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Welt-Roma-Tag: Wie THARA-Projekt seit 20 Jahren Integration fördert

7. April 2026 um 07:58
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Am 8. April würdigt Österreich gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft den Welt-Roma-Tag. Was 1971 mit dem ersten Welt-Roma-Kongress als Bürgerrechtsbewegung begann, zeigt heute in Österreic...

Am 8. April würdigt Österreich gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft den Welt-Roma-Tag. Was 1971 mit dem ersten Welt-Roma-Kongress als Bürgerrechtsbewegung begann, zeigt heute in Österreich konkrete Erfolge: Das Arbeitsmarktprojekt THARA der Volkshilfe feiert sein 20-jähriges Bestehen und ein geplantes Rom*nja-Denkmal setzt neue Zeichen für gesellschaftliche Anerkennung. Doch trotz dieser Fortschritte kämpfen Roma und Sinti weiterhin gegen strukturelle Diskriminierung.

THARA-Projekt: Zwei Jahrzehnte erfolgreiche Integration

Das Arbeitsmarktprojekt THARA der Volkshilfe Österreich hat sich seit seiner Gründung vor über 20 Jahren zu einem Vorzeigeprogramm entwickelt. THARA steht als Akronym für "Training, Housing, Advocacy, Representation, Action" und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz zur Arbeitsmarktintegration von Roma und Sinti. Das Projekt kombiniert berufliche Qualifizierung mit sozialer Betreuung und gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit.

"Wir sehen heute eine selbstbewusste junge Generation von Rom*nja und Sinti*zze, die in Österreich aufgewachsen ist, mehrere Sprachen spricht und ihren Platz in unterschiedlichsten Berufsfeldern einnimmt", erklärt Usnija Buligovic, THARA-Beauftragte der Volkshilfe. Diese Entwicklung spiegelt den Erfolg langfristiger, struktureller Unterstützungsmaßnahmen wider, die über reine Symptombekämpfung hinausgehen.

Empowerment als Schlüssel zum Erfolg

Der Begriff Empowerment bezeichnet den Prozess der Selbstbemächtigung und Stärkung von Eigenverantwortung. Im Kontext von THARA bedeutet dies konkret: Anstatt Roma und Sinti als passive Hilfeempfänger zu betrachten, werden sie als aktive Gestalter ihrer Zukunft gefördert. Das Projekt schafft Räume, in denen Menschen ihre kulturellen und sprachlichen Kompetenzen als Ressourcen einsetzen können.

Mehrsprachigkeit, die in der Roma-Gemeinschaft weit verbreitet ist, wird dabei nicht als Integrationshindernis, sondern als wertvolle Fähigkeit anerkannt. Viele Roma sprechen neben ihrer Muttersprache Romanes auch Deutsch, Ungarisch, Slowakisch oder andere Sprachen fließend – eine Kompetenz, die in einer globalisierten Wirtschaft zunehmend geschätzt wird.

Historischer Kontext: Von Verfolgung zu Anerkennung

Die Geschichte der Roma in Österreich ist von jahrhundertelanger Diskriminierung und Verfolgung geprägt. Bereits im Mittelalter wurden Roma systematisch ausgegrenzt und verfolgt. Der Höhepunkt der Verfolgung erreichte während des Nationalsozialismus seinen tragischen Höhepunkt: Etwa 90 Prozent der österreichischen Roma wurden im Holocaust ermordet. Diese historische Belastung wirkt bis heute nach und erschwert Integration und gesellschaftliche Teilhabe.

Der erste Welt-Roma-Kongress 1971 in London markierte einen Wendepunkt. Erstmals organisierten sich Roma international, wählten eine gemeinsame Flagge und Hymne und formulierten politische Forderungen. Dieser Kongress begründete eine internationale Bürgerrechtsbewegung, die bis heute für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung kämpft.

In Österreich leben heute schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Roma und Sinti. Sie gliedern sich in verschiedene Untergruppen: die traditionell sesshaften Burgenland-Roma, die Lovara, die Kalderasch und andere Gruppen mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen und Sprachen. Diese Vielfalt innerhalb der Roma-Gemeinschaft wird oft übersehen, wenn pauschalisierend über "die Roma" gesprochen wird.

Rechtliche Anerkennung als Wendepunkt

1993 wurden die Roma in Österreich als Volksgruppe anerkannt – ein wichtiger Meilenstein für ihre rechtliche Stellung. Diese Anerkennung brachte konkrete Verbesserungen: Romanes wurde als Minderheitensprache geschützt, zweisprachige Ortstafeln im Burgenland eingeführt und kulturelle Förderungen ermöglicht. Dennoch blieben strukturelle Benachteiligungen bestehen, die Programme wie THARA zu überwinden suchen.

