Die erste Verhandlungsrunde für den neuen Kollektivvertrag in der österreichischen Tourismusindustrie ist ohne Einigung zu Ende gegangen. Rund 220.000 Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie war...
Die erste Verhandlungsrunde für den neuen Kollektivvertrag in der österreichischen Tourismusindustrie ist ohne Einigung zu Ende gegangen. Rund 220.000 Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie warten weiterhin auf eine Lösung, die ihren gestiegenen Lebenskosten gerecht wird. Die Gewerkschaft vida fordert 3,8 Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeber bieten nur 2,3 Prozent – eine Kluft, die am 7. April in der nächsten Verhandlungsrunde überwunden werden muss.
Die Ausgangslage der aktuellen Kollektivvertragsverhandlungen ist eindeutig: Bei einer Jahresinflation von 3,6 Prozent verlieren Arbeitnehmer ohne entsprechende Lohnsteigerungen kontinuierlich an Kaufkraft. "Die Arbeitgeber boten Lohn- und Gehaltsanpassungen von lediglich 2,3 Prozent. Unsere Forderung hingegen liegt bei 3,8 Prozent, um einen Einkommensverlust der Beschäftigten zu verhindern und ihnen den Respekt zu erweisen, den sie verdienen", erklärte Eva Eberhart, Verhandlungsleiterin der Gewerkschaft vida.
Diese Differenz von 1,5 Prozentpunkten mag auf den ersten Blick gering erscheinen, bedeutet aber für eine Vollzeitkraft mit einem Bruttogehalt von beispielsweise 2.500 Euro monatlich einen Unterschied von etwa 375 Euro pro Jahr. Bei den niedrigen Löhnen im Tourismus, wo viele Beschäftigte bereits jetzt jeden Euro zweimal umdrehen müssen, ist dies ein beträchtlicher Betrag.
Die österreichische Tourismusbranche hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Strukturwandel durchlebt. Was einst als saisonale Nebentätigkeit für Landwirte begann, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Mit einem Anteil von etwa 7,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt und direkten sowie indirekten Beschäftigungseffekten für mehr als eine halbe Million Menschen ist der Tourismus heute systemrelevant für Österreich.
Doch diese Erfolgsgeschichte hat auch ihre Schattenseiten. Lange Arbeitszeiten, Wochenendarbeit, saisonale Schwankungen und unterdurchschnittliche Bezahlung prägten über Jahre das Image der Branche als "Ausbeuter-Industrie". Während die Gästenächtigungen stiegen und die Umsätze explodierten, blieben die Arbeitsbedingungen oft auf der Strecke.
Erst in den letzten Jahren führte der akute Fachkräftemangel zu einem Umdenken. Hotels und Restaurants konkurrieren mittlerweile nicht nur um Gäste, sondern verzweifelt auch um qualifizierte Mitarbeiter. Diese Marktmacht wollen die Gewerkschaften nun nutzen, um strukturelle Verbesserungen durchzusetzen.
Die aktuellen Verhandlungen gehen weit über reine Lohnerhöhungen hinaus. Die Gewerkschaft vida fordert konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, die das Leben der Beschäftigten nachhaltig verbessern könnten. Kernpunkte sind mindestens zwölf garantierte freie Sonntage pro Jahr sowie bezahlte Mittagspausen.
Diese Forderungen mögen für Außenstehende selbstverständlich klingen, sind aber in der Tourismusbranche revolutionär. Viele Beschäftigte arbeiten derzeit sechs oder sieben Tage pro Woche, oft ohne durchgehende Pausen. Ein Kellner in einem stark frequentierten Wiener Café beispielsweise steht häufig von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends praktisch durchgehend im Einsatz – lediglich mit kurzen, unbezahlten Unterbrechungen.
Die Forderung nach zwölf freien Sonntagen würde bedeuten, dass Arbeitnehmer mindestens einmal im Monat ein komplettes Wochenende mit ihrer Familie verbringen könnten. Bezahlte Mittagspausen würden nicht nur die Arbeitsqualität verbessern, sondern auch ein Zeichen der Wertschätzung setzen.
