Hergovich wirft Freiheitlichen mangelnde Kenntnis der Lohnsituation vor
SPÖ NÖ-Chef Hergovich kritisiert FPÖ-Sozialsprecherin Berlakowitsch und fordert gerechtere Verteilung der Gesundheitsbeiträge.
Die Debatte über faire Sozialversicherungsbeiträge in Österreich erhält neue Brisanz. SPÖ Niederösterreich-Vorsitzender Sven Hergovich wirft der FPÖ vor, die realen Einkommensverhältnisse im Land nicht zu kennen und kritisiert die Haltung der freiheitlichen Sozialsprecherin Dagmar Berlakowitsch scharf.
"Die selbsternannte soziale Heimatpartei FPÖ kennt offenbar die Einkommenssituation im Land nicht", so Hergovich in seiner Stellungnahme. Der Kern seiner Kritik richtet sich gegen die FPÖ-Sozialsprecherin Berlakowitsch, die seiner Ansicht nach nur Menschen mit deutlich überdurchschnittlichen Einkommen als Mittelstand betrachtet.
Die aktuelle Höchstbeitragsgrundlage in Österreich liegt bei 6.930 Euro monatlich. Diese Grenze bestimmt, bis zu welchem Einkommen Sozialversicherungsbeiträge in voller Höhe gezahlt werden müssen. Wer mehr verdient, zahlt nur bis zu dieser Obergrenze Beiträge - der darüber liegende Betrag bleibt beitragsfrei.
Hergovich betont, dass die "überwältigende Mehrheit der unselbständigen Beschäftigten" unter der Höchstbeitragsgrundlage verdient. Diese Tatsache unterstreicht die Kluft zwischen den Einkommensverhältnissen der meisten Arbeitnehmer und jenen, die oberhalb der Beitragsgrenze liegen.
"Offenbar ist der abgehobenen FPÖ nicht bewusst, dass normale Angestellte und Arbeiter, die täglich leisten, nicht 6.930 Euro pro Monat verdienen", kritisiert der SPÖ-Politiker. Diese Aussage zielt auf das seiner Meinung nach verzerrte Bild der FPÖ von den tatsächlichen Arbeitsverhältnissen in Österreich ab.
Ein zentraler Punkt in Hergovichs Argumentation ist die prozentual ungleiche Belastung verschiedener Einkommensgruppen. Während Geringverdiener einen höheren Anteil ihres Einkommens für Sozialversicherungsbeiträge aufwenden müssen, zahlen Spitzenverdiener aufgrund der Deckelung einen geringeren Prozentsatz.
"Warum sie alle prozentual deutlich mehr Sozialversicherungsbeitrag zahlen müssen als die Top-Verdiener, versteht kein Mensch", argumentiert Hergovich. Diese Kritik richtet sich gegen das System der Höchstbeitragsgrundlage, das als sozial ungerecht empfunden wird.
Besonders anschaulich wird Hergovichs Kritik, wenn er konkrete Beispiele aus dem politischen Betrieb heranzieht. Er verweist darauf, dass "Sekretärinnen und Sekretäre im FPÖ-Klub prozentual mehr ins Gesundheitssystem einzahlen als die Abgeordnete Berlakowitsch und noch viel mehr als der Klubobmann Kickl".
Diese Gegenüberstellung soll die Ungerechtigkeit des aktuellen Systems verdeutlichen: Während gut verdienende Politiker wie Herbert Kickl aufgrund der Beitragsgrenze prozentual weniger zahlen, tragen ihre geringer entlohnten Mitarbeiter eine höhere relative Belastung.
"Es ist nur fair, wenn alle Menschen im Land zum Gesundheitssystem beitragen - das sehen auch viele Top-Verdiener so", betont Hergovich und verweist damit auf einen breiteren gesellschaftlichen Konsens für gerechtere Beitragsregelungen.
Der SPÖ-Politiker fordert eine Gleichbehandlung aller Einkommensgruppen: "Fair wäre es, wenn Kickl genauso viel beitragen würde wie sein Sekretariat, die Fahrer oder die Menschen, die ihm sein Mittagessen kochen und bringen."
Eine Reform der Beitragsobergrenze würde laut Hergovich erhebliche finanzielle Vorteile für das österreichische Gesundheitssystem bringen. "Eine echte Milliarde an Mehreinnahmen würde zu viel besseren Gesundheitsleistungen führen", rechnet er vor.
Interessant an seiner Argumentation ist der Hinweis, dass auch die Kritisierten selbst von einer solchen Reform profitieren würden: "Davon profitieren dann auch Kickl und Berlakowitsch als Patienten." Diese Win-Win-Argumentation soll die Sinnhaftigkeit einer Reform auch für Besserverdienende unterstreichen.
Die Auseinandersetzung zwischen SPÖ und FPÖ um die Sozialversicherungsbeiträge spiegelt grundsätzliche ideologische Unterschiede wider. Während die SPÖ traditionell für eine stärkere Umverteilung und höhere Beiträge von Spitzenverdienern eintritt, positioniert sich die FPÖ oft gegen Steuer- und Abgabenerhöhungen.
Die Bezeichnung der FPÖ als "selbsternannte soziale Heimatpartei" durch Hergovich zielt darauf ab, einen Widerspruch zwischen dem sozialen Anspruch der Freiheitlichen und ihrer tatsächlichen Politik aufzuzeigen.
Die Höchstbeitragsgrundlage von derzeit 6.930 Euro wird jährlich angepasst und orientiert sich an der Entwicklung der Löhne und Gehälter. Sie betrifft sowohl die Kranken- als auch die Pensionsversicherung und ist ein zentrales Element des österreichischen Sozialversicherungssystems.
Kritiker des aktuellen Systems argumentieren, dass die Deckelung zu einer regressiven Wirkung führt - höhere Einkommen werden relativ weniger belastet als niedrigere. Befürworter sehen darin hingegen eine Grenze für die Belastung von Leistungsträgern und einen Anreiz für wirtschaftlichen Erfolg.
Die scharfe Kritik Hergovichs an der FPÖ-Position dürfte die Debatte über eine gerechtere Finanzierung des Gesundheitssystems weiter anheizen. Besonders in Zeiten steigender Gesundheitskosten und demografischen Wandels gewinnt die Frage nach fairen Beitragsregelungen an Bedeutung.
Ob und wie die FPÖ auf diese Vorwürfe reagieren wird, bleibt abzuwarten. Die Diskussion zeigt jedoch einmal mehr die unterschiedlichen Vorstellungen der Parteien über Gerechtigkeit und Solidarität im österreichischen Sozialstaat auf.
Die von Hergovich angesprochenen "viele Top-Verdiener", die eine faire Beitragsverteilung befürworten, könnten ein Hinweis darauf sein, dass auch in höheren Einkommensschichten das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit wächst. Dies könnte langfristig den politischen Druck für Reformen des Sozialversicherungssystems erhöhen.