirkungen auf die Berufslaufbahn von Frauen. Viele sind gezwungen, Teilzeit zu arbeiten oder längere Karrierepausen einzulegen. Das führt nicht nur zu geringeren Einkommen, sondern auch zu schlechteren Aufstiegschancen und weniger Führungspositionen für Frauen.

Ein konkretes Beispiel: Eine 35-jährige Frau, die ihre Arbeitszeit von Vollzeit auf 25 Stunden reduziert, um ihre pflegebedürftige Mutter zu betreuen, verzichtet nicht nur auf 37,5 Prozent ihres aktuellen Einkommens, sondern auch auf entsprechende Sozialversicherungsbeiträge und Aufstiegsmöglichkeiten. Über ein Berufsleben gerechnet kann das einen Einkommensverlust von mehreren hunderttausend Euro bedeuten.

Konkrete Beispiele aus dem Alltag

  • Mütter, die ihre Arbeitszeit reduzieren, weil Kinderbetreuungsplätze fehlen
  • Töchter, die ihre Karriere unterbrechen, um Eltern zu pflegen
  • Frauen, die Nachtdienste in der Pflege übernehmen und tagsüber den Haushalt führen
  • Selbstständige Frauen, die Aufträge ablehnen müssen, weil sie Betreuungsaufgaben haben

Der Pflegenotstand und seine Geschlechterdimension

Österreich steht vor einem massiven Pflegenotstand. Bis 2030 werden zusätzlich 76.000 Pflegekräfte benötigt, doch gleichzeitig verlassen viele Frauen den Pflegeberuf aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen und geringer Bezahlung. Paradoxerweise übernehmen dann oft dieselben Frauen die Pflege ihrer Angehörigen zu Hause – unentgeltlich und ohne professionelle Unterstützung.

Die Corona-Pandemie hat diese Problematik noch verschärft. Während der Lockdowns stieg die Belastung für pflegende Angehörige dramatisch an, da professionelle Dienste eingeschränkt oder ganz eingestellt wurden. Studien zeigen, dass sich die psychische Belastung pflegender Frauen während der Pandemie um bis zu 40 Prozent erhöht hat.

Politische Lösungsansätze und Forderungen

Experten fordern schon lange eine grundlegende Reform der Care-Arbeit in Österreich. Dazu gehören der Ausbau der Kinderbetreuung, flexible Arbeitsmodelle, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine Aufwertung der Pflegeberufe. "Wer über Gleichstellung spricht, muss auch über unbezahlte Arbeit sprechen", betont Britta Brehm-Cernelic vom Katholischen Familienverband.

Konkrete Maßnahmen könnten umfassen: Pflegegeld für pflegende Angehörige, Pensionsanrechnungszeiten für Care-Arbeit, flächendeckende Kinderbetreuung ab dem ersten Lebensjahr und steuerliche Entlastungen für Familien mit Pflegebedürftigen. Auch die Einführung einer Pflegeversicherung nach deutschem Vorbild wird diskutiert.

Social-Media-Kampagne macht Care-Arbeit sichtbar

Um die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für diese Themen zu erhöhen, startet der Katholische Familienverband die Kampagne "Frauen vor den Vorhang" auf Instagram und Facebook. Mit dem Hashtag #FrauenVorDenVorhang sollen Menschen dazu aufgerufen werden, Frauen aus ihrem Umfeld für ihre Leistungen zu würdigen und diese sichtbar zu machen.

Solche Kampagnen sind wichtig, um das Bewusstsein zu schärfen, doch sie können strukturelle Probleme nicht lösen. Es braucht politische Reformen und gesellschaftlichen Wandel, um die Ungleichverteilung der Care-Arbeit zu überwinden.

Zukunftsperspektiven: Wie kann Gleichstellung gelingen?

Die Lösung der Care-Krise erfordert einen gesellschaftlichen Wandel. Dazu gehört eine gleichmäßigere Verteilung der Care-Aufgaben zwischen den Geschlechtern, eine bessere Professionalisierung der Pflege und eine stärkere staatliche Unterstützung für Familien. Nur wenn Care-Arbeit als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, können Frauen echte Wahlfreiheit erlangen.

Erste positive Entwicklungen sind erkennbar: Immer mehr Väter nehmen Karenz in Anspruch, Unternehmen bieten flexible Arbeitsmodelle an und die Politik diskutiert über eine Pflegereform. Doch der Weg zur echten Gleichstellung ist noch weit. Experten schätzen, dass es bei der aktuellen Geschwindigkeit noch mindestens 20 Jahre dauern wird, bis eine faire Verteilung der Care-Arbeit erreicht ist.

Der Weltfrauentag 2024 sollte daher nicht nur ein Tag der Würdigung sein, sondern auch ein Aufruf zum Handeln. Die unsichtbare Arbeit von Frauen muss endlich die Anerkennung, Unterstützung und faire Entlohnung erhalten, die sie verdient. Nur so kann eine Gesellschaft entstehen, in der Geschlechtergerechtigkeit mehr als nur ein Schlagwort ist.

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