Der chronische Personalmangel in der Branche verleiht den gewerkschaftlichen Forderungen zusätzliches Gewicht. Österreichweit sind derzeit etwa 40.000 Stellen in Hotellerie und Gastronomie unbesetzt. Besonders in touristischen Hochburgen wie Salzburg, Tirol oder dem Salzkammergut suchen Betriebe händeringend nach Personal.
Diese Situation hat bereits zu einer natürlichen Lohnsteigerung geführt: Viele Hotels bieten mittlerweile Einstiegsgehälter von 2.800 bis 3.200 Euro brutto für ungelernte Kräfte – deutlich über dem bisherigen Kollektivvertragslohn von etwa 2.100 Euro. Die Gewerkschaft will nun sicherstellen, dass diese Entwicklung nicht nur den wenigen "Glücklichen" zugutekommt, sondern flächendeckend implementiert wird.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass österreichische Tourismusarbeiter im internationalen Vergleich tatsächlich benachteiligt sind. In Deutschland liegt der Mindestlohn für Hotellerie und Gastronomie bei etwa 12,50 Euro pro Stunde, während österreichische Kollektivvertragslöhne umgerechnet oft nur 11,80 bis 12,20 Euro erreichen.
Noch drastischer ist der Unterschied zur Schweiz: Dort verdienen ungelernte Servicekräfte durchschnittlich 3.800 bis 4.200 Schweizer Franken (etwa 3.900 bis 4.300 Euro) monatlich. Allerdings sind auch die Lebenshaltungskosten entsprechend höher. Dennoch bleibt nach Bereinigung um die Kaufkraft ein deutlicher Vorteil für die Schweizer Kollegen.
Interessant ist auch die Entwicklung in anderen österreichischen Branchen: Während im Tourismus um jeden Prozentpunkt gerungen wird, konnten Metallarbeiter zuletzt 8,1 Prozent mehr Lohn aushandeln, Chemie-Beschäftigte erhielten 7,9 Prozent Erhöhung. Diese Diskrepanz verdeutlicht die schwache Verhandlungsposition der Tourismusgewerkschaft in der Vergangenheit.
Die Auswirkungen stagnierender Löhne bei steigender Inflation zeigen sich im Alltag der Tourismusarbeiter drastisch. Maria S., eine Kellnerin aus Innsbruck, berichtet: "Früher konnte ich mir nach der Arbeit noch einen Kaffee mit Freunden leisten. Heute rechne ich jeden Einkauf dreimal durch. Die Miete frisst schon 60 Prozent meines Nettogehalts."
Solche Einzelschicksale sind keine Ausnahme, sondern spiegeln die Realität von Hunderttausenden wider. Eine Vollzeitkraft im Tourismus verdient durchschnittlich 2.400 Euro brutto monatlich. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung bleiben etwa 1.800 Euro netto übrig. Bei einer durchschnittlichen Miete von 800 bis 1.000 Euro in touristischen Regionen wird klar, warum viele Beschäftigte finanziell unter Druck stehen.
Die von der Gewerkschaft geforderte Erhöhung von 3,8 Prozent würde für diese Beispielkraft etwa 90 Euro brutto mehr bedeuten – nach Steuern bleiben davon etwa 60 Euro netto übrig. Nicht viel, aber immerhin ein kleiner Puffer gegen die Inflation.
Besonders prekär ist die Situation in touristischen Hotspots wie Hallstatt, Zell am See oder Kitzbühel. Hier treffen niedrige Tourismuslöhne auf explodierende Wohnkosten. Viele Beschäftigte müssen täglich weite Strecken pendeln, weil sie sich das Leben am Arbeitsort nicht leisten können. Diese "Zwei-Klassen-Gesellschaft" zwischen gut verdienenden Städtern und niedrig entlohnten Servicekräften wird durch stagnierende Löhne weiter verschärft.
Die Zurückhaltung der Arbeitgeber ist nicht nur Geiz, sondern spiegelt auch die schwierige Lage vieler Betriebe wider. Steigende Energiekosten, höhere Lebensmittelpreise und gestiegene Zinsen belasten die Kalkulationen erheblich. Viele kleinere Hotels und Restaurants kämpfen noch immer mit den Nachwirkungen der Corona-Pandemie.
