Ein neuer Wind weht durch die steirischen Berge: Erstmals können Wanderer und Bergbegeisterte das Grüne Herz Österreichs systematisch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erobern. Die Klimaschutz-NGO P...
Ein neuer Wind weht durch die steirischen Berge: Erstmals können Wanderer und Bergbegeisterte das Grüne Herz Österreichs systematisch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erobern. Die Klimaschutz-NGO Protect Our Winters (POW) und der Verein Bahn zum Berg haben am heutigen Tag ihren sechsten Öffi-Tourenführer vorgestellt – diesmal speziell für die Steiermark. Das innovative Konzept verspricht nicht nur Umweltschutz, sondern auch eine völlig neue Art des Bergwanderns zwischen Dachstein-Gletscher und südsteirischen Weinbergen.
Der neue Tourenführer präsentiert 75 sorgfältig ausgewählte Tages- und Mehrtagestouren, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind vollständig mit Bus und Bahn erreichbar. Damit setzt das Projekt neue Maßstäbe in einer Region, die bisher stark auf den Individualtourismus mit dem Auto gesetzt hat. Anna Siebenbrunner, gebürtige Steirerin und Projektkoordinatorin bei POW, erklärt die Vision: "Mit unserem neuen Öffi-Tourenführer wollen wir die Steirerinnen und Steirer auf den Geschmack bringen, das Auto einmal stehen zu lassen und ihr Heimatbundesland mit Bus und Bahn zu erkunden."
Öffi-Tourenführer sind spezialisierte Wanderführer, die ausschließlich Routen präsentieren, welche mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Im Gegensatz zu herkömmlichen Tourenführern, die oft Parkplätze als Startpunkt angeben, fokussieren sich diese Publikationen auf Bahnhöfe, Bushaltestellen und Verkehrsverbindungen. Jede Tour ist so konzipiert, dass An- und Abreise ohne privates Fahrzeug möglich sind. Das Konzept wurde vor sechs Jahren von POW und Bahn zum Berg entwickelt und hat sich mittlerweile zu einer erfolgreichen Buchreihe im renommierten KOMPASS Karten Verlag entwickelt.
Das Alleinstellungsmerkmal des neuen Steiermark-Führers liegt in seinem hybriden Charakter. Über QR-Codes bei jeder einzelnen Tour gelangen Nutzer direkt zur entsprechenden Bahn-zum-Berg-Webseite. Dort finden sie nicht nur GPS-Tracks für die Navigation, sondern auch minutengenaue Fahrplanvorschläge für An- und Abreise. Diese Verknüpfung von gedrucktem Buch und digitaler Technologie macht die Tourenplanung so einfach wie nie zuvor.
Die digitale Erweiterung umfasst verschiedene Elemente: GPX-Tracks ermöglichen die präzise Navigation mit Smartphone oder GPS-Gerät. Aktuelle Fahrpläne werden in Echtzeit abgerufen, sodass auch kurzfristige Änderungen berücksichtigt werden. Zusätzlich bietet die Plattform Wetterinformationen, Schwierigkeitsgrade und Ausrüstungsempfehlungen. Nutzer können sogar alternative Routen abrufen, falls eine Verbindung ausfällt oder sich Wetterbedingungen ändern.
Die Steiermark eignet sich besonders gut für das Öffi-Tourismus-Konzept. Mit einem gut ausgebauten Regionalbahn-Netz und zahlreichen Buslinien, die auch entlegene Täler erschließen, bietet das Bundesland ideale Voraussetzungen. Der Verkehrsverbund Steiermark hat maßgeblich zum Gelingen des Projekts beigetragen und zeigt, wie öffentliche Verkehrsmittel und Tourismus symbiotisch funktionieren können.
Während Tirol und Salzburg bereits seit Jahren auf Gästekarten mit inkludierten Öffi-Fahrten setzen, war die Steiermark bisher eher zurückhaltend bei der systematischen Verknüpfung von öffentlichem Verkehr und Bergtourismus. Oberösterreich, für das bereits ein Öffi-Tourenführer existiert, hat gezeigt, dass solche Konzepte funktionieren. In der Schweiz sind Bergbahnen und öffentliche Verkehrsmittel traditionell eng verzahnt, was als Vorbild für Österreich dient. Deutschland hinkt bei diesem Trend noch hinterher, einzelne Regionen wie der Schwarzwald experimentieren jedoch mit ähnlichen Ansätzen.
Wolfgang Moitzi, Abgeordneter zum Nationalrat und Vorsitzender des Verkehrsausschusses, betont die gesellschaftliche Bedeutung des Projekts: "Ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr ist die Grundlage für einen funktionierenden Tourismus und Freizeitverkehr. Es braucht attraktive, niederschwellige Angebote, damit Menschen bewusst auf das Auto verzichten können." Moitzi, selbst Steirer, sieht in dem Tourenführer einen wichtigen Baustein für die Verkehrswende im Freizeitbereich.
