Angesichts steigender Seniorenzahlen wird Prävention gegen Atemwegserkrankungen immer wichtiger
Mediziner und Selbsthilfegruppen sprechen sich für kostenlose RSV-Impfung für Senioren aus. Krankheit verursacht 3.000 Spitalsaufenthalte jährlich.
Österreichs Bevölkerung altert rapide – bis 2040 wird mehr als ein Viertel aller Einwohner über 65 Jahre alt sein. Diese demografische Entwicklung stellt das Gesundheitssystem vor neue Herausforderungen, insbesondere bei der Prävention von Infektionskrankheiten. Experten fordern nun die Aufnahme der RSV-Impfung ins öffentliche Erwachsenenimpfprogramm.
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist vielen als Kinderkrankheit bekannt, doch auch für ältere Menschen stellt es eine erhebliche Bedrohung dar. "Schätzungen gehen davon aus, dass es in Österreich jedes Jahr etwa 3.000 Krankenhausaufenthalte aufgrund von RSV gibt und rund 250 bis 500 Todesopfer", erklärt Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Klinik Floridsdorf.
Die wahren Dimensionen der RSV-Problematik werden oft unterschätzt. Valipour warnt: "Die Langzeitfolgen hinsichtlich Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen etc. sind statistisch gar nicht erfasst und werden meist nicht mit RSV in Zusammenhang gebracht." Aus Studiendaten sei bekannt, dass RSV indirekt zehn Prozent aller kardiovaskulären Hospitalisierungen verursache – ebenso wie zehn Prozent aller COPD-bedingten Krankenhausaufenthalte.
Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich. Bereits heute sind etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung über 65 Jahre alt. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Risiko für schwere Krankheitsverläufe erheblich. Chronische Erkrankungen nehmen zu, die Infektanfälligkeit steigt und das Immunsystem wird schwächer.
"Viele Menschen über 60 Jahre stehen noch im Arbeitsprozess", betont Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes. "Impfungen helfen, Menschen länger im Arbeitsprozess zu halten, Krankenstandstage zu reduzieren und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden."
Die seit November kostenfreien Impfungen gegen Gürtelrose und Pneumokokken wurden von der Bevölkerung überaus gut angenommen. Dieser Erfolg zeigt deutlich, dass die Nachfrage nach mehr Impfschutz vor respiratorischen Erkrankungen bei älteren Menschen und vulnerablen Bevölkerungsgruppen groß ist.
"Impfen ist eine wichtige Präventionsmaßnahme, die uns länger gesund bleiben lässt", erklärt Korosec. "Österreich hinkt der EU hinsichtlich der gesunden Lebensjahre ohnehin hinterher. Wir werden im Durchschnitt um etwa zwei Jahre früher krank. Impfungen können viel dazu beitragen, das zu verbessern."
Besonders beunruhigend ist, dass die Komplikationsrate bei RSV teilweise sogar höher ist als bei der Influenza. Dies macht die Prävention umso wichtiger. "Je mehr Menschen höheren Alters geimpft wären, desto weniger negative Krankheitsfolgen wären zu erwarten", so der Pneumologe Valipour.
Die Erkrankung beschränkt sich nicht nur auf akute Symptome. RSV kann langfristige Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben und bestehende chronische Erkrankungen verschlechtern. Diese indirekten Folgekosten werden oft nicht berücksichtigt, belasten aber sowohl die Betroffenen als auch das Gesundheitssystem erheblich.
Angelika Widhalm, Vorsitzende des Bundesverbands Selbsthilfe Österreich, plädiert dafür, die RSV-Impfung nicht nur für Senioren, sondern auch für jüngere Erwachsene mit Grunderkrankungen zugänglich zu machen. Dazu gehören immunsupprimierte Personen sowie Patienten mit Asthma, COPD oder Diabetes.
"Prävention ist in jedem Alter wichtig, insbesondere bei bestehenden Vorerkrankungen", betont Widhalm. Sie kritisiert, dass in Spitalsambulanzen zwar oft über Impfungen aufgeklärt, aber nicht direkt geimpft wird.
Ein zentraler Punkt in der Diskussion ist die Zugänglichkeit der Impfungen. "Die Impfungen müssen zu den Menschen gebracht werden, nicht umgekehrt", fordert Widhalm. "Je kürzer der Weg, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand auch tatsächlich immunisieren lässt."
Konkret schlägt sie vor, dass dort, wo Risikopatienten ihre regelmäßigen Untersuchungs- oder Beratungstermine haben, auch Impfaufklärung und Impfmöglichkeiten bestehen sollten. Diese niederschwellige Herangehensweise könnte die Durchimpfungsrate erheblich steigern.
Neben den medizinischen sprechen auch ökonomische Argumente für die Aufnahme der RSV-Impfung ins öffentliche Impfprogramm. Die Kosten für Krankenhausaufenthalte, Langzeitfolgen und Arbeitsausfälle übersteigen bei weitem die Investitionen in die Prävention.
Mediziner und Vertreter von Senioren- und Selbsthilfegruppen sind sich einig: Das Erwachsenenimpfprogramm der öffentlichen Hand muss weiter ausgebaut werden. Die erfolgreiche Einführung der kostenlosen Gürtelrose- und Pneumokokken-Impfungen hat gezeigt, dass die Bevölkerung bereit ist, Impfangebote anzunehmen.
Die Forderung nach einer kostenlosen RSV-Impfung für ältere Menschen und Risikogruppen steht nun im Raum. Angesichts der demografischen Entwicklung und der steigenden Krankheitslast wird die Entscheidung der Gesundheitspolitik mit Spannung erwartet.
Experten betonen, dass es medizinisch und ökonomisch sinnvoll wäre, noch mehr als bisher in Impfprävention zu investieren. Die RSV-Impfung als nächste wichtige aktive Immunisierung ins Erwachsenenimpfprogramm aufzunehmen, könnte ein wichtiger Schritt sein, um die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung zu stärken und das Gesundheitssystem zu entlasten.
Impfempfehlungen sind im Österreichischen Impfplan nachzulesen. Impfberatung bieten Ärzte und Apotheker im österreichischen Gesundheitswesen an.