Präsidentin Korosec plädiert für Bonus-Malus-System und altersgerechte Arbeitsplätze
Der Österreichische Seniorenbund fordert umfassende Maßnahmen, um ältere Arbeitnehmer länger in Beschäftigung zu halten und das faktische Pensionsantrittsalter zu erhöhen.
Der Österreichische Seniorenbund macht sich für eine grundlegende Veränderung der Arbeitswelt für ältere Beschäftigte stark. Präsidentin Ingrid Korosec fordert ein umfassendes Maßnahmenpaket, um Menschen länger in Beschäftigung zu halten und damit auch das faktische Pensionsantrittsalter anzuheben. Im Zentrum der Forderungen steht ein Bonus-Malus-System für Betriebe.
Die Ausgangslage ist besorgniserregend: Laut den Angaben des Seniorenbundes gehen derzeit rund 18 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwischen 55 und 64 Jahren nicht direkt aus einem Beschäftigungsverhältnis in die Pension. Stattdessen erfolgt der Übergang in den Ruhestand über den Umweg der Arbeitslosigkeit oder eines längeren Krankenstandes.
Diese Situation hat weitreichende Konsequenzen für das österreichische Sozialsystem. Die betroffenen Personen zahlen in dieser Übergangsphase keine Sozialversicherungsbeiträge, erhalten aber dennoch sämtliche Leistungen aus dem System. Dies belastet nicht nur die Pensionsversicherung, sondern auch die Arbeitslosenversicherung und das Gesundheitssystem.
Seniorenbund-Präsidentin Korosec nimmt dabei insbesondere die österreichischen Unternehmen in die Pflicht. Sie kritisiert, dass viele Betriebe derzeit keine Personen über 60 Jahre mehr beschäftigen würden. Diese Praxis müsse sich grundlegend ändern, wenn das Ziel einer längeren Erwerbstätigkeit erreicht werden soll.
"Es muss das Ziel sein, die Menschen länger in Beschäftigung zu halten, um damit auch das faktische Pensionsantrittsalter zu erhöhen. Dazu müssen alle mithelfen, auch die Betriebe", betont Korosec. Die Verantwortung für eine verlängerte Erwerbstätigkeit könne nicht allein den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgebürdet werden.
Der Seniorenbund schlägt ein Bündel verschiedener Maßnahmen vor, um ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben zu halten. Die Forderungen umfassen mehrere Handlungsfelder:
Besonders das geforderte Bonus-Malus-System würde einen Paradigmenwechsel in der österreichischen Arbeitsmarktpolitik bedeuten. Unternehmen, die ältere Mitarbeiter beschäftigen und halten, würden demnach belohnt werden. Betriebe hingegen, die sich dieser Verantwortung entziehen, müssten mit finanziellen Nachteilen rechnen.
Ein zentraler Aspekt der Forderungen betrifft die Weiterbildung älterer Beschäftigter. In einer sich rasch wandelnden Arbeitswelt, die zunehmend von Digitalisierung und technologischem Fortschritt geprägt ist, gewinnt lebenslanges Lernen immer mehr an Bedeutung. Ältere Arbeitnehmer müssen die Möglichkeit erhalten, ihre Qualifikationen kontinuierlich anzupassen und zu erweitern.
Studien zeigen, dass Unternehmen häufig weniger in die Weiterbildung älterer Mitarbeiter investieren als in jüngere Kollegen. Diese Praxis ist kontraproduktiv, wenn das Ziel eine längere Beschäftigung ist. Der Seniorenbund fordert daher gezielte Programme und Anreize, um die Weiterbildungsbeteiligung älterer Beschäftigter zu erhöhen.
Die betriebliche Gesundheitsförderung spielt eine entscheidende Rolle, um Beschäftigte bis ins höhere Alter arbeitsfähig zu halten. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko gesundheitlicher Einschränkungen, die eine Fortsetzung der Erwerbstätigkeit erschweren können. Präventive Maßnahmen können hier gegensteuern.
Dazu gehören ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, Angebote zur Stressbewältigung, Bewegungsprogramme und regelmäßige Gesundheitschecks. Unternehmen, die in diese Bereiche investieren, profitieren langfristig von geringeren Krankenständen und einer höheren Produktivität ihrer älteren Belegschaft.
Die Forderung nach altersgerechten Arbeitsplätzen berücksichtigt, dass sich die Leistungsfähigkeit im Laufe eines Erwerbslebens verändert. Während bestimmte körperliche Fähigkeiten abnehmen können, bringen ältere Beschäftigte wertvolle Erfahrung und oft auch eine höhere Zuverlässigkeit mit.
Altersgerechte Arbeitsplätze bedeuten nicht nur ergonomische Anpassungen, sondern auch flexible Arbeitszeitmodelle, die Möglichkeit zu Teilzeitarbeit und eine Anpassung der Aufgaben an die individuellen Stärken der Beschäftigten. Viele Experten empfehlen zudem altersgemischte Teams, in denen der Wissenstransfer zwischen den Generationen gefördert wird.
Im europäischen Vergleich liegt Österreich bei der Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer im Mittelfeld. Länder wie Schweden, Deutschland oder die Niederlande weisen deutlich höhere Erwerbsquoten in der Altersgruppe 55 bis 64 auf. Dies zeigt, dass mit den richtigen Rahmenbedingungen eine längere Beschäftigung möglich ist.
Die demografische Entwicklung macht ein Umdenken ohnehin notwendig. Die Bevölkerung altert, der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung sinkt. Um den Wohlstand und die sozialen Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten, wird es künftig unerlässlich sein, das Arbeitskräftepotenzial älterer Menschen besser zu nutzen.
Die Forderungen des Seniorenbundes fügen sich in eine breitere politische Debatte um die Zukunft des österreichischen Pensionssystems ein. Während das gesetzliche Pensionsantrittsalter bereits festgelegt ist, liegt das tatsächliche durchschnittliche Antrittsalter deutlich darunter. Diese Lücke zu schließen ist ein erklärtes Ziel der Politik.
Verschiedene Maßnahmen wurden in den vergangenen Jahren bereits ergriffen, um das faktische Pensionsantrittsalter anzuheben. Die Abschaffung der Hacklerregelung und Verschärfungen bei der Invaliditätspension zeigen Wirkung. Dennoch bleibt noch viel zu tun, um ältere Beschäftigte tatsächlich länger im Erwerbsleben zu halten.
Die Initiative des Seniorenbundes unterstreicht die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Umdenkens. Ältere Arbeitnehmer dürfen nicht als Belastung, sondern müssen als wertvolle Ressource betrachtet werden. Ihre Erfahrung und ihr Wissen sind für Unternehmen unverzichtbar.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die politischen Entscheidungsträger die Forderungen aufgreifen und in konkrete Maßnahmen umsetzen. Angesichts der demografischen Herausforderungen und der Notwendigkeit, das Pensionssystem langfristig zu stabilisieren, erscheint ein Handeln in diesem Bereich dringend geboten.