Antiromaismus: Eine unterschätzte Form des Rassismus

Antiromaismus bezeichnet die spezifische Form von Rassismus gegen Roma und Sinti. Anders als andere Formen der Diskriminierung ist Antiromaismus in der österreichischen Gesellschaft noch immer weit verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. Studien zeigen, dass negative Vorurteile gegen Roma auch bei Menschen vorhanden sind, die sich grundsätzlich gegen Rassismus aussprechen.

Diese Diskriminierung äußert sich konkret bei der Wohnungssuche, Jobsuche und im Bildungsbereich. Viele Roma verheimlichen daher ihre Herkunft, um Nachteile zu vermeiden – ein Phänomen, das Experten als "passing" bezeichnen. Dadurch bleiben erfolgreiche Roma oft unsichtbar, was wiederum negative Stereotype verstärkt.

"Es braucht weiterhin konsequente Maßnahmen gegen Antiromaismus sowie faire Chancen in Bildung, Beschäftigung, Wohnen und Gesundheit", betont die Volkshilfe. Dabei geht es nicht nur um individuelle Einstellungsänderungen, sondern um strukturelle Reformen in Institutionen und Verwaltung.

Bildung als Schlüssel zur Integration

Ein zentraler Baustein des THARA-Projekts ist die Bildungsförderung. Historisch wurden Roma-Kinder oft in Sonderschulen abgeschoben oder erhielten eine unzureichende Schulbildung. Diese Bildungsdefizite wirken sich generationenübergreifend aus und verstärken soziale Benachteiligung.

THARA setzt hier auf mehreren Ebenen an: Neben direkter Nachhilfe und Bildungsberatung für Roma-Familien arbeitet das Projekt auch mit Schulen zusammen, um Lehrkräfte für die spezifischen Bedürfnisse von Roma-Kindern zu sensibilisieren. Dabei spielt die Wertschätzung der Roma-Kultur eine wichtige Rolle – Kinder sollen nicht zwischen ihrer Herkunft und schulischem Erfolg wählen müssen.

Besonders erfolgreich sind Programme, die Roma-Kultur als Bereicherung des Schullebens verstehen. Wenn Roma-Kinder ihre Sprache und Traditionen in der Schule einbringen können, stärkt das ihr Selbstbewusstsein und verbessert ihre Lernmotivation erheblich.

Erfolgsgeschichten aus der Praxis

Die 20-jährige Geschichte von THARA ist reich an Erfolgsgeschichten: Roma, die als Sozialarbeiter, Übersetzer, Unternehmer oder in anderen qualifizierten Berufen tätig sind. Diese Menschen fungieren als Vorbilder für jüngere Generationen und durchbrechen negative Stereotype.

Besonders bemerkenswert ist die wachsende Zahl von Roma-Akademikern in Österreich. Sie engagieren sich oft selbst in der Community-Arbeit und tragen zur Selbstorganisation ihrer Gemeinschaft bei. Diese Entwicklung zeigt, dass Integration gelingen kann, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Geplantes Rom*nja-Denkmal: Symbol der Anerkennung

Ein wichtiger symbolischer Fortschritt ist das geplante Rom*nja-Denkmal, das in naher Zukunft errichtet werden soll. Dieses Denkmal setzt ein wichtiges Zeichen für die gesellschaftliche Anerkennung der Roma-Geschichte und -Gegenwart in Österreich. Es würdigt nicht nur die Opfer der Verfolgung, sondern auch die kulturellen Beiträge der Roma zur österreichischen Gesellschaft.

"Das geplante Rom*nja-Denkmal setzt wichtige Zeichen für Anerkennung, Sichtbarkeit und den politischen Willen", erklärt Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger. Solche symbolischen Gesten haben durchaus praktische Auswirkungen: Sie legitimieren die Forderungen der Roma-Gemeinschaft und schaffen öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Anliegen.

Vergleich mit anderen europäischen Ländern

Im europäischen Vergleich nimmt Österreich bei der Roma-Integration eine mittlere Position ein. Länder wie Schweden oder die Niederlande gelten als Vorreiter bei der Integration von Roma, während in osteuropäischen Ländern wie Ungarn oder der Slowakei noch erhebliche Defizite bestehen.

