Der Bregenzerwald steht vor einem Problem, das die Gemüter erhitzt: Rinder-Tuberkulose hat bereits zur Tötung von 55 Rindern auf einem einzigen Bauernhof geführt und mehrere landwirtschaftliche Bet...
Der Bregenzerwald steht vor einem Problem, das die Gemüter erhitzt: Rinder-Tuberkulose hat bereits zur Tötung von 55 Rindern auf einem einzigen Bauernhof geführt und mehrere landwirtschaftliche Betriebe in ihrer Existenz bedroht. Am 19. März 2026 lädt der ORF Vorarlberg zur öffentlichen Diskussion "Rinder-Tuberkulose – Wer ist schuld?" ins Gasthaus Löwen nach Au-Rehmen. Die Veranstaltung verspricht eine hitzige Debatte zwischen Landwirten und Jägern, die sich gegenseitig die Schuld an der Ausbreitung der gefährlichen Tierseuche zuschieben.
Rinder-Tuberkulose, medizinisch als bovine Tuberkulose bezeichnet, ist eine chronische bakterielle Infektionskrankheit, die durch Mycobacterium bovis verursacht wird. Diese Krankheit befällt primär das Atmungssystem der Tiere, kann sich aber auch auf andere Organe ausbreiten. Für Laien erklärt: Die Bakterien greifen die Lunge an und bilden charakteristische Knötchen, sogenannte Tuberkel, die dem Erreger seinen Namen gaben. Diese Veränderungen führen zu Atembeschwerden, Gewichtsverlust und letztendlich zum Tod des Tieres, wenn keine Behandlung erfolgt.
Besonders problematisch ist die Übertragbarkeit der Krankheit. Rinder-Tuberkulose kann nicht nur von Tier zu Tier übertragen werden, sondern stellt auch eine Zoonose dar – eine Krankheit, die vom Tier auf den Menschen überspringen kann. Deshalb gelten in Österreich strenge Bestimmungen: Erkrankte Tiere müssen getötet werden, betroffene Betriebe werden unter Quarantäne gestellt, und der gesamte Bestand wird regelmäßigen Untersuchungen unterzogen.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind verheerend. Ein durchschnittliches Milchrind hat einen Wert von etwa 1.500 bis 2.000 Euro. Bei 55 getöteten Tieren in Au-Rehmen entstehen allein dadurch Schäden von mindestens 82.500 Euro. Hinzu kommen Verdienstausfälle durch die Betriebssperre, Kosten für Desinfektionsmaßnahmen und den Aufbau neuer Bestände. Für einen Familienbetrieb kann dies das wirtschaftliche Aus bedeuten.
Österreich galt seit 1999 offiziell als frei von Rinder-Tuberkulose. Diese Errungenschaft war das Ergebnis jahrzehntelanger systematischer Bekämpfung, die in den 1950er Jahren begann. Damals waren noch etwa 15 Prozent aller Rinder in Österreich mit Tuberkulose infiziert. Durch konsequente Testprogramme, bei denen alle Rinder regelmäßig auf Tuberkulose untersucht wurden, und die sofortige Keulung positiver Tiere konnte die Krankheit erfolgreich eliminiert werden.
Der Tuberkulin-Test, entwickelt bereits 1890, bildete das Rückgrat der Bekämpfung. Dabei wird den Tieren eine kleine Menge Tuberkulin unter die Haut gespritzt. Bei infizierten Tieren entsteht eine deutliche Schwellung an der Injektionsstelle. Moderne Verfahren wie der Gamma-Interferon-Test ergänzen heute die klassischen Methoden und ermöglichen eine noch präzisere Diagnose.
Die Wiederauftritte von Rinder-Tuberkulose in den letzten Jahren kamen für Experten nicht völlig überraschend. Bereits in anderen europäischen Ländern wie Irland, Großbritannien und Teilen Deutschlands kämpft die Landwirtschaft seit Jahren gegen die Rückkehr der Seuche. Die Ursachen sind vielfältig: veränderte Haltungsbedingungen, intensiverer Tierhandel und – besonders relevant für Vorarlberg – die Rolle des Rotwildes als Reservoir für die Krankheitserreger.
In Vorarlberg wurden die ersten neuen Fälle 2018 registriert. Seither schwelt der Konflikt zwischen verschiedenen Interessensgruppen. Die Landwirtschaftskammer Vorarlberg führt akribisch Buch über jeden Fall: Bisher mussten in über 20 Betrieben Tiere getötet werden, die Gesamtzahl der Keulung übersteigt mittlerweile 300 Rinder.
Im Zentrum der Kontroverse steht die Frage nach der Infektionsquelle. Landwirte machen das Rotwild verantwortlich und fordern drastische Maßnahmen. Ihre Argumentation stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse: Rotwild kann Mycobacterium bovis in sich tragen und über Kot, Urin und Atemluft ausscheiden. Besonders auf Almweiden, wo Rinder und Rotwild dieselben Flächen nutzen, steigt das Infektionsrisiko erheblich.
