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Kultur

Vom Landtag in den Gulag: Das vergessene Schicksal zweier Abgeordneter

19. September 2025 um 07:44
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Ein neu aufgelegtes Buch rüttelt an den Grundfesten unseres Geschichtsverständnisses und erinnert uns daran, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Am 19. September 2025 wurde in St. Pölten das Buch „Verschleppt – Verbannt – Unvergessen“ präsentiert, das die bewegenden Ges

Ein neu aufgelegtes Buch rüttelt an den Grundfesten unseres Geschichtsverständnisses und erinnert uns daran, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Am 19. September 2025 wurde in St. Pölten das Buch „Verschleppt – Verbannt – Unvergessen“ präsentiert, das die bewegenden Geschichten der niederösterreichischen Landtagsabgeordneten Ferdinand Riefler und Franz Gruber erzählt. Diese wurden im Sommer 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht verschleppt und verbrachten Jahre in den berüchtigten Gulags, den Straflagern der Sowjetunion.

Ein Blick zurück: Die Nachkriegszeit und der eiserne Vorhang

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt, eine davon unter sowjetischer Kontrolle. Diese Zeit war geprägt von politischen Spannungen und dem beginnenden Kalten Krieg. Die Sowjetunion versuchte, ihren Einflussbereich auszuweiten, was zur Verhaftung und Deportation von tausenden Menschen führte, die als politische Gegner oder potenzielle Gefährder angesehen wurden.

Ferdinand Riefler und Franz Gruber, beide Abgeordnete im niederösterreichischen Landtag, gerieten in das Visier der sowjetischen Besatzer. Ihre Verschleppung war nicht nur ein persönliches Drama, sondern auch ein politisches Statement der Sowjets gegen den österreichischen Parlamentarismus. Die beiden Männer teilten ihr Schicksal mit über 2.000 weiteren Österreichern, die in den Gulags leiden mussten.

Der Gulag: Ein System der Unterdrückung

Der Begriff „Gulag“ steht für die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager in der Sowjetunion. Diese Lager waren berüchtigt für ihre unmenschlichen Bedingungen. Die Insassen wurden zu harter Zwangsarbeit gezwungen, oft unter extremen klimatischen Bedingungen, mit unzureichender Nahrung und medizinischer Versorgung. Viele überlebten die Tortur nicht.

Riefler und Gruber verbrachten fast ein Jahrzehnt in dieser Hölle auf Erden. Ihre Rückkehr nach Österreich im Jahr 1955 war ein Wunder und ein Zeichen der Hoffnung. Doch die Erinnerungen an das Erlebte blieben unauslöschlich.

Ein Buch gegen das Vergessen

Nach seiner Rückkehr veröffentlichte Ferdinand Riefler seine Erinnerungen in dem Buch „Verschleppt – Verbannt – Unvergessen“. Diese Schilderungen sind nicht nur ein Zeugnis des Überlebenswillens, sondern auch eine Mahnung an kommende Generationen, die Werte der Demokratie zu verteidigen.

Auf Initiative von Landtagspräsident Karl Wilfing wurde das Buch nun neu herausgegeben und vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung wissenschaftlich kontextualisiert. Diese Neuauflage enthält auch die Lebensläufe von Riefler, Gruber und Grubers Tochter Helene, die ebenfalls inhaftiert war.

Die Bedeutung der Neuauflage

„Das Buch führt uns vor Augen, dass Demokratie nicht in Stein gemeißelt ist, sondern täglich verteidigt und gelebt werden muss,“ erklärte Landtagspräsident Karl Wilfing bei der Präsentation. Diese Worte sind eine deutliche Warnung in Zeiten, in denen politische Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen wieder zunehmen.

Für Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner ist das Buch ein wichtiger Beitrag zum niederösterreichischen Gedenkjahr „Erinnern für die Zukunft“. Sie betont die Notwendigkeit, aus der Geschichte zu lernen und die Lehren daraus für eine bessere Zukunft zu ziehen.

Die politische Dimension: Ein Mahnmal der Geschichte

Die Verschleppung der beiden Abgeordneten war nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern auch eine politische Botschaft. Der niederösterreichische Landtag hielt die Sitze der verschleppten Abgeordneten frei, ein symbolischer Akt der Solidarität und des Widerstands gegen die Willkür der Besatzungsmächte.

Dieser Akt zeigt, dass politische Institutionen auch in schwierigen Zeiten standhaft bleiben können. Die Geschichte von Riefler und Gruber ist ein Appell, die Errungenschaften der Demokratie zu schätzen und zu schützen.

Österreich im Vergleich: Andere Bundesländer und ihre Reaktionen

Auch in anderen Teilen Österreichs kam es zu ähnlichen Vorfällen. Doch die Reaktionen waren unterschiedlich. Während in Niederösterreich die Sitze freigehalten wurden, war dies in anderen Bundesländern nicht immer der Fall. Diese Unterschiede zeigen die Vielfalt der politischen Kulturen in Österreich und die Bedeutung lokaler Widerstandsakte.

Ein Ausblick in die Zukunft

Das Buch „Verschleppt – Verbannt – Unvergessen“ ist mehr als nur eine historische Aufarbeitung. Es ist ein Weckruf an die heutige Gesellschaft, die Lehren der Vergangenheit nicht zu vergessen und aktiv für eine gerechtere Zukunft einzutreten.

Historiker wie Christoph H. Benedikter betonen, dass die Schicksale von Riefler und Gruber exemplarisch für eine Generation stehen, die von historischen Katastrophen gezeichnet wurde. Diese Geschichten sollen nicht nur erinnern, sondern auch inspirieren, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen.

Das Buch ist im gut sortierten Buchhandel und über die Webseite des Studienverlags erhältlich. Es bietet nicht nur eine packende Lektüre, sondern auch eine wichtige historische Quelle für alle, die sich für die Geschichte Österreichs und die Herausforderungen der Nachkriegszeit interessieren.

  • Biografie von Ferdinand Riefler
  • Biografie von Franz Gruber

Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der sich mit der Geschichte der Demokratie und den Herausforderungen der Freiheit auseinandersetzen möchte. Es erinnert uns daran, dass die Vergangenheit nie weit entfernt ist und dass wir alle eine Verantwortung tragen, die Zukunft zu gestalten.

Schlagworte

#Demokratie#Ferdinand Riefler#Franz Gruber#Gulag#Nachkriegszeit#Niederösterreich#Sowjetunion

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