Besonders am Wochenende und in den Ferien führt der Bergtourismus oft zu Verkehrsproblemen in alpinen Regionen. Überfüllte Parkplätze, Staus auf Bergstraßen und Lärmbelästigung für Anwohner sind häufige Folgen. Der Öffi-Tourismus bietet hier eine Lösung: "Der Ausbau sanfter Mobilität ist nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern steigert auch die Qualität des touristischen Erlebnisses und entlastet Einheimische vor einer Verkehrslawine", erklärt Moitzi.
Die 75 ausgewählten Touren decken die gesamte geografische und kulturelle Vielfalt der Steiermark ab. Von hochalpinen Gletschertouren am Dachstein über gemütliche Wanderungen in der Oststeiermark bis hin zu kulturellen Entdeckungsreisen durch historische Städte – für jeden Geschmack und jede Kondition ist etwas dabei. Besonders innovative Überschreitungen ermöglichen es, verschiedene Täler und Regionen auf einer Tour zu verbinden, ohne dabei auf das Auto angewiesen zu sein.
Zu den Highlights gehören mehrtägige Überschreitungen, bei denen Wanderer beispielsweise von Schladming über die Schladminger Tauern bis nach Bad Aussee wandern können, wobei beide Endpunkte bahnerschlossen sind. Andere Routen verbinden verschiedene Regionen miteinander: Eine Tour führt von Graz mit der S-Bahn ins Mürztal, von dort zu Fuß über Almen und Gipfel bis nach Mariazell, von wo aus die Rückfahrt mit der nostalgischen Mariazellerbahn erfolgt.
Auch bei der Herstellung setzt der Tourenführer auf Nachhaltigkeit. Das Buch wird in Österreich gedruckt und erfüllt mit dem Cradle to Cradle® Zertifikat höchste Ansprüche an umweltverträgliche Produktion. Dieses Zertifizierungssystem bewertet Produkte nach ihrer Umweltverträglichkeit und sozialen Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Cradle to Cradle® ("Von der Wiege zur Wiege") ist ein Designkonzept, das darauf abzielt, Abfall zu eliminieren und Produkte so zu gestalten, dass alle Materialien in technischen oder biologischen Kreisläufen genutzt werden können. Für Bücher bedeutet dies beispielsweise den Verzicht auf schädliche Chemikalien in Druckfarben, die Verwendung nachhaltiger Papiere und umweltschonende Produktionsverfahren. Das Zertifikat garantiert, dass das Produkt nicht nur weniger schädlich ist, sondern aktiv zur Umweltverbesserung beiträgt.
Der neue Tourenführer könnte erhebliche wirtschaftliche Impulse für die Steiermark bedeuten. Öffi-Tourismus zieht andere Zielgruppen an als der klassische Autotourismus: umweltbewusste Städter, junge Menschen ohne eigenes Auto und internationale Gäste, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Diese Gruppen geben oft mehr Geld für regionale Produkte aus und bleiben länger in der Region.
Gasthäuser und Unterkünfte in bahnnahen Orten könnten von diesem Trend besonders profitieren. Gepäcktransport-Services, die es Wanderern ermöglichen, mit leichtem Rucksack zu wandern, während das Gepäck zur nächsten Unterkunft transportiert wird, sind bereits im Entstehen. Auch lokale Produzenten können von der längeren Verweildauer der Gäste profitieren, da diese mehr Zeit haben, regionale Spezialitäten zu entdecken.
Am 17. April findet im Alpenverein Sektion Graz die offizielle Buchpräsentation statt. Das Get-Together ab 18.30 Uhr bietet nicht nur die Vorstellung des Buches, sondern auch ein Gewinnspiel und eine Frage-Antwort-Runde mit beiden Vereinen. Die Veranstaltung verdeutlicht den Community-Charakter des Projekts und soll weitere Interessierte für das Konzept begeistern.
Der Erfolg der Öffi-Tourenführer-Serie könnte wegweisend für den österreichischen Tourismus sein. Wenn sich das Konzept in der Steiermark bewährt, könnten weitere Bundesländer folgen. Bereits jetzt gibt es Anfragen aus anderen Regionen, die ähnliche Projekte planen. Die Kombination aus Klimaschutz, touristischer Innovation und praktischem Nutzen macht das Konzept zukunftsweisend.
Tourismusverbände beobachten das Projekt mit Interesse, da es neue Zielgruppen erschließt und gleichzeitig Umweltbelastungen reduziert. Die Integration solcher Angebote in bestehende Gästekarten-Systeme wird bereits diskutiert. Langfristig könnte sich eine österreichweite Plattform für Öffi-Tourismus entwickeln, die alle Regionen vernetzt und Gästen ermöglicht, das ganze Land ohne Auto zu erkunden.
Der neue Öffi-Tourenführer Steiermark ist ab sofort im Buchhandel und online erhältlich. Er kostet 16,95 Euro und markiert einen Meilenstein in der nachhaltigen Tourismusentwicklung Österreichs. Für alle, die ihre Heimat neu entdecken oder als umweltbewusste Gäste die Steiermark erkunden möchten, bietet er den perfekten Einstieg in eine neue Art des Bergwanderns – ganz ohne schlechtes Gewissen und mit der Gewissheit, aktiv zum Klimaschutz beizutragen.