Wolfgang Meusburger, stellvertretender Bezirksjägermeister des Bezirks Bregenz, wird bei der ORF-Diskussion die Position der Jägerschaft vertreten. Die Jäger argumentieren, dass eine pauschale Dezimierung des Rotwildbestandes nicht zielführend sei. Sie verweisen darauf, dass nur ein geringer Prozentsatz der Wildtiere tatsächlich infiziert ist und dass andere Faktoren wie Stallhygiene, Futtermittel oder der Zukauf infizierter Tiere eine größere Rolle spielen könnten.
Landesveterinär Norbert Greber steht zwischen den Fronten. Als oberster Veterinär Vorarlbergs ist er für die Umsetzung der EU-weiten Bekämpfungsrichtlinien verantwortlich. Seine Behörde muss bei jedem Ausbruch schnell und drastisch handeln: Betriebssperren verhängen, Tiere töten lassen und umfangreiche Untersuchungen anordnen. Greber wird bei der Diskussion die wissenschaftliche Perspektive einbringen und aufzeigen, welche Maßnahmen aus veterinärmedizinischer Sicht notwendig sind.
Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass Vorarlberg mit diesem Problem nicht allein steht. In Bayern kämpft die Landwirtschaft im Allgäu seit Jahren mit ähnlichen Herausforderungen. Dort hat man einen differenzierten Ansatz entwickelt: Gezielte Bejagung in Problemgebieten wird kombiniert mit verbesserter Stallhygiene und regelmäßigen Wildtiermonitorings.
Die Schweiz, deren Situation der in Vorarlberg besonders ähnelt, setzt auf ein dreistufiges System. Erstens werden Risikogebiete kartiert, in denen intensivere Überwachung stattfindet. Zweitens erfolgt eine gezielte Reduzierung von Wildtierbeständen nur in nachgewiesenen Infektionsherden. Drittens werden Landwirte bei der Umsetzung von Präventionsmaßnahmen finanziell unterstützt.
Besonders interessant ist das irische Modell. Dort, wo das Problem bereits in den 1990er Jahren massiv auftrat, kombiniert man heute Wildtiermanagement mit modernster Diagnostik. Genetische Fingerprinting-Verfahren können nachweisen, ob Infektionen tatsächlich vom Wild auf Nutztiere übertragen wurden oder ob andere Übertragungswege vorliegen.
Für Verbraucher entstehen durch die Rinder-Tuberkulose zunächst keine direkten Gefahren. Milch wird pasteurisiert, wodurch eventuelle Erreger abgetötet werden. Fleisch von infizierten Tieren gelangt aufgrund der strengen Kontrollen nicht in den Handel. Dennoch spüren Konsumenten die Auswirkungen indirekt über steigende Preise für regionale Milchprodukte und Rindfleisch.
Landwirte hingegen stehen vor existenziellen Problemen. Familie Huber aus Au-Rehmen, deren Betrieb betroffen ist, steht exemplarisch für viele Kollegen: "Wir haben über Generationen unseren Hof aufgebaut. Jetzt sind wir von heute auf morgen arbeitslos und wissen nicht, wie es weitergehen soll", beschreibt der Landwirt seine Situation. Die psychische Belastung für Bauernfamilien ist enorm, wenn sie zusehen müssen, wie ihre gesunden Tiere getötet werden.
Touristisch hat die Region ebenfalls mit Imageschäden zu kämpfen. Der Bregenzerwald lebt von seinem Ruf als naturnahe, gesunde Landschaft. Berichte über Tierseuchen können Urlauber verunsichern und zu Buchungsrückgängen führen. Hotels und Gastronomiebetriebe befürchten Umsatzeinbußen, obwohl für Touristen keinerlei Gesundheitsgefahr besteht.
Das ORF-Format "Ein Ort am Wort" verkörpert einen wichtigen Ansatz im österreichischen Mediensystem: Komplexe Themen werden nicht nur oberflächlich abgehandelt, sondern verschiedenen Interessensgruppen wird eine Plattform für ausführliche Diskussionen geboten. Moderator David Breznik steht vor der Herausforderung, zwischen emotionalen Landwirten, wissenschaftlich argumentierenden Veterinären und praktisch denkenden Jägern zu vermitteln.
Die multimediale Aufbereitung – Live-Übertragung im Fernsehen, Radio und Internet – gewährleistet, dass auch Bürger, die nicht persönlich anwesend sein können, an der Diskussion teilhaben. Dies entspricht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF, gesellschaftlich relevante Themen umfassend zu beleuchten und zur Meinungsbildung beizutragen.
Markus Klement, Landesdirektor ORF Vorarlberg, betont die Bedeutung des Formats: "Unser Motto – ORF Vorarlberg für alle – ist Programm: Bei ‚Ein Ort am Wort' ist Raum für alle Meinungen und unterschiedliche Perspektiven". Diese Herangehensweise ist besonders bei kontroversen Themen wie der Rinder-Tuberkulose wichtig, wo schnell Fronten entstehen können.
Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die Übertragung von Rinder-Tuberkulose zwischen Wild- und Nutztieren komplexer ist als ursprünglich angenommen. Das österreichische Institut für Veterinärmedizin führt derzeit Studien durch, bei denen Wildtiere systematisch auf Tuberkulose-Erreger untersucht werden. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Infektionsrate beim Rotwild regional stark schwankt.
Präventionsmaßnahmen können das Risiko erheblich reduzieren. Dazu gehören die Trennung von Futter- und Wasserstellen für Wild- und Nutztiere, regelmäßige Reinigung und Desinfektion von Stallanlagen sowie der Einsatz von Wildschutzgittern an neuralgischen Punkten. Moderne Biosicherheitskonzepte, wie sie bereits in der Schweine- und Geflügelhaltung Standard sind, können auch in der Rinderhaltung Anwendung finden.
Technologische Lösungen bieten zusätzliche Möglichkeiten. GPS-Tracking von Rindern auf Almweiden kann Aufschluss über Kontaktpunkte mit Wildtieren geben. Automatische Meldesysteme können Verhaltensänderungen bei Rindern frühzeitig erkennen und so eine schnellere Diagnose ermöglichen. Drohnengestützte Wildtiermonitoring-Systeme helfen dabei, Wildtierpopulationen und deren Gesundheitszustand zu überwachen.
Die Diskussion am 19. März wird voraussichtlich keine Patentlösung für das Tuberkulose-Problem bringen, aber sie kann einen wichtigen Grundstein für einen konstruktiven Dialog legen. Experten gehen davon aus, dass die vollständige Elimination der Rinder-Tuberkulose aus Vorarlberg mehrere Jahre dauern wird und nur durch koordinierte Anstrengungen aller Beteiligten möglich ist.
Mittelfristig wird wahrscheinlich ein Zonierungskonzept entwickelt, bei dem Risikogebiete genauer definiert und unterschiedliche Maßnahmen implementiert werden. In Hochrisikogebieten könnten strengere Überwachungsmaßnahmen und gezielte Wildtiermanagement-Programme eingesetzt werden, während in weniger betroffenen Bereichen die Standard-Überwachung ausreicht.
Die finanzielle Unterstützung betroffener Landwirte wird ein zentraler Punkt bleiben. Neben den bereits bestehenden EU-Beihilfen für getötete Tiere diskutiert man über zusätzliche Entschädigungen für Betriebsausfälle und Investitionshilfen für Präventionsmaßnahmen. Ein neues Förderprogramm könnte Landwirten dabei helfen, ihre Betriebe tuberkulose-sicher zu gestalten.
Langfristig könnte die Entwicklung neuer Impfstoffe eine Lösung bieten. Verschiedene internationale Forschungsprojekte arbeiten an Vakzinen, die sowohl bei Rindern als auch bei Wildtieren eingesetzt werden könnten. Bis zur praktischen Anwendung werden jedoch noch Jahre vergehen, da umfangreiche Sicherheits- und Wirksamkeitsstudien erforderlich sind.
Die Veranstaltung im Gasthaus Löwen bietet allen Beteiligten die Möglichkeit, ihre Standpunkte zu erläutern und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Angelika Simma-Wallinger, Chefredakteurin ORF Vorarlberg, unterstreicht die Bedeutung solcher Formate: "Bei ‚Ein Ort am Wort' bringen wir Themen, die unsere Regionen bewegen, mit umfangreicher und multimedialer Berichterstattung für alle aufs Tapet."
Für die betroffenen Landwirte ist die öffentliche Aufmerksamkeit ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hoffen sie auf Verständnis und Unterstützung aus der Bevölkerung. Andererseits befürchten sie, als "Seuchenherde" stigmatisiert zu werden. Die sachliche Aufklärung über die tatsächlichen Risiken und Übertragungswege ist daher essentiell.
Die Jägerschaft sieht in der Diskussion eine Chance, ihre Sicht der Dinge zu erläutern und aufzuzeigen, dass sie durchaus bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig möchten sie verhindern, dass das Rotwild pauschal als Sündenbock dargestellt wird, ohne dass andere mögliche Ursachen ausreichend untersucht wurden.
Veterinärbehörden können die Veranstaltung nutzen, um ihre Maßnahmen zu erklären und für Verständnis zu werben. Oft werden die drastischen Schritte wie Tiertötungen und Betriebssperren als übertrieben empfunden, obwohl sie gesetzlich vorgeschrieben sind und der Seuchenverhütung dienen.
Das Format "Ein Ort am Wort" zeigt exemplarisch, wie öffentlich-rechtliche Medien zur demokratischen Meinungsbildung beitragen können. Durch die Verknüpfung von lokalen Problemen mit überregionaler Relevanz entstehen Diskussionen, die über die unmittelbar Betroffenen hinaus gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Rinder-Tuberkulose im Bregenzerwald ist nicht nur ein regionales Problem, sondern steht stellvertretend für die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Ökonomie, Ökologie und Tierschutz.