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Totschnig startet Bildungsoffensive für faire Landwirtschaft

13. April 2026 um 11:23
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Die österreichische Landwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen: Während Supermärkte ihre Marktmacht immer stärker ausspielen, kämpfen Bäuerinnen und Bauern um faire Preise für ihre Produkte...

Die österreichische Landwirtschaft steht vor enormen Herausforderungen: Während Supermärkte ihre Marktmacht immer stärker ausspielen, kämpfen Bäuerinnen und Bauern um faire Preise für ihre Produkte. Bundesminister Norbert Totschnig setzt nun bei der Bildung an und startete am 13. April 2026 an der HBLA Klosterneuburg die Initiative "Fairness-Büro macht Schule" – ein Projekt, das künftige Hofübernehmerinnen und Hofübernehmer bereits während ihrer Ausbildung für die komplexen Machtverhältnisse in der Lebensmittelkette sensibilisieren soll.

Bildungsoffensive gegen Marktkonzentration im Lebensmittelhandel

Das Fairness-Büro, eine spezialisierte Stelle des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, bringt mit dieser Initiative rechtliche und wirtschaftliche Themen direkt in jene Schulen, in denen die Zukunft der heimischen Landwirtschaft ausgebildet wird. "Wer künftig in der Landwirtschaft tätig sein will, sollte die Zusammenhänge entlang der Wertschöpfungskette verstehen, wirtschaftliche Entwicklungen einordnen und die eigenen Rechte kennen", betonte Minister Totschnig bei der Auftaktveranstaltung.

Die Wertschöpfungskette in der Lebensmittelproduktion beschreibt alle Stufen von der landwirtschaftlichen Erzeugung über die Verarbeitung und den Handel bis hin zum Endverbraucher. Jede Stufe fügt dem Produkt Wert hinzu, doch die Verteilung der Gewinne ist oft ungleich. Während Supermärkte und Lebensmittelkonzerne hohe Margen erzielen, erhalten Landwirte häufig nur einen Bruchteil des Endverkaufspreises. Diese Problematik hat sich in den vergangenen Jahren durch die zunehmende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel noch verschärft.

Marktkonzentration als zentrale Herausforderung

In Österreich dominieren wenige große Handelsketten den Markt: Rewe (Billa, Merkur, Penny), Spar und Hofer kontrollieren zusammen über 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Diese Marktkonzentration – ein Begriff aus der Volkswirtschaftslehre, der beschreibt, wie stark ein Markt von wenigen großen Unternehmen beherrscht wird – führt zu einem erheblichen Machtungleichgewicht zwischen Produzenten und Händlern. Landwirte haben kaum Verhandlungsspielraum, wenn sie ihre Produkte verkaufen wollen, da alternative Absatzkanäle oft fehlen oder wirtschaftlich nicht rentabel sind.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt sich in Österreich eine besonders starke Konzentration. Während in Deutschland immerhin noch Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland) und Aldi um Marktanteile konkurrieren, ist der österreichische Markt noch stärker auf wenige Akteure konzentriert. In der Schweiz führt die genossenschaftliche Struktur von Migros und Coop zu ähnlich konzentrierten Verhältnissen, jedoch mit teilweise anderen Preisstrukturen aufgrund der unterschiedlichen Kostenstruktur.

Praxisorientierte Workshops für besseres Marktverständnis

Das Workshop-Programm des Fairness-Büros ist umfassend konzipiert und behandelt alle relevanten Aspekte der modernen Lebensmittelwirtschaft. Rechtliche Grundlagen bilden dabei das Fundament: Studierende lernen das Faire-Wettbewerbsbedingungen-Gesetz kennen, das seit 2021 in Österreich gilt und unlautere Handelspraktiken in der Lebensmittelversorgungskette verbietet. Dieses Gesetz ist Teil der EU-weiten Bemühungen, faire Bedingungen zwischen Lieferanten und Abnehmern zu schaffen.

Verhandlungstechniken stehen ebenfalls im Fokus der Ausbildung. In praktischen Simulationen lernen die angehenden Landwirte, wie sie ihre Position gegenüber Großabnehmern stärken können. Diese Fähigkeiten sind essentiell, da moderne Landwirtschaft zunehmend unternehmerisches Denken erfordert. Wer heute einen Hof übernimmt, muss nicht nur produzieren können, sondern auch kaufmännische Kompetenzen mitbringen.

Von No-Name bis Markenprodukt: Preisbildung verstehen

Ein wichtiger Baustein des Programms ist der Vergleich zwischen No-Name- und Markenprodukten. Eigenmarken der Handelsketten machen mittlerweile einen erheblichen Anteil des Umsatzes aus – bei Rewe beispielsweise liegt dieser Anteil bei über 40 Prozent. Für Landwirte bedeutet dies oft niedrigere Erzeugerpreise, da Handelsunternehmen bei ihren Eigenmarken besonders kostenorientiert kalkulieren. Gleichzeitig können sich durch die Belieferung von Eigenmarken langfristige Geschäftsbeziehungen entwickeln, die Planungssicherheit bieten.