Gleichzeitig stehen die Betriebe unter enormem Konkurrenzdruck. Online-Bewertungsportale und soziale Medien sorgen dafür, dass schlechter Service sofort bestraft wird. Qualifizierte und motivierte Mitarbeiter sind daher überlebenswichtig – ein Dilemma, das bessere Bezahlung eigentlich logisch machen würde.
Die Wirtschaftskammer Österreich argumentiert, dass überdurchschnittliche Lohnsteigerungen die Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnten. Besonders Betriebe in grenznahen Regionen fürchten, dass deutsche oder italienische Konkurrenten mit niedrigeren Personalkosten punkten könnten.
Die aktuellen Verhandlungen könnten einen Wendepunkt für die österreichische Tourismusbranche markieren. Experten sehen mehrere Trends, die langfristig zu besseren Arbeitsbedingungen führen könnten: Der anhaltende Fachkräftemangel zwingt Betriebe zum Umdenken, die Digitalisierung könnte Arbeitsprozesse effizienter machen und der Trend zu nachhaltigem Tourismus beinhaltet auch soziale Nachhaltigkeit.
Gleichzeitig warnen Branchenkenner vor zu optimistischen Prognosen. Der Tourismus bleibt eine zyklische Branche, die stark von externen Faktoren wie Wirtschaftskrisen, Pandemien oder geopolitischen Spannungen abhängt. Langfristige Verbesserungen sind daher nur durch strukturelle Reformen möglich.
Ein möglicher Weg könnte die Professionalisierung der Branche sein. Statt auf ungelernte Saisonkräfte zu setzen, könnten Hotels und Restaurants verstärkt auf qualifizierte Fachkräfte mit entsprechender Bezahlung setzen. Erste Erfolgsbeispiele gibt es bereits: Luxushotels, die ihren Mitarbeitern Jahresverträge, Weiterbildungsmöglichkeiten und überdurchschnittliche Gehälter bieten, haben deutlich weniger Personalprobleme.
Die Kollektivvertragsverhandlungen haben auch eine politische Dimension. Die Bundesregierung hat wiederholt betont, dass Österreich ein "High-wage-country" bleiben soll. Gleichzeitig ist der Tourismus ein Prestigeobjekt der österreichischen Wirtschaftspolitik. Stagnierende Löhne in dieser Schlüsselbranche würden diesen Anspruch konterkarieren.
Besonders die ÖVP, traditionell arbeitgebernah, steht unter Zugzwang. Einerseits will sie die Betriebe nicht überlasten, andererseits kann sie sich keine sozialen Verwerfungen in einer ihrer Kernbranchen leisten. Die SPÖ und auch die Grünen haben bereits angekündigt, die Verhandlungen genau zu beobachten und gegebenenfalls politisch zu intervenieren.
Mit dem nächsten Verhandlungstermin am 7. April rückt eine erste Entscheidung näher. Beide Seiten haben signalisiert, konstruktiv bleiben zu wollen, aber die Positionen liegen noch weit auseinander. Eva Eberhart von der Gewerkschaft vida zeigte sich dennoch optimistisch: "Wir freuen uns auf weitere Gespräche und bleiben offen für konstruktive Vorschläge."
Sollte auch die zweite Runde ergebnislos verlaufen, könnten härtere Bandagen angelegt werden. Warnstreiks oder andere Protestaktionen sind zwar noch kein Thema, aber die Gewerkschaft hat diese Optionen nie ausgeschlossen. Gerade in der beginnenden Hochsaison wären solche Maßnahmen für die Betriebe besonders schmerzhaft.
Die 220.000 Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie werden die Entwicklung jedenfalls genau verfolgen. Für sie geht es nicht nur um ein paar Euro mehr im Monat, sondern um die grundsätzliche Frage, ob ihre Arbeit endlich die Wertschätzung erfährt, die sie verdient. Die nächste Verhandlungsrunde wird zeigen, ob die Branche bereit ist für diesen überfälligen Paradigmenwechsel.