Deutschland hat ähnliche Herausforderungen wie Österreich, verfügt aber über größere finanzielle Ressourcen für Integrationsprogramme. In der Schweiz leben deutlich weniger Roma, was spezifische Programme schwieriger macht. Besonders erfolgreich sind Programme, die auf lokaler Ebene angesiedelt sind und eng mit den Roma-Gemeinschaften zusammenarbeiten.

Die Europäische Union hat 2011 einen Rahmen für nationale Roma-Integrationsstrategien verabschiedet, der alle Mitgliedsländer zur Entwicklung spezifischer Programme verpflichtet. Österreichs THARA-Projekt gilt dabei als Beispiel für erfolgreiche Praxis und wird international beachtet.

Wirtschaftliche Dimension der Integration

Die erfolgreiche Integration von Roma hat nicht nur soziale, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Studien zeigen, dass jeder in Integration investierte Euro langfristig das Drei- bis Vierfache an gesellschaftlichen Kosten einspart. Wenn Roma-Familien aus der Armut herausfinden und stabile Beschäftigung erreichen, reduziert das Sozialkosten und erhöht das Steueraufkommen.

"Die Kultur der Rom*nja und Sinti*zze steht für Zusammenhalt, Anpassungsfähigkeit und Mehrsprachigkeit. Das sind Kompetenzen, die unsere Gesellschaft stärken", betont Erich Fenninger. Diese Kompetenzen sind in einer globalisierten Wirtschaft besonders wertvoll: Kulturelle Flexibilität, Sprachkenntnisse und Netzwerkfähigkeiten der Roma können österreichischen Unternehmen Zugänge zu neuen Märkten ermöglichen.

Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

Trotz aller Fortschritte bleiben erhebliche Herausforderungen bestehen. Die Arbeitslosigkeit unter Roma liegt weiterhin deutlich über dem österreichischen Durchschnitt. Wohnungsdiskriminierung erschwert vielen Roma-Familien den Zugang zu angemessenem Wohnraum. Im Bildungsbereich sind Roma-Kinder noch immer überproportional in Sonderschulen vertreten.

Die Corona-Pandemie hat bestehende Benachteiligungen zusätzlich verstärkt. Viele Roma arbeiten in Branchen, die besonders stark von Lockdown-Maßnahmen betroffen waren. Gleichzeitig war der Zugang zu digitaler Bildung für Roma-Kinder oft erschwert, was zu weiteren Bildungsrückständen führte.

Für die Zukunft plant die Volkshilfe eine Ausweitung des THARA-Projekts. Besondere Schwerpunkte sollen auf die Förderung von Roma-Frauen und die Unterstützung von Existenzgründungen gelegt werden. Auch die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft bleibt ein wichtiges Arbeitsfeld.

Digitalisierung als neue Chance

Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für Roma-Integration. Online-Plattformen können sprachliche Barrieren überwinden und ermöglichen Roma-Unternehmern den Zugang zu neuen Märkten. Gleichzeitig können digitale Bildungsangebote flexibel an die Bedürfnisse von Roma-Familien angepasst werden.

Besonders vielversprechend sind Programme, die traditionelle Roma-Fertigkeiten mit modernen Technologien verbinden. Handwerkliche Traditionen wie Metallbearbeitung oder Musikinstrumentenbau können durch digitale Vermarktung neue Zielgruppen erreichen.

Gesellschaftlicher Wandel durch Begegnung

Der nachhaltige Abbau von Vorurteilen gelingt am besten durch persönliche Begegnung. Programme wie THARA schaffen solche Begegnungen und tragen zu einem differenzierteren Bild von Roma in der österreichischen Gesellschaft bei. Wenn Roma als Kollegen, Nachbarn oder Geschäftspartner wahrgenommen werden, verlieren Stereotype an Kraft.

"Vielfalt ist kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Ressource für soziale Gerechtigkeit", fasst Erich Fenninger die Philosophie der Volkshilfe zusammen. Diese Erkenntnis gewinnt in Zeiten demografischen Wandels und Fachkräftemangels zusätzliche Relevanz.

Der Welt-Roma-Tag am 8. April erinnert daran, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Es geht nicht nur darum, dass sich Roma anpassen, sondern dass die gesamte Gesellschaft von kultureller Vielfalt profitiert. Die Erfolge des THARA-Projekts zeigen: Wenn Barrieren abgebaut werden und Potenziale gefördert werden, entstehen Win-Win-Situationen für alle Beteiligten. Die geplante Errichtung eines Rom*nja-Denkmals symbolisiert diesen Wandel und macht Hoffnung auf eine inklusive Zukunft, in der Herkunft nicht über Lebenschancen entscheidet.

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