Die Studierenden lernen auch, wie sich Preise in der Lebensmittelkette bilden. Während ein Liter Milch im Supermarkt etwa 1,20 bis 1,50 Euro kostet, erhält der Milchbauer oft nur 35 bis 40 Cent pro Liter. Der Rest verteilt sich auf Molkerei, Transport, Handel und Mehrwertsteuer. Diese Transparenz hilft jungen Landwirten dabei, realistische Kalkulationen für ihren Betrieb zu erstellen und alternative Vermarktungswege zu bewerten.

Direktvermarktung als Alternative zur Handelsmacht

Besondere Aufmerksamkeit erhalten in den Workshops alternative Vermarktungsformen. Die Direktvermarktung – der direkte Verkauf vom Produzenten an den Endverbraucher ohne Zwischenhändler – hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Bauernmärkte, Hofläden und Online-Plattformen ermöglichen es Landwirten, höhere Preise zu erzielen und gleichzeitig eine direkte Beziehung zu ihren Kunden aufzubauen.

Regional- und Bioprodukte spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Verbraucher sind zunehmend bereit, für nachvollziehbare Herkunft und nachhaltige Produktionsweise höhere Preise zu zahlen. Diese Entwicklung bietet Landwirten neue Chancen, sich aus der Abhängigkeit vom konventionellen Handel zu lösen. Allerdings erfordern diese Vermarktungsformen auch zusätzliche Kompetenzen in Marketing, Kundenservice und oft auch in der Lebensmittelverarbeitung.

Digitale Transformation in der Landwirtschaft

Die moderne Landwirtschaft wird zunehmend durch digitale Technologien geprägt. Online-Vermarktungsplattformen, digitale Direktvermarktung und E-Commerce eröffnen neue Möglichkeiten, erreichen aber auch neue Zielgruppen. Plattformen wie "Markta" oder regionale Online-Marktplätze ermöglichen es Landwirten, ihre Produkte ohne physische Präsenz zu verkaufen. Diese Entwicklung beschleunigt sich durch veränderte Konsumgewohnheiten, die während der Corona-Pandemie entstanden sind.

Gleichzeitig entstehen durch die Digitalisierung neue Herausforderungen: Datenmanagement, Online-Marketing und die Bewältigung logistischer Aufgaben erfordern zusätzliche Kompetenzen. Das Fairness-Büro bereitet die Studierenden auch auf diese Aspekte vor, da die erfolgreiche Teilnahme am digitalen Markt zunehmend über die Wirtschaftlichkeit landwirtschaftlicher Betriebe entscheidet.

Rechtliche Grundlagen: Das Faire-Wettbewerbsbedingungen-Gesetz

Das 2021 in Kraft getretene Faire-Wettbewerbsbedingungen-Gesetz stellt einen Meilenstein für die österreichische Landwirtschaft dar. Es verbietet unlautere Handelspraktiken wie verspätete Zahlungen, kurzfristige Stornierungen oder einseitige Vertragsänderungen. Verstöße können mit Geldstrafen bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Für Landwirte ist es essentiell, ihre Rechte nach diesem Gesetz zu kennen und durchzusetzen.

Das Gesetz basiert auf der EU-Richtlinie über unlautere Handelspraktiken und harmonisiert die Rechtslage in allen Mitgliedsstaaten. In Deutschland gilt ein ähnliches Gesetz, während die Schweiz als Nicht-EU-Land eigene Regelungen entwickelt hat. Die praktische Anwendung dieser Gesetze zeigt jedoch, dass die Durchsetzung oft schwierig ist, da betroffene Landwirte Vergeltungsmaßnahmen ihrer Abnehmer fürchten.

Beratungsangebot des Fairness-Büros

Das Fairness-Büro bietet Landwirten kostenloses Beratungsservice bei Problemen mit Handelspartnern. Seit seiner Gründung im Jahr 2021 hat es über 1.200 Beratungsgespräche geführt und in zahlreichen Fällen außergerichtliche Einigungen vermittelt. "Mit ´Fairness-Büro macht Schule´ bringen wir unser Angebot vor Ort an jene Schulen, an denen künftige Hofübernehmerinnen und Hofübernehmer ausgebildet werden", erklärt Doris Hold vom Fairness-Büro.

Die Beratungstätigkeit umfasst verschiedene Bereiche: von der Prüfung von Lieferverträgen über die Unterstützung bei Zahlungsstreitigkeiten bis hin zur Mediation zwischen Konfliktparteien. Besonders häufig geht es um Zahlungsverzögerungen, unangekündigte Preisreduktionen und übermäßige Rücksendungen. Diese Probleme betreffen sowohl kleine Direktvermarkter als auch größere landwirtschaftliche Betriebe.

