ÖHV-Vizepräsident Alexander Ipp kritisiert starre Handelsregeln während Eurovision in Wien
Die Österreichische Hotelvereinigung wünscht sich zum Eurovision Song Contest in Wien mehr Flexibilität bei den Öffnungszeiten des Handels.
Während Wien sich für den Eurovision Song Contest 2024 von seiner besten Seite präsentieren möchte, bleiben die Geschäfte an wichtigen Tagen geschlossen. Alexander Ipp, Vorsitzender der ÖHV-Landesgruppe Wien und Vizepräsident der Österreichischen Hotelvereinigung, kritisiert die starren Öffnungszeiten während des internationalen Großevents.
"Beim Song Contest steht Wien wieder in der internationalen Auslage. Da sollten wir uns von unserer besten Seite zeigen, doch die Schaufenster bleiben diesmal sogar an zwei Tagen dunkel", erklärt Ipp mit Verweis auf Christi Himmelfahrt am 14. Mai und den darauffolgenden Sonntag. Seiner Ansicht nach verpasst Österreich damit eine wichtige Gelegenheit, sich international zu präsentieren.
Der Eurovision Song Contest bringt jedes Jahr hunderttausende Besucher und internationale Medienaufmerksamkeit in die Gastgeberstadt. Wien nutzt diese Chance bereits in vielen Bereichen – von der Gastronomie über die Hotellerie bis hin zu kulturellen Veranstaltungen. Nur der Einzelhandel bleibt von dieser Flexibilität ausgeschlossen.
Besonders kritisch sieht Ipp die Rolle der Gewerkschaften in dieser Diskussion. "Dass die Gewerkschaft sich gerne als progressive Kraft positioniert und doch zuverlässig gegen jeden Wandel stellt", bedauert der Hotelvertreter. Diese Haltung habe unbeabsichtigte Konsequenzen für den österreichischen Handel.
"Die Welt steht auch in Wien an Sonn- und Feiertagen nicht still: Eingekauft wird eben bei Online-Multis. Die müssen in Österreich gar nicht lobbyieren, die Gewerkschaft liefert ihnen kostenlos und zuverlässig Schützenhilfe", kritisiert Ipp die seiner Meinung nach "unheilige Sonntagsallianz". Dies führe zu Kaufkraftabfluss und Arbeitskraftverlust im heimischen Handel.
Tatsächlich boomt der Online-Handel auch in Österreich kontinuierlich. Während lokale Geschäfte an Sonn- und Feiertagen geschlossen bleiben müssen, sind Online-Shops rund um die Uhr verfügbar. Diese Diskrepanz verstärkt sich besonders bei internationalen Events, wenn Touristen gewohnte Einkaufsmöglichkeiten erwarten.
Als Beispiel für funktionierende Flexibilität führt Ipp den verkaufsoffenen 8. Dezember an. "Manche Geschäfte sind offen, manche zu, und es arbeiten genug freiwillig", beschreibt er die Realität dieses Tages. Dies zeige, dass unternehmerische Freiheit nicht automatisch Einschränkungen für Beschäftigte bedeute.
Auch beim viel diskutierten 12-Stunden-Tag habe sich gezeigt, dass die Horrorszenarien der Gewerkschaft nicht eingetreten seien. "Wenn der stattfindet, dann nur mit Zustimmung der Beschäftigten", stellt Ipp klar. Das Prinzip der Freiwilligkeit funktioniere auch bei erweiterten Öffnungszeiten.
Diese Erfahrungen decken sich mit Beobachtungen aus anderen europäischen Ländern, wo flexiblere Handelszeiten längst Normalität sind. In vielen Tourismusregionen haben sich sowohl Händler als auch Angestellte an die veränderten Bedürfnisse angepasst, ohne dass negative Auswirkungen auf die Arbeitsqualität feststellbar wären.
Für Ipp passt die aktuelle Regelung nicht zur Philosophie des Eurovision Song Contest. "Der ESC und seine Community lieben zeitgemäße Vielfalt, Möglichkeiten statt Einschränkungen", argumentiert er. Die internationale LGBTQ+-Community und die ESC-Fans seien gewohnt, Grenzen zu überwinden und neue Wege zu gehen.
"Küssen wir unseren Handel aus dem Sonntags-Dornröschenschlaf!", fordert Ipp einen Lifestyle, "der des 21. Jahrhunderts und des Song Contests würdig ist". Seiner Ansicht nach sollten "vorgestrige Denkmodelle für ein paar Tage eingemottet" werden.
Die Vision des ÖHV-Vizepräsidenten geht über einzelne Tage hinaus: "Für Toleranz und Fluidität auch bei den Öffnungszeiten – gerne über 72 Stunden hinaus! Machen wir Wien bunt – und halten es offen!"
Die wirtschaftlichen Dimensionen des Eurovision Song Contest sind beträchtlich. Schätzungen gehen von mehreren hundert Millionen Euro Wertschöpfung für die Gastgeberstadt aus. Hotels, Restaurants und Veranstaltungsstätten profitieren von der internationalen Aufmerksamkeit und den Besucherströmen.
Der Einzelhandel bleibt bei dieser Wertschöpfung jedoch teilweise außen vor, wenn er an wichtigen Tagen geschlossen bleibt. Internationale Gäste erwarten oft andere Service-Standards als in Österreich üblich – dazu gehören auch flexible Einkaufsmöglichkeiten.
Besonders problematisch wird dies, wenn Feiertage auf das Wochenende fallen oder verlängerte Wochenenden entstehen. Dann bleiben Geschäfte mehrere Tage hintereinander geschlossen, während die touristische Nachfrage hoch ist.
Im internationalen Vergleich gelten Österreichs Ladenschlussgesetze als relativ restriktiv. Viele europäische Länder haben ihre Regelungen in den letzten Jahren gelockert, um dem veränderten Konsumverhalten und den touristischen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Für internationale Besucher des Eurovision Song Contest können die geschlossenen Geschäfte überraschend sein. In vielen Herkunftsländern der ESC-Teilnehmer und -Fans sind Sonntags-Einkäufe oder Einkäufe an Feiertagen selbstverständlich.
Diese kulturellen Unterschiede werden besonders bei internationalen Großveranstaltungen sichtbar, wenn verschiedene Erwartungshaltungen aufeinandertreffen.
Die Forderung nach flexibleren Öffnungszeiten beschränkt sich nicht nur auf den Eurovision Song Contest. Die Österreichische Hotelvereinigung sieht darin einen grundsätzlichen Modernisierungsbedarf im österreichischen Handel.
"Niemand muss am Sonn- oder Feiertag arbeiten oder einkaufen", betont Ipp. "Deswegen muss man es aber nicht denen verbieten, die das gern tun!" Diese liberale Haltung soll sowohl Unternehmern als auch Konsumenten mehr Wahlmöglichkeiten geben.
Ob sich diese Forderungen durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. Die Diskussion um Arbeitszeiten und Ladenschluss ist in Österreich traditionell von verschiedenen Interessensgruppen geprägt, die oft konträre Positionen vertreten.
Der Eurovision Song Contest könnte jedoch als Katalysator für eine breitere gesellschaftliche Diskussion über moderne Handelszeiten dienen. Wien hat die Chance, sich als weltoffene, moderne Metropole zu präsentieren – die Frage ist, ob diese Chance auch im Einzelhandel genutzt wird.