Auswirkungen auf Konsumenten und Gesellschaft

Die Machtverhältnisse in der Lebensmittelkette wirken sich letztendlich auch auf Konsumenten aus. Wenn Landwirte unter Preisdruck stehen, kann dies zu Qualitätseinbußen, reduzierten Investitionen in Nachhaltigkeit oder sogar zur Aufgabe von Betrieben führen. Der Strukturwandel in der österreichischen Landwirtschaft ist deutlich sichtbar: Während 1999 noch etwa 217.000 landwirtschaftliche Betriebe existierten, waren es 2020 nur noch rund 156.000.

Dieser Betriebsrückgang hat weitreichende Folgen für ländliche Regionen: Arbeitsplätze gehen verloren, traditionelle Kulturlandschaften verändern sich, und die regionale Wertschöpfung nimmt ab. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von Importen, was Versorgungssicherheit und CO2-Bilanz negativ beeinflusst. Eine faire Entlohnung der Landwirte ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der gesellschaftlichen Verantwortung.

Nachhaltigkeit und faire Preise

Der Klimawandel stellt die Landwirtschaft vor zusätzliche Herausforderungen. Investitionen in nachhaltige Produktionsverfahren, Bodenschutz und Tierwohl erfordern finanzielle Ressourcen, die bei extrem niedrigen Erzeugerpreisen nicht aufgebracht werden können. Faire Handelsbedingungen sind daher eine Voraussetzung für eine ökologische Transformation der Landwirtschaft.

Studien zeigen, dass Konsumenten durchaus bereit sind, für nachhaltig produzierte Lebensmittel mehr zu bezahlen – allerdings muss diese Bereitschaft auch beim Erzeuger ankommen. Transparente Preisgestaltung und die Kommunikation von Mehrwerten können hier helfen, faire Preise am Markt durchzusetzen.

Internationale Vergleiche und Best Practices

In anderen europäischen Ländern existieren unterschiedliche Ansätze zur Stärkung der Landwirte gegenüber dem Handel. Frankreich hat bereits 2018 strenge Gesetze gegen unlautere Handelspraktiken eingeführt und setzt auf regelmäßige Kontrollen. Die Niederlande fokussieren stark auf Erzeugerorganisationen, die die Marktposition der Landwirte durch gemeinsame Vermarktung stärken.

In Deutschland arbeiten verschiedene Bundesländer mit ähnlichen Bildungsinitiativen, während die Schweiz auf das Prinzip der "sozialen Marktwirtschaft" setzt und direktere staatliche Unterstützung für die Landwirtschaft bietet. Diese internationalen Erfahrungen fließen in die österreichische Strategie ein und zeigen, dass das Problem der Marktmacht kein nationales, sondern ein europäisches Phänomen ist.

Rolle der Erzeugerorganisationen

Erzeugerorganisationen spielen eine zentrale Rolle bei der Stärkung der Verhandlungsposition von Landwirten. Diese Zusammenschlüsse ermöglichen es kleineren Betrieben, gemeinsam aufzutreten und bessere Konditionen zu erzielen. In Österreich existieren verschiedene erfolgreiche Beispiele, von Milchgenossenschaften bis hin zu Vermarktungsgemeinschaften für Obst und Gemüse.

Die EU fördert die Bildung solcher Organisationen gezielt und stellt rechtliche Instrumente zur Verfügung, die kollektive Verhandlungen ermöglichen. Für junge Landwirte ist das Verständnis dieser Strukturen essentiell, da sie oft über den wirtschaftlichen Erfolg ihres Betriebs entscheiden.

Zukunftsperspektiven und Ausblick

Die Initiative "Fairness-Büro macht Schule" soll nach dem erfolgreichen Start in Klosterneuburg auf weitere Schulstandorte ausgeweitet werden. Geplant sind Workshops an allen landwirtschaftlichen Schulen Österreichs, wobei die Inhalte kontinuierlich an neue Entwicklungen angepasst werden. Die Auszeichnung als "Fairness-Botschafterinnen und -Botschafter" soll den Absolventen dabei helfen, ihr Wissen in die Praxis zu tragen und andere Landwirte zu informieren.

Langfristig könnte diese Bildungsoffensive dazu beitragen, eine neue Generation von Landwirten heranzubilden, die wirtschaftlich kompetenter und rechtlich besser informiert ist. Dies würde nicht nur einzelne Betriebe stärken, sondern könnte auch zu einer strukturellen Veränderung der Machtverhältnisse in der Lebensmittelkette führen.

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Kombination aus rechtlichen Instrumenten, Beratungsangeboten und Bildungsmaßnahmen ausreicht, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, nicht nur das Wissen zu vermitteln, sondern auch das Bewusstsein für die eigenen Rechte und Möglichkeiten zu schärfen.

Für interessierte Schulen und Bildungseinrichtungen steht das Fairness-Büro unter fairness-buero.gv.at zur Verfügung. Die Initiative zeigt exemplarisch, wie durch gezielte Bildungsarbeit strukturelle Probleme angegangen werden können – ein Ansatz, der weit über die Landwirtschaft hinaus Bedeutung haben könnte.

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